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Fastenmonat Ramadan Frankreich entdeckt Islam-Produkte


Bücher über Ramadan-Küche und viele Produkte im Supermarkt-Regal, die zum Islam passen: In Frankreich fasten heute im Ramadan mehr Menschen als früher. Auf die Frage, warum das so ist, gibt es unterschiedliche Erklärungen.

Für fromme Muslime wird es in diesem Jahr noch ein bisschen schwerer: Der Fastenmonat Ramadan fällt mitten in den Hochsommer. In Frankreich, wo innerhalb Westeuropas die größte muslimische Gemeinde lebt, stellen sich viele Muslime darauf ein, früher mit der Arbeit zu beginnen. Auf diese Weise können sie wenigstens noch ein paar Stunden mit vollem Magen arbeiten. Der Ramadan nimmt seit Jahren in Frankreich, wo schätzungsweise fünf bis sechs Millionen Muslime leben, einen immer breiteren Platz in der Gesellschaft ein. Nicht zuletzt die großen Supermarktketten stellen sich auf ihre muslimische Kundschaft ein, die für das abendliche Fastenbrechen gerne gut einkauft.

Sogenannte , die den islamischen Reinheitsgeboten entsprechen, haben sich eine bedeutende Nische erobert. Ihre Kundschaft sei in Frankreich etwa viermal so groß wie die von Bioprodukten, meint die Soziologin Florence Bergeaud-Blackler. "Die großen Ketten haben lange gezögert, "religiöse" Produkte anzubieten", sagte die Wissenschaftlerin der Zeitung "Libération". Es bestand die Sorge, dass dies als Angriff auf die laizistische Tradition Frankreichs gewertet würde, die die Religion in die Privatsphäre verbannt. Außerdem fürchteten die Anbieter Proteste von ausländer- und muslimfeindlichen Rechtsextremen.

"Aber letztlich war es sinnvoller, das Risiko einzugehen, als auf diese Klientel zu verzichten", meint die Soziologin. Die Supermarktkette Casino hat die Marke Wassila eingeführt, bei Carrefour laufen Halal-Produkte unter dem Handelsnamen Sabrina. Viele Geschäfte in Frankreich richten zum Ramadan Angebotstische oder Sonderregale ein und bieten dort unter anderem Trockenfrüchte und alkoholfreie Getränke an. Die meisten verzichten allerdings darauf, das Wort Ramadan in der Werbung zu benutzen, und setzen eher auf "orientalische Spezialitäten".

In diesem Jahr haben auch erstmals die Buchläden der französischen Fnac-Kette ein spezielles Ramadan-Angebot. Es umfasst unter anderem ein Kochbuch ("Ramadan-Küche"), aber auch religiöse Werke ("Islam verstehen") oder soziologische Bücher ("Franzose und Muslim sein").

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Zahl der Muslime in Frankreich, die während des Ramadans fasten, von einem Drittel auf etwa 70 Prozent angewachsen. Der Vorsitzende des Muslimrates, Mohammed Moussaoui, sieht darin "eine Rückkehr zur Spiritualität, ein typisches Krisenphänomen". Andere vermuten hinter der strengen Vorschrift, tagsüber auf Essen, Trinken, Rauchen und Sex zu verzichten, auch eine identitätsstiftende Praxis.

Gerade unter jungen Muslimen der zweiten Einwanderergeneration ist die Quote der Fastenden besonders hoch. Möglicherweise hat auch die Debatte über den Vollschleier bei manchen Muslimen den Wunsch verstärkt, ihre Religionszugehörigkeit öffentlich zu demonstrieren. Aber auch im politischen Leben Frankreichs hat der Ramadan längst seinen festen Platz. Viele muslimische Gemeinden laden Politiker zum traditionellen Fastenbrechen ein - und das ist meistens ebenso zeitaufwendig wie kaloriengeladen.

Ulrike Koltermann, DPA DPA

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