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Familien-Initiative wellcome "Viele Eltern schämen sich, um Hilfe zu bitten"


Die Hamburger Initiative wellcome ist Partner der stern-Aktion "Familien in Not". Gründerin Rose Volz-Schmidt erklärt, was Familien in Not brauchen und wie das Geld der Paten eingesetzt wird.

Frau, Volz-Schmidt, Sie arbeiten seit vielen Jahren mit Familien. Was hat sich an deren Situation verändert?
Wir stellen fest, dass es immer mehr Eltern gibt, die gerade noch über die Runden kommen. Was ihre Zeit angeht oder auch das Geld. Deren Gehalt aber oft nicht reicht, um das Nötigste für ihre Kinder zu organisieren. Sie verzichten für ihre Kinder auf persönliche Bedürfnisse, um dann am Ende festzustellen, dass es trotzdem nicht langt.

Gab es nicht immer Familien, die knapp bei Kasse waren?
Dass Familien extrem aufs Geld achten müssen, ist nichts Neues. Aber wir können nicht mehr davon ausgehen, dass sie jemanden haben, der im Notfall eingreift wie sonst Großeltern, Freunde oder Paten, die da sind, wenn sie gebraucht werden. Das müssen wir neu organisieren, und das braucht die Hilfe aller.

Woher wissen Sie, welche Familien konkret was brauchen?
Von den Eltern, die uns anrufen. Sie schildern ihre Probleme und bitten um Hilfe. Weil wir nicht von einer Behörde kommen, vertrauen sie uns ihre Sorgen an. Wir nehmen uns Zeit und betrachten die Gesamtsituation, in der die Familie steckt. Unter den wellcome-Familien gibt es einige, denen mit einer zeitlichen Entlastung aber nur partiell geholfen ist. Bisher hatten wir aber kaum andere Möglichkeiten. Ich kenne eine Familie mit neugeborenen Drillingen, die kommen kaum vor die Tür, weil sie kein Geld für einen Kinderwagen haben. Und gerade jetzt vor Weihnachten ist es für viele Eltern schmerzlich, kleine Herzenswünsche ihrer Kinder nicht erfüllen zu können.

Was fehlt am dringendsten?
Das kann man so nicht sagen. Eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern braucht eine andere Unterstützung als eine junge Familie mit vier Kindern. Wir werden mit den Eltern sehr genau besprechen, wie das Geld der Paten eingesetzt wird; wir wollen nicht einfach nur Spenden verteilen. Das Geld soll wirken, damit Kinder gesund groß werden.

Viele Menschen wollen sich auch persönlich engagieren. Wäre dies nicht auch wichtig?
Wir freuen uns über jeden, der uns bei wellcome unterstützen möchte, Zeit mitbringt und Erfahrung. Aber: Bei der Patenaktion wollen wir die Eltern mit Hilfsangeboten, so gut sie auch gemeint sind, nicht bevormunden. Viele Eltern schämen sich, um Hilfe zu bitten. Sie wollen es alleine schaffen. Deshalb müssen wir erst mal Vertrauen herstellen. Vor allem möchten wir ausschließen, dass unter dem Vorwand der Hilfsbereitschaft vielleicht das Gegenteil erreicht wird. Wir möchten im besten Sinne Hilfe zur Selbsthilfe bieten.

Interview: Uli Hauser


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