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Familienunterstützung: Eine Paten-Omi zum Liebhaben

Schwerin, Plauen, Darry: Die Kindstötungen der vergangenen Wochen haben gezeigt, dass viele Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. In Mannheim springen bei einem Projekt der Caritas "Paten-Omis" ein, wenn Müttern der Alltag über den Kopf wächst.

Von Ingrid Eißele

Das Wohnzimmer, liebevoll mit Weihnachtsmännern ausstaffiert, ist picobello aufgeräumt, der Kaffeetisch gedeckt. Die Paten-Oma wird erwartet. "Sie ist ein absoluter Glücksfall für uns", sagt Brigitte Seifert. Bis vor wenigen Wochen arbeitete Brigitte Seifert, 41, noch als Altenpflegerin in einem Pflegeheim in Mannheim, doch jetzt hat sie der Arzt arbeitsunfähig geschrieben. Drei Ehen gingen in die Brüche, der zweite Ehemann schlug sie "beinah täglich", erzählt sie. Brigitte Seifert leidet unter Depressionen, vor zwei Jahren bekam sie auch noch einen Bandscheibenvorfall. "Überforderungssyndrom mit depressiver Symptomatik", diagnostizierte eine Psychotherapeutin.

Neben Schmerzattacken quälen sie Geldsorgen. Als angelernte Pflegekraft verdiente sie 634 Euro netto. Seit sie krankgeschrieben ist, erhält sie nur noch 60 Prozent, mit Kindergeld, Wohngeld und Unterhalt kommt sie auf rund 1600 Euro für sich und die Kinder Angie, 16, Mitchel, 9, und Cathy, 7. Den Ex-Mann bat sie um Winterkleidung für die Kinder. "Er hat abgelehnt." Selbst für Weihnachtsgeschenke ist kein Geld da. "Arme Schweine", bekommen ihre Kinder manchmal in der Schule zu hören, weil sie "falsch" angezogen sind.

Es fehlt Zeit zum Ausruhen

Besonders bedrückte sie, mit allen Sorgen allein zu sein. "Mein letzter Ehemann gab mir das Gefühl, wertlos zu sein. Das war fast noch schlimmer als die Schläge des Vorgängers." Eine Psychotherapie habe ihr geholfen - und Ingrid Grosam. Ohne sie, sagt Brigitte Seifert, "würde ich manchmal verzweifeln".

Seit 1999 gibt es in Mannheim das Projekt Paten-Oma, angeregt von allein-erziehenden Müttern, die sich keinen Babysitter oder eine Tagesmutter leisten können. "Was ihnen am meisten fehlt, sind gelegentlich ein paar Stunden Zeit zum Verschnaufen und die Gewissheit, dass die Kinder in guten Händen sind", sagt Roman Nitsch vom Caritas-Verband. Rund ein Dutzend Paten-Omas, darunter pensionierte Lehrerinnen oder Verwaltungsangestellte wie Ingrid Grosam, kümmern sich um Alleinerziehende und ihre Kinder. "Tatsächlich könnten wir viel mehr Omis gebrauchen", sagt Nitsch. Wenn eine Mutter schwer psychisch erkranke wie in Darry, "ist sie überfordert". Sie helfe aber, Überforderung erst gar nicht entstehen zu lassen. Nicht jede Bewerberin kommt durchs Auswahlverfahren. Frauen, die "emotional sehr bedürftig" sind, seien genauso wenig geeignet wie dominante Großmütter, die gleich mal die Küche aufräumen oder die Kinder richtig erziehen wollen.

"Ich hatte das dringende Bedürfnis, gebraucht zu werden."

Paten-Omi Ingrid Grosam, 59, wurde Brigitte Seifert vor einem Jahr vermittelt. Den Anstoß gaben Angie, Mitchel und Cathy. "Sie sagten, wenn wir wenigstens Oma und Opa hätten wie andere, wäre das schon ein Trost." Auch Ingrid Grosam ging es damals schlecht. Ihr Mann war im Oktober 2006 überraschend gestorben. Schon zwei Monate nach seinem Tod raffte sie sich auf und rief die Caritas an. "Gebt mir irgendetwas zu tun", bat sie. "Ich hatte das dringende Bedürfnis, gebraucht zu werden."

Ingrid Grosam bäckt gemeinsam mit den Kindern Pizza, hat Zeit für Gespräche mit Mitchel, 9, lässt sich von Cathy, 7, schminken und mag alle gern knuddeln. Besonders die 16-jährige Angie ist froh über das neue Familienmitglied. "Für ihr Alter ist sie ziemlich fit und gar nicht konservativ", sagt die Realschülerin. Oma Ingrid spendierte Angie Jeans und Pullis für den Winter. Das ist eigentlich nicht im Paten-Omi-Programm vorgesehen. Im Gegenteil: Die Familien sollen den Omas pro Stunde ein bis zwei Euro - den Gegenwert eines Fahrscheins - bezahlen. "Aber viele verzichten darauf", beobachtet Roman Nitsch.

"Die Kinder geben so viel zurück", sagt sie, "selbst eigene Enkel könnten nicht mehr an einem hängen." Brigitte Seifert kann die Hilfe inzwischen annehmen. "Am Anfang war das schwierig. Aber Ingrid hat mir das warme Gefühl gegeben, dass es in Ordnung ist - weil es auch ihr selbst gut tut."

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