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Familienpolitik: Mein Kind, meine Entscheidung

Der Staat pumpt Milliarden in die Familienförderung - aber die Geburtenrate steigt nicht an. Warum? Weil das Kinderkriegen eben keine politische Frage ist. Oder zumindest: nicht nur.

Ein Kommentar von Stefanie Schütten

Kinder. Ein Thema, das lange Zeit so weit entfernt erschien, kommt mir langsam aber sicher immer näher. Trotzdem verfolge ich die neu entbrannte Debatte über Familienpolitik mit mäßigem Interesse. Denn ob Kindergeld oder diverse andere Zuschüsse – wichtiger als mehr Bares für Eltern sind mir Veränderungen am Arbeitsplatz und ein flächendeckendes Betreuungsangebot, die es möglich machen, Beruf und Familie zu kombinieren.

Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will die heutigen Leistungen auf den Prüfstand stellen und verspricht Verbesserungen. Grundsätzlich ist das kein schlechter Gedanke. Wenn die Politik darüber nachdenkt, wie sie Familien mit Kindern entgegenkommen kann, ist das gut. Gleichzeitig denke ich, dass sich der grundsätzliche Kinderwunsch junger Paare nicht politisch lenken lässt. An meinem Kinderwunsch würde sich nichts ändern, wenn es morgen auf einmal kein Kindergeld mehr gäbe. Genauso wenig habe ich mir bisher Gedanken darüber gemacht, welche Steuervorteile mir Kinder bringen könnten.

Das alte Dilemma: Kinder und/oder Karriere

In der Debatte über Familienpolitik dürfen wir nicht vergessen, dass der Entscheidung für oder gegen Kinder zunächst einmal viele andere Fragen vorausgehen, die mit der Politik nichts zu tun haben: Bin ich bereit, einige Jahre meines Lebens ganz für meine Kinder zu leben? Kann ich mit der Stressbelastung umgehen? Habe ich den richtigen Partner? Will er auch Kinder? Und erst wenn ich all diese Fragen mit "ja" beantworten kann, denke ich darüber nach, wie ich meinen Wunsch mit meinen beruflichen Ambitionen kombinieren könnte und welche finanziellen Konsequenzen ein Kind für mich hätte.

Als 27-jährige frisch gebackene Hochschulabsolventin stehe ich vor dem gleichen Dilemma, wie so viele andere Frauen auch: Ja, ich möchte Kinder haben. Aber nein, ich möchte nicht nur Mutter sein, sondern auch beruflich etwas erreichen. Schließlich habe ich nicht jahrelang studiert, um danach in Küche und Kinderzimmer zu verschwinden. Genauso wenig erstrebenswert erscheint mir allerdings, meine Kinder an fünf Tagen die Woche von morgens früh bis abends spät in einer Kita abzugeben. Ich möchte nicht nur Kinder haben – ich möchte auch etwas von ihnen haben. Und für sie da sein.

4-Tage-Woche und Mentalitätsveränderung

In einer idealen Welt würden mein Partner und ich beide an vier Tagen die Woche arbeiten und jeweils einen Tag die Woche auf unsere Kinder aufpassen. An den verbleibenden drei Werktagen würden sie eine Kita besuchen, in der wir sie gut aufgehoben wüssten, ohne dafür ein kleines Vermögen los zu sein. Um dieser idealen Welt ein Stückchen näher zu kommen, müsste ich mich auf ein gutes, flächendeckendes Betreuungsangebot verlassen können. Es müsste normaler werden, auch in höheren Positionen mit verminderter Stundenanzahl zu arbeiten. Mein Arbeitgeber sollte nicht das Gesicht verziehen, wenn ich einmal nicht erscheinen kann, weil mein Kind krank ist. Und warum nicht auch mal von zu Hause aus arbeiten?

Auf die meisten dieser Veränderungen hat die Politik nur bedingt Einfluss, denn sie lassen sich nur schwer in Gesetzen festlegen. Vielmehr geht es dabei um eine Mentalitätsveränderung. Dafür kann sich die Regierung einsetzen – und das sollte sie auch – aber vieles lässt sich nicht erzwingen. Anders sieht es mit dem Betreuungsangebot aus: Hier hat die Politik Möglichkeiten, aktiv einzugreifen. Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz alleine reicht noch nicht. Es müssen auch Kitaplätze da sein.

Deutschland familienfreundlicher machen

Dass Themen wie Kinderfreibeträge, Ehegattensplitting und Kindergeld im Wahlkampf eine Rolle spielen, ist nicht überraschend. Und auch nicht schlecht. Trotzdem denke ich, dass man ihre Bedeutung nicht überschätzen sollte, wenn es darum geht, Deutschland familienfreundlicher zu gestalten. Es hängt vieles, aber nicht alles an der Politik. Auch die Gesellschaft ist gefragt - und vor allem die Arbeitgeber.

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  • Stefanie Schütten