HOME

Fluchtversuch über Berliner Mauer: Gedenken an Peter Fechters öffentlichen Tod

Er war eines der berühmtesten Opfer der Berliner Mauer: Der 18-jährige Peter Fechter wurde 1962 von Grenzsoldaten erschossen. Heute hat der Berliner Senat ihm gedacht.

Mit einer Andacht und einer Diskussion über den Wert der Freiheit hat der Berliner Senat am Freitag des Maueropfers Peter Fechter gedacht. Regierungschef #Link;http://www.stern.de/politik/deutschland/klaus-wowereit-90250530t.html;Klaus Wowereit# (SPD) würdigte den 18-jährigen Maurer als ein Symbol dafür, was junge Leute wollen - ihre Freiheit. Darauf habe das diktatorische DDR-System in unvorstellbar grausamer Weise reagiert, sagte Wowereit bei einer Debatte mit Schülern aus Berlin und Helsinki anlässlich des 50. Todestages von Fechter.

Peter Fechters Sterben war öffentlich, das machte ihn zum bekanntesten Opfer der Berliner Mauer. Am 17. August 1962 verblutete der 18-Jährige nach einem Fluchtversuch vor den Augen dutzender Zeugen auf dem Grenzstreifen in der Zimmerstraße in Berlin-Mitte. 35 Schüsse gaben die DDR-Grenzsoldaten auf den Wehrlosen ab, so mancher sprach später von einer regelrechten Hinrichtung.

"Als er schon angeschossen war, zielten die DDR-Grenzsoldaten weiter auf ihn", sagt die Historikerin Christine Brecht. Sie hat Fechters Fall für die Dokumentation "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 - 1989" recherchiert, in der die Geschichten der 136 Mauertoten in der einst geteilten Stadt erzählt werden. Vier Seiten sind Fechter gewidmet - nicht viel mehr als den anderen, wenngleich sein Fall ungleich bekannter wurde.

"Damals befanden sich wohl zufällig Kameraleute in der Nähe", berichtet Brecht. Die Bilder von Fechters Sterben seien deshalb um die ganze Welt gegangen. Die Schwarzweiß-Fotos von damals zeigen einen jungen Mann hilflos am Boden liegend - ohne Schuhe, in dunklem Pullover und dunkler Hose. Auf anderen Bildern tragen DDR-Grenzsoldaten den leblosen Körper mit grimmigen Gesichtern fort.

Der Fluchtplan sei "aussichtsreich" gewesen

In der DDR war Fechter politisch unauffällig. 1944 geboren wuchs er in Berlin auf - einer vom Krieg gezeichneten Stadt, von den Alliierten kontrolliert, aber noch durchlässig. "Fechter hatte wie viele andere, die später flüchten wollten, eine Schwester, die im Westteil Berlins wohnte", sagt Brecht. Der Besuch im Westen gehörte zum Leben - bis zum Mauerbau im August 1961. "Dadurch wurde den Jugendlichen die Perspektive genommen", begründet Brecht die sich ausbreitende Unzufriedenheit.

Mit einem Arbeitskollegen sprach Fechter über Flucht, ohne dass es einen konkreten Plan gab. Der entstand erst, als die beiden Bauarbeiter an der Schützenstraße in Berlin-Mitte ein Ruinengebäude entdeckten, in dem eine Tischlerei untergebracht war. Die rückwärtigen Fenster führten zur Zimmerstraße - und somit fast an die Mauer. Zwei Tage später beschlossen die beiden jungen Männer in der Mittagspause, nicht mehr zur Baustelle zurückzukehren, sondern sich in dem Gebäude umzusehen.

"Dort standen zwar Grenzsoldaten, aber sie kontrollierten niemanden", sagt Brecht. Der Plan sei "aussichtsreich" gewesen. Es gelang den beiden, die Tischlerei zu durchqueren ohne aufzufallen. Durch ein Fenster sprangen sie aus dem Haus auf den Grenzstreifen. Ihre Schuhe zogen sie aus und liefen auf Strümpfen zur Mauer.

Fechter wird erst nach fast einer Stunde geborgen

Auf der Westseite beobachteten Polizisten und Passanten entsetzt die Szene. "Die West-Berliner Polizisten hätten über die Mauer gemusst, um zu helfen. Sie fühlten sich jedoch von den DDR-Grenzern bedroht", sagt Brecht. Der "Kampf um die territoriale Vorherrschaft" sei damals noch akut gewesen.

Ganz in der Nähe des Tatorts lag der Checkpoint Charlie, der von US-Soldaten bewachte Grenzübergang für Ausländer. Doch auch sie griffen nicht ein: "It's not our problem", soll einer von ihnen geäußert haben. Und so vergingen nach Angaben der Historikerin Brecht fünfzig lange Minuten, bevor Fechters Körper geborgen wurde. Minuten, in denen der junge Mann auf tragische Weise in die Geschichte einging.

Heute erinnert noch ein unauffälliger Gedenkstein am Todesort an Fechter. Wie Kulturstaatsminister #Link;http://www.stern.de/kultur/bernd-neumann-90330039t.html;Bernd Neumann# (CDU) oder Klaus Wowereit (SPD) fände auch Brecht es gut, eine Straße nach ihm zu benennen, um die Erinnerung an die dramatischen Ereignisse wach zu halten. "Dann wäre sein Name eine Adresse."

DPA/Mechthild Henneke, AFP / DPA