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Fassaden wie Zunder: Feuerwehr-Chef aus Frankfurt mahnt: Warnschuss aus London endlich ernst nehmen

Zwei Wochen nach der Brandkatastrophe von London wird in Wuppertal ein Hochhaus geräumt. Ein Haus mit ähnlicher Fassade wie der Grenfell Tower, mit Fluchtwegen, die zu Fallen werden könnten.

Zwei Wochen nach dem Grenfell-Tower-Brand von London wurde ein Hochhaus in Wuppertal geräumt

Zwei Wochen nach dem Grenfell-Tower-Brand von London wurde ein Hochhaus in Wuppertal geräumt

Reinhard Ries, Leiter der Feuerwehr Frankfurt am Main

Reinhard Ries, Leiter der Feuerwehr Frankfurt am Main

Als Konsequenz aus der Brandkatastrophe von London fordern Feuerwehrfachleute einen besseren Brandschutz für Gebäude in Deutschland. Dabei gehe es explizit um Häuser unterhalb der Hochhausgrenze, also Häuser zwischen 7 und 22 Metern, sagte der Leitende Branddirektor der Frankfurter Feuerwehr, Reinhard Ries, der Deutschen Presse-Agentur. "Wir können nur hoffen, dass der Warnschuss aus London endlich ernstgenommen wird", erklärte Ries. Ab einer Gebäudehöhe von 22 Metern sind in Deutschland nicht-brennbare Fassaden vorgeschrieben. 

Wohnhaus in Wuppertal geräumt

In Wuppertal war am Dienstagabend ein elfstöckiges Wohnhaus geräumt worden, dessen Fassadendämmung dem ausgebrannten Wohnturm in London ähneln soll. Zudem habe der Bau Fluchtwege, die bei einem Fassadenbrand selbst von den Flammen bedroht würden, sagte am Mittwoch Jochen Braun, Ressortleiter Bauen und Wohnen der Stadt, der Nachrichtenagentur DPA.

Die Stadt habe damit begonnen, alle 70 Hochhäuser auf ihrem Gebiet zu untersuchen, betonte Braun. Die Eigentümer seien angeschrieben und um den Nachweis gebeten worden, dass die Fassaden nicht brennen können. Parallel dazu prüfe die Stadt mit der Feuerwehr die Fluchtwege in diesen Häusern. Braun sagte, er erwarte nicht, dass dabei Gefahren deutlich werden wie bei dem bereits geräumten Hochhaus. 

Bei dem Großbrand in der britischen Hauptstadt waren vor genau zwei Wochen mindestens 79 Menschen ums Leben gekommen. Aus einigen Bundesländern kamen danach Rufe nach Konsequenzen. Feuerwehr-Chef Ries zufolge behauptet ein Großteil der Fachwelt einschließlich Industrie und Politik, die Wärmedämmverbundsysteme seien sicher. Dies sei aber nicht der Fall, sagte er. Die Frankfurter Feuerwehr gilt als Vorreiter für Brandschutz bei höheren Gebäuden - auch, weil in der Main-Metropole bundesweit die meisten Hochhäuser stehen.

London: Defekter Kühlschrank entfacht Feuer

In London hatte ein defekter Kühlschrank das Feuer entfacht, das sich über die Fassade rasend schnell durch alle 24 Stockwerke des Sozialbaus fraß. Bei einer Untersuchung anderer Hochhäuser in Großbritannien stellten Fachleute seither bei allen 95 bisher überprüften Gebäuden eine erhöhte Feuergefahr fest. Der Hersteller der Fassadenteile stoppte inzwischen den Verkauf des betreffenden Materials für Hochhäuser.

Der Grenfell Tower in London: Vor Kurzem noch Heim, jetzt Mahnmal

Der Grenfell Tower in London: Vor Kurzem noch Heim, jetzt Mahnmal


Die Länder prüfen

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann leitete nach eigenen Angaben erste Schritte zur Überprüfung insbesondere von Gebäudedämmungen ein. "Mir geht es hier insbesondere um die Überprüfung, ob die aus energetischen Gründen geforderte Außendämmung bei Häusern unter 22 Meter Höhe eine zusätzliche Brandgefahr auslöst und ob es bei unseren einschlägigen Vorschriften und deren Umsetzung Handlungsbedarf gibt", teilte der CSU-Politiker auf Anfrage mit.

Niedersachsen und Bremen befürworten eine länderübergreifende Initiative. Bevor jedes Bundesland mögliche Konsequenzen prüfe, solle sich eine länderübergreifende Arbeitsgruppe mit dem Thema beschäftigen, forderte der Sprecher des Bremer Bauressorts, Jens Tittmann. Schlüsse aus dem Hochhausbrand könnten erst gezogen werden, wenn die genauen Ursachen bekannt seien. Noch sei unklar, was dort verbaut wurde. Sobald die Hintergründe bekannt sind, solle geprüft werden, welche Folgen sich für die deutsche Gesetzgebung ergeben: "Wir haben in Deutschland völlig andere Standards als in Großbritannien."

Feuerwehr-Chef: Nach jedem Geschoss ein Brandriegel

Dem Frankfurter Feuerwehrchef zufolge hat eine Fassadenkonstruktion im Jahr 2012 in Frankfurt und 2016 in Duisburg zu ähnlichen Vorfällen wie in London geführt, nur mit deutlich geringerem Schaden. "Unsere konkrete Forderung lautet: Das Erdgeschoss muss so verkleidet sein, dass es nicht brennbar ausgestaltet ist und dass es nach jedem Geschoss einen Brandriegel gibt", sagte Ries. Erst vor zwei Wochen, unmittelbar vor dem Unglück in London, hätten unter anderem die Berufsfeuerwehren und der Deutsche Feuerwehrverband ein Papier erstellt, das vor Polystyrolschaum als Dämmstoff warnt.

Brennbare Fassadenteile bei Hochhäusern seit langem verboten

Die Hamburger Feuerwehr erklärte, dass bei Hochhäusern die Verwendung brennbarer Fassadenteile seit langem verboten ist. Bei Häusern, die niedriger sind, dürfe Polystyrol als Wärmedämmung verwendet werden. Die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren habe das schon vor Jahren kritisiert und - bislang vergeblich - ein Verbot gefordert.

pg/AFP/DPA