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Festgefahrene Situation: Sicherheitsrisiko in Saarbrücken? Darum ist fast die Hälfte aller Feuerwehrleute krank

Von "enormer psychischer Anspannung" spricht die Feuerwehr-Gewerkschaft. Über 90 der rund 200 Feuerwehrleute Saarbrücken sind krankgeschrieben, wegen einer Personalie. Ist die Sicherheit in Gefahr?

Feuerwehr in Saarbrücken

Es brennt bei der Feuerwehr in Saarbrücken. Das Bild zeigt Löscharbeiten im Gerätehaus einer Feuerwache im Stadtteil Altenkessel im Dezember 2018

DPA

"Mit Professionalität und Motivation" sorge die Feuerwehr in Saarbrücken für Sicherheit in der Landeshauptstadt, heißt es in der Selbstdarstellung der Brandbekämpfer.

Professionalität und Motivation will den 205 Beamten der Berufswehr niemand absprechen. Dass sie allerdings noch voll umfänglich für Sicherheit in Saarbrücken sorgen können, darf zumindest bezweifelt werden. Denn zurzeit haben sich 92 der Helfer krankgemeldet.

Was ist da los? Legt eine Grippewelle die Saarbrücker Feuerwehr lahm? Danach sieht es nicht aus. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass die Feuerwehrleute wegen einer Personalie Bauchschmerzen bekommen haben.

Personalquerelen bei der Feuerwehr Saarbrücken

Das Oberverwaltungsgericht des Saarlandes hatte am Dienstag endgültig entschieden, dass der langjährige Leiter des Amtes für Brand- und Zivilschutz, also quasi der Chef der Feuerwehrleute, seinen Posten zurückerhalten muss. Josef Schun war im Dezember 2017 von seinem Amt freigestellt worden, wie die "Saarbrücker Zeitung" berichtet, und soll anschließend im Baudezernat tätig gewesen sein.

Als Gründe für die Freistellung wurden dem Bericht zufolge zunächst mögliche Fehler Schuns bei einem Brand mit vier Toten und die angeblich nicht korrekte Spende eines Feuerwehrfahrzeuges an einen Verein genannt. Beide Vorwürfe wurden gerichtlich ausgeräumt.

Stattdessen sagte Stadtsprecher Thomas Blug dem Blatt am Mittwoch: "Das Vertrauensverhältnis zwischen großen Teilen der Feuerwehrmannschaft, des Leitungsdienstes und Josef Schun ist (...) auch wegen seines Führungsverhaltens zerstört." Laut "Bild"-Zeitung stehen auch Mobbing-Vorwürfe im Raum, von einem "unmenschlichen Umgang" sei unter den Feuerwehrleuten die Rede.

Und doch: Schun darf wieder an die Spitze der Feuerwehr zurückkehren, auf dem Rechtsweg erkämpfte er sich seinen alten Job zurück – gegen alle Widerstände. "Dieser Beschluss ist nicht mehr anfechtbar", teilte der Sprecher der Stadt dem stern mit.

"Es ist ein deutliches Zeichen, wenn sich sogar die mittlere Führungsetage einer Berufsfeuerwehr geschlossen gegen den Amtsleiter stellt," erklärt Ingo Schäfer, Chef der Deutschen Feuerwehr-Gesellschaft, zu der Personalie. Auch er spricht von einem "autoritären Führungsstil", der "heutzutage nicht mehr toleriert werden", könne.

"Enorme psychische Anspannung"

Die Situation löse eine "enorme psychische Anspannung" aus, die "irgendwann zu groß werden" und zum Selbstschutz eine Krankmeldung erforderlich machen könne. Schun selbst will sich laut "Saarbrücker Zeitung" nicht zu den Vorwürfen äußern.

Doch die Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr in Saarbrücken sind nicht irgendwelche Arbeitnehmer. Sie sind Beamte, haben einen Eid geschworen und tragen eine enorme Verantwortung. Schließlich hängt die Sicherheit der 180.000 Einwohner auch von ihnen ab.

Dass sich nun fast die Hälfte der gut 200 Mitarbeiter krankgemeldet hat, ließ bei den Verantwortlichen die Alarmglocken schrillen. Die Konsequenz: Ein normales Attest reicht nun nicht mehr, alle 92 Erkrankten müssen beim Amtsarzt antreten. 46 von ihnen seien dort bisher vorstellig geworden, wie die Stadt mitteilte. Alle Krankschreibungen haben sich demnach bestätigt.

Der Krach hinter den Kulissen, der sich inzwischen auf die große Bühne verlagert hat, hat damit ernste Auswirkungen: So ist nach Angaben der Stadtverwaltung eine der beiden Feuerwachen der Berufsfeuerwehr "vorerst unbesetzt". Dennoch versucht man im Rathaus, den Bürgern Sicherheit zu vermitteln: "Die Stadt stellt den Brandschutz sicher", verspricht Sprecher Blug. Zur Wahrheit gehört dabei aber auch, dass dies offenbar nur möglich ist, weil rund 750 Saarbrücker die Sache selbst in die Hand nehmen: in der Freiwilligen Feuerwehr. Die Ehrenamtlichen stehen rund um die Uhr bereit, um im Ernstfall helfen zu können. Arbeit und Freizeit der Freiwilligen bleiben dadurch auf der Strecke. Ehrensache für die Ehrenämtler. "Für mich ist es selbstverständlich, dass wir die Sicherheit der Stadt gewährleisten. Wenn es sein müsste, würde ich das wochenlang machen", zitiert die "Bild"-Zeitung einen der Brandbekämpfer.

Oberbürgermeisterin Charlotte Britz weiß, was sie an den Männern und Frauen hat: "Ich möchte mich ausdrücklich nochmals bei allen Beteiligten für ihr Engagement bedanken – und ganz besonders bei den Ehrenamtlichen der Freiwilligen Feuerwehr. Das ist keine einfache Situation, umso höher ist ihr Einsatz zu bewerten."

Wie die Oberbürgermeisterin und ihre Mitarbeiter im Rathaus die verfahrene Lage lösen wollen, ist indes unklar.

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Quellen: Feuerwehr Saarbrücken, Deutsche Feuerwehr-GewerkschaftStadt Saarbrücken, "Saarbrücker Zeitung", "Bild"-Zeitung" I, "Bild"-Zeitung II

tis