HOME

Flatrate-Bordell Pussy-Club: 1,16 Euro pro Frau

Der für Flatrate-Sex bekanntgewordene Pussy-Club in Fellbach ist nach einer Razzia geschlossen worden. Offizieller Grund: hygienische Mängel. Eine Massagebank soll stark verschmutzt gewesen sein. Zwei Abende vorher hatte stern.de-Autor Philipp Mausshardt das Bordell inspiziert - auch die Massagebank. Ein Erfahrungsbericht.

Nun ist der berühmt-berüchtigte Pussy-Club schon wieder dicht, seine Betreiberin wird dem Haftrichter vorgeführt. Erst Anfang Juni hatte das sogenannte Flatrate-Bordell vor den Toren Stuttgarts eröffnet und die Welt der Schwaben gehörig durcheinander gebracht. Für 70 Euro Eintritt erhielten die Schnäppchenjäger nicht nur Getränke, Essen, Sauna und Massagen, sondern auch "Sex so oft du willst, so lange du willst und wie du willst" (Eigenwerbung). Das unmoralische Angebot wirkte: Am Eröffnungstag kamen 1700 willige Männer, vor den Zimmern der Frauen bildeten sich lange Schlangen, und bis zur Schließung riss der Zustrom nicht mehr ab.

Was aber passierte wirklich hinter den Türen des Pussy-Clubs? stern.de-Autor Philipp Mausshardt hat das Lusthaus genau unter die Lupe genommen - zwei Abende vor der Polizei-Aktion.

Das gedämpfte Licht an der Eingangstheke zum Pussy-Club reicht gerade aus, um einen 50 Euroschein von einem 20er zu unterscheiden. "Welche Schuhgröße?", will die junge Frau von mir wissen und reicht mir ein paar blaue Plastikschlappen, ein Handtuch und einen Schlüssel mit der Nummer 224 über den Tresen. "Umziehen dort", sagt sie in gebrochenem Deutsch und weist auf einen Raum, der den Charme einer Umkleidekabine der Bundeswehr ausströmt. Männer stopfen ihre Hosen und Hemden in die Metallspinde und wickeln sich hastig das Handtuch um ihr Gemächt. Hier sehe ich zum ersten Mal an diesem Vormittag nacktes Fleisch. Männerfleisch.

Dann geht es durch einen Flur ins Gefecht.

1,16 Euro pro Frau - rein rechnerisch

Schon auf den ersten Metern zum "Kontaktraum" rutscht bei vielen das viel zu kurze Handtuch. Macht nix, schließlich haben die 60 Frauen ja auch kaum etwas an, die in den tiefen Kunstledersesseln lümmeln. Jetzt erst mal eine Cola an der Theke und ganz ruhig durchatmen. Neben mir verlangt einer schon sein erstes Bier. Er scheint zufrieden, obwohl es "Oettinger" heißt. "Prost", sage ich und "Prost" sagt Ralf, Bezirksschornsteinfeger von der Schwäbischen Alb.

Die Schwaben machen einen großen Unterschied zwischen teuer, billig und umsonst. "Was nix koscht, isch au nix", sagen sie. Ein bissle zahlen tun sie dagegen gerne. "Günschtig" findet darum Ralf die Vorstellung, mit 60 Frauen Sex zu haben. Die Illusion teilt er mit rund 250 Männern. Und so ist der Kontakthof auch bald abgeräumt wie ein Schnäppchenständer beim Hertie-Ausverkauf.

"Macht 1,16 Euro pro Frau", rechne ich auf dem Weg zu den Massageliegen. Obwohl Masseur Philipp, der wohl der einzige "staatlich anerkannte" Arbeiter in diesen Räumen ist, hat er nicht viel zu tun. Während der Rheinländer mir die Rückenmuskeln durchknetet, philosophiert er über den süddeutschen Volksstamm. "Siehst du die Trinkgeldkasse dort? Kannste schütteln, hörste nichts. Ist hier immer so."

"Ich kann nicht mehr"

Hunger. Auf dem Weg zur Puff-Kantine komme ich an vielen Zimmern vorbei. Auch an den Türen wurde offenbar gespart. Nur Streifenvorhänge verdecken unzulänglich die Sicht auf die Betten. Ein voluminöser Herr wackelt auf einer zierlichen Frau herum. Sie schaut zur Tür, ich winke freundlich, sie winkt zurück. Er bemerkt es nicht und wackelt weiter. "Gute Verrichtung", will ich noch sagen, verschlucke es aber und stehe kurz darauf vor einem Buffet. Ich lade ein paar lauwarme Pommes (lommelig), einen Hühnerschlegel (lätschig) und Salat aus Mixed Pickles (lausig) auf den Plastikteller und schaue das Gericht lange an. Außer mir isst hier niemand. Auch in der Sauna bin ich kurz darauf der einzige Gast.

Endlich, auf der Dachterrasse, treffe ich einen erschöpften Herrn. Dieter heißt er und er ist Malergeselle aus Heilbronn. Sein verrutschtes Handtuch entblößt seine Männlichkeit. "Ich kann nicht mehr", sagt Dieter ungefragt und man sieht, dass es stimmt. Schnell wechselt das Gespräch auf das Malerhandwerk und die rigide deutsche Handwerksordnung. "Die Innung wirft dir Schtoi (Steine) in den Weg, wo immer sie kann."

Im Pussy-Club beginnt der Endspurt

Immerhin, da kann noch jemand, denke ich und hole mir jetzt auch ein Oettinger. Am Tresen setzt sich ein Mädchen neben mich. Sie ist Rumänin und spricht, wie sich herausstellt, vier Wörter deutsch: "hinten, vorne, oben, unten". Das genügt zum Verstehen der Stellungsbefehle. Als sie bemerkt, dass ich italienisch spreche, bittet sie mich: "Stai qui e parli con me" (bleib hier und rede mit mir). Es sei ihre einzige Chance, für eine Weile in Ruhe gelassen zu werden. Ich tue ihr den Gefallen und weiß nach einer Stunde und drei weiteren Oettinger viel über rumänische Familienverhältnisse. Es ist jetzt 15 Uhr: Endspurt im "Pussy-Club". In einer halben Stunde ist Ladenschluss für die Frühschicht, bis es um 20 Uhr wieder heißt: alles inklusive.

Doch am Abend kostet der Eintritt 100 Euro. Zu viel für die Schwaben. Der Laden brummt deshalb nur in den Mittagsstunden, abends ist es leer.

Das Licht geht an und Sekunden später verlassen die meisten Männer wort- und grußlos den Kontaktraum in Richtung Umkleidekabine. Wie sagen sie hier: "Net geschimpft isch genug gelobt."