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Flüchtlingskrise auf Lesbos Der Trainer und sein Schützling

Der Trainer und sein größtes Talent: Evangelos Spanos (l.)und Paul Asema ­Yongo beim Training. Asema, sagt Spanos, könne es nach ganz oben schaffen
Der Trainer und sein größtes Talent: Evangelos Spanos (l.)und Paul Asema ­Yongo beim Training. Asema, sagt Spanos, könne es nach ganz oben schaffen
© Murat Türemis
Auf der griechischen Insel frieren Flüchtlinge und enden Träume. Für Asema aber begann ein neuer – dank Evangelos Spanos, seinem Coach

Ein Orangendieb. Damit fing es nicht an, aber an jenem Tag wurde Spanos klar, dass er sich längst für eine Seite entschieden hatte. Die gegnerische ­Seite, wie viele auf der Insel Lesbos sagen würden. "Mein Gott“, sagt Spanos, "wir haben doch so viele Orangen.“

Der Dieb, ein junger Flüchtling, ein Afghane, eine Tüte links, eine rechts, beide voll mit Orangen, rannte ums Eck, die Landstraße hoch nach Moria. Weg war er. Nun standen sich auf der Straße gegenüber: ein Nachbar, dem die Orangenbäume gehörten, und Spanos, von dessen Fußballtraining der Dieb kam.

Wenn Nachbarn zu Feinden werden

Spanos betreibt einen Mini-Fußballklub, drei kleine Felder, auf denen er trainiert und die er an Freizeitteams vermietet. Nah genug am Flüchtlingslager, dass auch die Jungen von dort zu Fuß kommen konnten.

Sein Nachbar schrie Spanos an: Du hast sie hierhergebracht! Du verdienst an ­ihnen! Später wird sich Spanos entschuldigen, bevor er die Worte des Nachbarn wiedergibt: Malaka, Wichser. Fuck you. Der sanfte Spanos, der Streit scheut, lief auf den Mann zu, bereit, ihn zu verprügeln. Jetzt wirklich. Im letzten Moment ging ein anderer Nachbar dazwischen.

Keine Schlägerei, keine Wunden. Äußerlich. In Spanos drinnen gab es die Wunden schon lange, nicht erst seit dem Tag des Diebstahls. Spanos, 55, mit Vornamen Evangelos, der Fußballtrainer von Moria, will nicht aufgeben. Aber vielleicht muss er. Flüchtlingen helfen, das ist das eine, aber wenn es das eigene Leben übernimmt? Wenn Freunde dich verlassen, Nachbarn zu Feinden werden? Das ist was anderes. Da geht es dann darum, wer man sein will. Oder einfach, wer man ist.

Asema: fast totgeprügelt nachdem er seine Eltern sterben sah

Paul Asema Yongo ist 19 und will Profifussballer in Euroa werden
Paul Asema Yongo ist 19 und will Profifussballer in Euroa werden
© Murat Türemis

"Er ist mein Vater“, sagt Asema, 19, Nachwuchshoffnung. Sein neues Leben begann eine Weile vor dem Orangendiebstahl, etwas mehr als 4000 Kilometer Luftlinie von Lesbos entfernt. Es passierte an einem Tag im Herbst vor vier Jahren in Bai Panya, seinem Heimatdorf in Kamerun. Am Fuß eines Vulkans, des Kamerunbergs, umgeben von Kakaoplantagen.

Das Leben hat Paul Asema Yongo damals ins Gesicht geschlagen, und nicht nur ins Gesicht, er trägt die Spuren noch am Körper. Danach hat es ihn fortgetragen, immer weiter weg. Bis hin zu dem Angebot eines griechischen Fußballklubs. Asema, die Nummer 10. Asema, das ­Talent. Er hat zu Gott gebetet, lass mich der beste Fußballspieler der Welt werden. Ist ihm egal, was Messi dazu sagt.

Soldaten, damit fing es an. Sie stürmten damals, so erzählt es Asema, durch Bai ­Panya. Eines der vielen kleinen Verbrechen eines Bürgerkriegs, der es in Europa nie in die Schlagzeilen schafft: zwischen der frankophonen Zentralregierung und der Englisch sprechenden Minderheit. Hütte um Hütte zündeten die Soldaten an, Haus um Haus, bis das ganze Dorf brannte. Einen der Kakaobauern, den Dorfvorsteher, zerrten sie vor ihre Gewehre und erschossen ihn. Sie erschossen auch seine Frau. Den jüngsten Sohn der beiden, der den Mord mit­ansehen musste, prügelten sie bewusstlos.

Der Sohn war Asema. Als er aufwachte, fand er sich in einer Klinik in Nigeria wieder. Aber bei Bewusstsein, sagt Asema heute, sei er eigentlich immer noch nicht ganz. Asema hatte keine Wahl. Hatte Spanos eine?

Griechische Eltern meldeten ihre Söhne bei Spanos ab

An einem verregneten Lockdown-Tag im Dezember, sitzt Spanos auf seiner Terrasse, vor sich einen Kaffee, und schaut über seine leeren Fußballfelder. Wegen Corona sind sie leer, aber vorher schon kamen von Jahr zu Jahr weniger griechische Spieler zu ihm. Sie buchten andere Felder, die Eltern meldeten ihre Söhne bei ihm ab. Sie sagten ihm nicht, warum, und Spanos fragte auch nicht. Er kannte die Antwort.

Er hatte die Teams mit Flüchtlingen ­gemischt. "Schon schwer zu akzeptieren“, sagt er. Wenn sich die Felder im neuen Jahr nicht bald wieder füllen, was dann? Auf sein Haus läuft ein Kredit, seine beiden Töchter studieren. Kein Geld zu verdienen kann er sich eigentlich nicht leisten.

Trainingsspiel der Flüchtlinge auf Spanos’ Platz
Trainingsspiel der Flüchtlinge auf Spanos’ Platz
© Murat Türemis

Bis das mit den Flüchtlingen anfing, war Spanos der allseits beliebte Nachbar, Trainer, Familienmensch. Er hat früher für Aiolikos gespielt, den Klub der Insel. ­Später hat er in Athen Sporterziehung studiert, kam aber schnell zurück nach Lesbos. ­Seine Frau ist nächstes Jahr 30 Jahre mit ihm verheiratet, "mit mir und dem Ball“, wie er sagt. Sonntags ging er erst mit ihr in die Kirche, danach auf den Platz.

2015 gewann Spanos mit seinem Team den Regionen-Cup

Im Frühjahr 2015 trainierte Spanos die Jugendauswahl der Ägäis-Inseln im griechischen Regionen-Cup. Während er mit seinem Team durchs Land reiste, begann das, was als Flüchtlingskrise in die Geschichte einging.

Über eine Million Menschen, vor allem Syrer und Afghanen, setzten auf die griechischen Inseln über, und nirgendwo kamen so viele an wie auf ­Lesbos. Vier Autominuten von Spanos entfernt entstand das Lager Moria. Ein Ort, der bald für das ganze Scheitern Europas stand. Moria sollte immer weiter wachsen, die Flüchtlinge gehörten ab jetzt dazu.

In dem Cup zog Spanos ins Finale ein, und er gewann es. Als er nach Lesbos zurückkehrte, war er 50 Jahre alt und ein Held. Der nächste Schritt, sagt er, hätte ein Trainerjob bei der Nationalmannschaft sein können. Eine richtige Karriere.

"Ja“, sagt Spanos, "wäre eine Möglichkeit gewesen.“ Er steht jetzt im Büro neben seinem Klubheim und hat den Pokal von 2015 vom Schrank heruntergeholt, kurz gelächelt, etwas verblichenen Stolz im Gesicht, und das Ding schnell wieder hochgestellt. "Aber das hier ist das Leben“, sagt er.

Hier auf seiner Insel, vor seinem Haus, zogen nun jeden Tag die Flüchtlinge an ihm vorbei. Spanos lebte noch in Griechenland, aber irgendwie auch halb in Afghanistan, Syrien oder Afrika. Er sah sich die Männer an und dachte: Ich weiß ja gar nicht, wer die sind, vielleicht Anwälte, Ärzte. Sie waren wie Botschafter einer anderen Welt, einer, in der man keine Wahl hat.

Asemas neues Zuhause: der Aiolikos FC

Als der Gründer von Cosmos FC, des neuen Teams der Flüchtlinge, ihn fragte, ob die Mannschaft bei ihm trainieren könne, sagte Spanos sofort Ja. Heute, an einem dieser sonnenlosen Lockdown-Tage, joggt Asema allein um den Sandplatz von Perama.

Ein Dorf, eine halbe Autostunde von Moria entfernt - und von Spanos. Im Lockdown ist das weit weg, Asema und Spanos haben sich seit sechs Wochen nicht mehr gesehen. Vorher trainierten sie fast jeden Tag.

Spanos (l.) und Asema auf der Bank. Die beiden sind Freunde geworden
Spanos (l.) und Asema auf der Bank. Die beiden sind Freunde geworden
© Murat Türemis

Spanos vermisst sein Gold, so nennt er Asema. Schon wieder von zu Hause vertrieben, so kommt es Asema vor. Auf dem Sandplatz sind die Tore rostig und umgekippt, nur Asema trainiert hier, allein, des Virus wegen. Auf der einen Seite liegt das Meer, auf der anderen steht Asemas neues Zuhause: ein altes Hotel, an der Fassade in Weiß und Blau das Logo seines neuen Klubs, des Aiolikos FC. Sie sagen dort, dass er nach den Sternen greifen könnte. Bald. Nur wann?

Ihm ging es nie so gut wie jetzt, klar. Ein warmes Zimmer, so viel Essen, wie er will. Asema hat in den letzten Jahren im Koma gelegen und sich in den Slums von Nigeria durchgeschlagen, hat es mit einem falschen Pass in die Türkei geschafft, sich dort in einer Zelle wiedergefunden.

Allein mit sich - das erste Mal

Am 24. Juli 2019 saß er in einem Schlauchboot, ruhige See, eine schnelle Überfahrt. Als er ein paar Meter vor Lesbos vom Boot sprang und den Strand erreichte, wenige Kilometer nördlich von Spanos’ Fußballfeldern, bückte er sich und sammelte ein paar Kieselsteine ein. Für seine Kinder irgendwann mal. Die ersten Schritte von Asema auf europäischem Boden. Er konnte nicht ahnen, dass ihm auch hier, in Europa, im Lager Moria, wieder Flammen sein Zuhause nehmen würden.

Asema hat gehungert, hatte Angst vor Überfällen, vor Krankheiten, vor der Polizei und immer vor der nächsten Nacht. Eins war er nie: allein. Das ist er jetzt, auf dem Weg in den Profifußball, zum ersten Mal. Im Hotel ist nur er, der einzige Gast.

Auf dem Sandplatz wirft er Plastikscheiben auf den Sand, dribbelt hindurch, erklärt, was er da gerade macht: den Ronaldo- Trick, den Messi-Trick, den Robben-Trick. Wenn ihm der Ball entgleitet, verzieht er das Gesicht, wütend auf sich selbst. Er habe keine Probleme mehr, sagt er während einer Pause. "Nur mein Leben.“

In der Dämmerung hält drüben am ­Hotel ein Wagen, und ein Mann steigt aus, mehrere Koffer bei sich. Jim Antonakas, der neue Präsident von Aiolikos, soeben eingetroffen aus Amerika. Aus Boston, seiner zweiten Heimat. Der Mann, der Asema eine goldene Zukunft versprochen hat.

Asema fehlen die nötigen Papiere, um professionell zu spielen

Antonakas, geboren auf Lesbos, kam als Kind in die USA. Letztes Jahr ist er bei ­Aiolikos eingestiegen. Jetzt pendelt Jimmy, wie ihn alle nennen, zwischen Boston und Lesbos. Sein Kindheitsklub soll groß rauskommen, mit Spielern von hier und welchen von der anderen Seite des Mittelmeers. Jimmy, der Geschäftsmann, ist schließlich selbst ein Migrant.

Unbedingt will er Asema im Team haben, und das wäre längst geschehen, wenn die griechischen Behörden Asema endlich die nötigen Papiere ausstellen würden. Bis dahin darf Asema kein Geld verdienen, kein Profispieler werden, auch wenn es erst mal nur ein paar Hundert Euro im Monat wären. Wie lange es noch dauert? Weiß niemand. Wegen Corona, heißt es.

"Ich habe nur das“, sagt Asema, und deutet auf den Ball, bevor er seine Sachen packt und rüber ins Hotel geht. Ins Zimmer 203, mit Blick auf einen Garten, in dem Hühner im Müll picken. Asema sieht das nicht, er lässt die Jalousie unten und stellt die Klima­anlage auf maximal heiß.

Unter der nackten Energiesparbirne legt er sich dann auf sein Bett und greift nach dem Buch, das auf seinem Nachttisch liegt. "Mein heiliges Buch“, sagt er, die Bibel. Sie füllt ihm so einen Abend im Lockdown, irgendwo in der Lücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Eine Ersatzfamilie für Asema

Als Asema im Sommer 2019 auf Spanos’ Feld auflief, hatte das etwas von einem Funkenschlag. Vorher war es Spanos bei den Flüchtlingen nie ums Gewinnen gegangen, eher um das, was Fußball auch ist. Ein Spiel, bei dem du dich neu erfinden kannst, egal, woher du kommst, aus dem Kongo, aus ­Syrien oder aus Kamerun. Egal ob du seit Wochen nicht mehr heiß geduscht hast, noch traumatisiert bist von der Flucht.

Viele Flüchtlinge kommen mit zerrissenen Schuhen zum Training
Viele Flüchtlinge kommen mit zerrissenen Schuhen zum Training
© Murat Türemis

"Dafür“, sagt er, "ist der Fußball da.“ Ein Spiel, eine Sprache. Aber dann kam Asema. "Ich sah ihn spielen“, sagt Spanos, "und wusste: Das ist was anderes.“ Spanos arbeitet auch als Scout für Olympiakos Piräus, den Champions-League- Klub. Erst mal aber rief er bei Aiolikos an: Ich habe da jemanden für euch. Einen, der in dem Team der Beste wäre.

Was Spanos nicht wusste, war, dass Asema bei ihm nicht nur trainieren wollte. Asema wiederum hatte keine Ahnung, wie gut er wirklich spielte. Aber er wusste, dass er nach dem Training zum Abend­essen bleiben wollte. Wieder und wieder. Spanos’ Frau kochte, Asema sprach das Tischgebet.

"Als Asema einmal nach dem Gebet die Augen aufmachte“, sagt Spanos, "sagte er: Wisst ihr, was ich gerade gesehen habe? Da waren Tausende Zuschauer an unserem Platz. Und auf einmal bog ein goldener Land Rover ums Eck.“ In dem Moment, sagt Spanos, und lacht dazu, sei wirklich jemand ums Eck gebogen, allerdings nur ein Afghane auf einem Fahrrad.

Asema lebte weiterhin in Moria, aber mit Spanos hatte er jetzt eine zweite Adresse. Eine, die nicht fremd war. Dabei konnte Asema nicht ahnen, wie wichtig er für Spanos wurde. Der Trainer, der ihm eine Heimat gab, war gerade dabei, seine eigene zu verlieren. Es braute sich was zusammen auf Lesbos, lange im Stillen.

Die Stimmung gegen Geflüchtete schlug um

Spanos, vor ein paar Jahren noch der beliebte, erfolgreiche Trainer, das Kind der Insel, merkte, dass sich die Stimmung gegen ihn wendete. Er bekam keine Drohanrufe, so wie andere, die Leute ließen ihn wirtschaftlich leiden. Von den 120 griechischen Jungen, die er mal trainiert hatte, blieben kaum mehr als 15 übrig.

Sie möchten den Geflüchteten auf Lesbos helfen?

Den Kickern vom Cosmos FC und allen anderen Flüchtlingen auf Lesbos fehlt es oft am Nötigsten – gerade jetzt im Winter. Bitte spenden Sie an: IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 – BIC DEUTDEHHXXX – Stichwort „Lesbos“; www.stiftungstern.de.

Anfang März 2020, als der türkische Präsident Erdoan die Grenzen öffnete, zeigte sich der Hass auf einmal offen. Und ­aggressiv. Da spürte ein Mob am Kai ein Schlauchboot mit Flüchtlingen auf und hinderte die Menschen am Aussteigen. ­Nazis machten Jagd auf Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, ein Gemeinschaftszentrum brannte nieder.

Auf Lesbos war es auf einmal gefährlich, zu helfen. Wenn Asemas Geschichte von einem unerfüllten Traum erzählt, dann erzählt Spanos’ Geschichte von Trotz. Aber auch von Kränkung. Je größer der Hass auf die Flüchtlinge wurde, desto mehr versank Spanos in seiner Arbeit mit ihnen. Und gleichzeitig kamen ihm Zweifel, dabei zögert er heute noch, sie auszusprechen. Als wäre das verboten.

Spanos sieht Flüchtlinge und ihre Talente

"Wer kümmert sich eigentlich um mich?“, fragt Spanos. "In Athen hätte ich es einfacher“, sagt er. Spricht viel dafür, aufzugeben. Die Insel zu verlassen. Bei Olympiakos Piräus würde er einen Job kriegen, mit seinen Kontakten. Doch noch eine Karriere. Dagegen spricht nur, dass er nicht will. Er hat mit den Kickern von Moria etwas gefunden.

Als er in der Stadt neulich seinen Wagen parkte, erzählt er, da riefen ihm ein paar Jungen hinterher: Coach! Er kannte die gar nicht, aber sie ihn. Oder als er Geburtstag hatte und Glückwünsche aus Dublin, aus Norwegen, aus Deutschland bekam. "Mein Team“, sagt er, "über Europa verteilt.“ Er ­bekommt feuchte Augen, wenn er davon erzählt. Gänsehaut. Ein leicht zu berührender Mensch. "Die und ich“, sagt Spanos, "wir coachen uns gegenseitig.“

Einige der Kicker im neuen Flüchtlingslager von Lesbos, Kara Tepe. Die Bedingungen sind so schlimm wie einst in Moria
Einige der Kicker im neuen Flüchtlingslager von Lesbos, Kara Tepe. Die Bedingungen sind so schlimm wie einst in Moria
© Murat Türemis

Asema wurde sein Assistenztrainer. Als der Gründer von Cosmos FC, dem Flüchtlingsteam, an Krebs erkrankte, betete ­Asema mit der Mannschaft für ihn. Mit den christlichen Afrikanern und den muslimischen Afghanen. Spanos machte sich Sorgen, dass den Afghanen das nicht ge­fallen könnte. Aber alle standen sie zusammen und nahmen sich an den Händen. In der Mitte: Asema.

Nach dem Brand hatte Asema nur noch seinen Rucksack und ein gelbes Fahrrad

"Der Pastor“, sagt Spanos. So nennen sie Asema. Ein Jahr war vergangen, seit die beiden sich kannten. Sie waren wie Vater und Sohn. Oder einfach zwei Menschen, die beide gerade in ein neues Leben gerieten. Während das alte noch an ihnen zerrte.

Am Abend des 8. September 2020, gegen Mitternacht, roch Spanos den Brand. ­Asema sah ihn. Es war nicht einer seiner Albträume. Wer den Brand legte, weiß bis heute niemand. Klar ist nur, dass der stürmische Nordwind die Flammen so lange durchs Lager trieb, die ganze Nacht hindurch, bis fast nichts mehr übrig war. Weder das Containerdorf hinter dem Zaun noch die Campingzelte im Olivenhain außen herum.

Das jahrelange Elend von Moria ging in dieser Nacht zu Ende, und Asema, der bei einem Freund zu Besuch war, rannte durch das Chaos zu sich, zu seinem Container. Seinen Rucksack retten und sein gelbes Fahrrad. Dann floh er in den Wald, auf einen der Olivenhügel.

Asema zog aus den Flammen Morias ins Hotel

Aus dem alten Hotel will Antonakas die Klubzentrale machen. Noch ist der Pool stillgelegt
Aus dem alten Hotel will Antonakas die Klubzentrale machen. Noch ist der Pool stillgelegt
© Murat Türemis

Zum zweiten Mal in seinem Leben verbrannte sein Zuhause. Klar, wer ihn anrief in dieser Nacht. Spanos sah die Flüchtenden über den kleinen Weg kommen, der von Moria zu ihm führt. Manche riefen: Coach! Coach! Er sagt: "Okay, bin kein Supermarkt, aber ein bisschen was habe ich hier.“ Kekse, Getränke, was in seinem Klubheim so stand, verteilte er.

Aber wo war Asema? Wenn Spanos ihn ans Handy bekam, verstand er ihn kaum, das Netz war überlastet. Mehr als 12000 Menschen irrten durch die Gegend, sie ­ließen sich auf den Straßen nieder, den ­Feldern. Spanos stieg in seinen kleinen Nissan, fuhr nach Moria, aber er kam nur bis zur Polizeisperre. Er versuchte es von der anderen Seite, alles war voller Menschen. Nirgends Asema. Spanos fuhr den Zaun ab, immer wieder.

Irgendwann am Morgen entdeckte er ihn. Mit seinem Rad wartete Asema am Rand des niedergebrannten Camps, im Rauch, im Ruß. Polizisten, die ein paar Meter entfernt standen, riefen Spanos zu, er solle umkehren. Spanos rief zurück, er wolle nur das Fahrrad retten.

So lief er zu Asema, gab ihm Anweisungen, wo er später warten solle, und nahm das Rad mit in seinen Nissan. Ein Freund, von Spanos alarmiert, sammelte Asema nach einer Weile dann unauffällig ein. Und ein weiterer Freund versprach ihm für den Jungen ein Hotelzimmer. Das war Jimmy, der Präsident.

Jimmy: Das Versprechen auf eine Zukunft mit Fußball

Heute, im Dezember, an einem stürmischen Lockdown-Tag, sitzt Jimmy Antonakas unten in der Lobby des Hotels und malt die Zukunft. Oben in seinem Zimmer sitzt Asema und versinkt in der Vergangenheit.

Antonakas, einen aus den USA mitgebrachten Starbucks-Becher vor sich, wird gleich wieder mit Amerika skypen. Eine kurze Führung durchs Hotel, das er für den Klub gefunden hat. Mehr als ein Hotel soll es sein, eine Vereinszentrale und ein ständiges Zuhause für das Team. 40 Spieler sollen hier bald wohnen, nach Corona, nach dem Lockdown, wenn die anderen ihre Familien verlassen dürfen. Und wenn es wieder Spiele gibt.

Flachbildschirm in der Lobby, ein paar Sofas davor, zum Spiele gucken. Große ­Küche mit ein paar Whiskyflaschen auf den Schränken. Draußen ein Pool, für den Sommer. Den Sandplatz gegenüber will Anto­nakas erneuern, außerdem einen Bus kaufen für die Spieler. Damit die mal in die Stadt fahren können. Das ist die Welt, die auf Asema wartet. Jimmy ist die Welt. Jedenfalls will er sie sein.

Für Jimmy sind die Geflüchteten auch ein Investment

War eine sentimentale Sache für ihn, als sie ihm die Präsidentschaft an­geboten haben. In Amerika hat es Antonakas mit Fußball zu Wohlstand gebracht, es ist sein Geschäft, neue Klubs zu etablieren. In einer privaten US-Fußballliga brachte er es bis zum "East Coast ­Director“. Er ist ein Investor, der viel über Deals spricht und über "partnerships“ und vor allem über "große Chancen“.

Jim Antonakas, Präsident des Aiolikos FC, hat große Pläne. Talentierte Flüchtlinge will er fördern – und nutzen
Jim Antonakas, Präsident des Aiolikos FC, hat große Pläne. Talentierte Flüchtlinge will er fördern – und nutzen
© Murat Türemis

Auf Lesbos hat er eine neue Rolle gefunden: die des Sohnes, der aus der Welt in die Heimat zurückkehrt, um den Fußballverein nach vorn zu bringen. Erste "mission“, wie es Antonakas nennt: der Aufstieg. Zunächst in die zweite Liga. Die Kicker aus Moria gehören zu diesem Plan. "Die Flüchtlinge“, sagt er, "eine Riesenchance!“ Die Talente würden dem Klub ja quasi ­geschenkt. "Eine Win-win-Situation!“

Oben in Zimmer 203 liegt Asema auf dem Bett, in der Hand sein Handy. Er will Bai Panya zeigen, sein Dorf in Kamerun. Unter News findet Google nichts, aber in der Bildersuche gibt es einen Treffer: brennende Häuser. "Das ist es“, sagt Asema, als wäre er froh, einen Beweis zu haben. Und gleichzeitig fängt sein linker Fuß an zu zittern, wie immer, wenn er von Kamerun erzählt. Von seinen Eltern. Eigentlich mag er gar nicht an sie denken. "Sie sind nicht mehr“, sagt er. "Also sind sie nicht mehr.“

Halt im Glauben finden

Er wischt jetzt von einer App in die nächste. In Maps fährt er mit dem Finger eine Straße in Kamerun entlang, in Richtung Nigeria, zu seinem Dorf. Im nächsten Moment liest er einen Whatsapp-Chat, er ist der Admin von zwei Gruppen mit Gläubigen. Als Pastor predigt er zweimal die Woche zu ihnen, abends um 23 Uhr.

Er habe einen Ruf Gottes gehört, sagt Asema. Er glaubt an Himmel und Hölle, an Gott und Satan, und dass Satan manche Menschen befallen hat. Er springt vom Bett auf, während er darüber redet, geht im Zimmer auf und ab, schließt mal die ­Augen, reißt sie wieder auf. Als wäre keine Unsicherheit mehr in ihm, kein Kriegstrauma, alles verflogen in seinem Glauben.

In diesem mit Voodoo kombinierten Christentum, das zwischen ihm und seinem Leben auf Lesbos wie eine unsicht­bare Mauer steht. Wahrscheinlich mag er es deswegen so gern. Weil er sich dahinter verstecken kann, wenn ihm danach ist.

Draußen blitzt und schüttet es, auf der anderen Seite der Insel, in dem neuen Flüchtlingslager, dem neuen Moria, frieren die Menschen der Nacht entgegen. In der Lobby erzählt Jimmy Antonakas von dem Koffer voll mit Starbucks-Bechern, den er aus Boston mitgebracht hat. Ein Geschenk für sein Team, die Kaffeekapseln dazu gibt es im Supermarkt. Antonakas strahlt dabei, als wäre Starbucks ein Zwischenschritt in Richtung Glamour.

Das Alleinsein als Begleiter

Oben bei Asema ist währenddessen ­alles weit weg. Sein Dorf in Kamerun, die Zelte von Moria. Aber auch der Traum vom Profifußball. Aiolikos. Oder irgendwann Olympiakos, die erste Liga. Er habe das Potenzial, heißt es. Immer dieser Satz.

Asema in seinem Zimmer beim Muskelaufbau
Asema in seinem Zimmer beim Muskelaufbau
© Murat Türemis

Er scrollt durch "Bai Panya Sons& Daughters“, eine andere Whatsapp-Gruppe. Die Vertriebenen aus seinem Dorf. Asema hofft, dass er mit ihrer Hilfe eine Spur zu seinem Bruder findet, der irgendwo zwischen Marokko und Spanien verschollen ist. In seinem tropenheißen ­Zimmer sagt Asema, er sei nicht einsam. "Aber manchmal denke ich abends: Eigentlich habe ich niemanden, den ich anrufen kann.“

Vielleicht ist seine Zukunft golden, vielleicht nicht, auf jeden Fall wird sie ihn noch weiter weg führen von Bai Panya. In andere Städte und Länder, andere Hotels. ­Andere Einzelzimmer. Als sie gegen Abend zum Foto posieren, sagt Antonakas zu Asema: "Gehst du halt nach Hollywood, wenn es mit dem Fußball nicht klappt!“ Hollywood, da lacht Asema kurz auf. Einen Moment später ist er weg, oben im Zimmer, Tür zu.

Der Trainer und das Talent

Der nächste Morgen. Der Sturm hat sich gelegt, ein sonniger Lockdown-Tag. "Coach!“ "Pastor!“ Da stehen sie sich gegenüber, die beiden, Spanos und Asema, der Trainer und das Talent. Jimmy hat Asema mitgebracht, die halbe Stunde zu Spanos, weil er mit Spanos etwas Geschäftliches zu klären hat.

Spanos strahlt, und Asema bemüht sich, auch zu strahlen, aber sein Lächeln hat noch etwas Unsicheres. Nach all den ­Wochen ist er wieder da, wo alles anfing. Sie schlagen ein, er und Spanos, weil sie sich nicht umarmen dürfen, und Spanos fragt: "Geht es dir gut? Bist du okay?“

"Ja“, sagt Asema in seinem afrikanischen Englisch: "Yaahamokay“. Ja, ich bin okay. "Das ist das Wichtigste“, sagt Spanos. "Dass du okay bist.“ Auf der Terrasse reden Spanos und Antonakas über "Rush Soccer“, eine Fußballakademie, "international“, wie Antonakas sagt. Eines seiner vielen "partnerships“.

Er bringt Rush Soccer gerade nach Lesbos. Und Spanos damit einen neuen Job, denn der soll für die Akademie trainieren. Unter dem neuen Namen, Rush, so die Hoffnung, werden die Leute ihre Söhne wieder zu Spanos schicken. Rein griechische Teams natürlich, getrennt von den Flüchtlingen. Ein Kompromiss.

Fußball verbindet - ein Klischee, aber wahr

"Gemischte Teams wären schöner“, sagt Spanos. Und er sagt: "Man muss überleben.“ Seine Frau, die Asema "Mama Stella“ nennt, bringt Kaffee und drückt ­Asema eine Tüte mit ein paar ­Äpfeln und Croissants in die Hand. Er steht auf der Terrasse in der Sonne vor den leeren Spielfeldern und sagt: "Das hier ist mein Platz.“

Nach einer Weile geht er auf Spanos und Antonakas zu: "Darf ich was sagen?“ Er wolle spielen. Gegen die beiden und das Trainerteam. Mit einer Flüchtlingsauswahl gegen die Senioren. "Kannst du haben!“, ruft Antonakas, "aber halt ein Abendessen bereit, weil wenn ihr verliert, bezahlst du.“ In dem Moment dreht es Asema nach hinten weg vor Lachen. "I’m ready!“, sagt Antonakas. "Trainier schon mal, ich laufe schneller als du.“ Und Spanos sagt: "Meinst du, dann kommt ein goldener Land Rover um die Ecke?“

Links: Vor dem Lockdown hilft Asema (in der 
roten Jacke) als Assistenztrainer aus. Viele Flüchtlinge kommen mit zerrissenen Schuhen zum Training
Links: Vor dem Lockdown hilft Asema (in der 
roten Jacke) als Assistenztrainer aus. Viele Flüchtlinge kommen mit zerrissenen Schuhen zum Training
© Murat Türemis

Später dribbeln Asema und Spanos über das regennasse Feld und verhalten sich wie Lachmagneten. Wenn der eine grinst, muss der andere kichern. Seit kaum anderthalb Jahren kennen sie sich jetzt, und eigentlich sind sie sich fremd. Kulturell. Aber muss das was heißen?

In Spanos’ Ausweis steht unter Geburtsort: Südafrika. Seine Eltern haben dort gearbeitet. Mit drei kam Spanos zurück nach Lesbos, aber streng genommen stehen da gerade zwei Afrikaner auf dem Feld. "Nein“, sagt Spanos. "Mein Geburtsort hat nichts mit mir zu tun. Wo jemand geboren ist, das ist nicht wichtig.“ Und das, sagt er, gelte für alle Menschen.

Griechen wie Kameruner. Wäre Spanos wie Jimmy, würde er das vermutlich seine "message“ nennen. Wenn der Lockdown zu Ende geht, bekommt Asema hoffentlich seine Papiere. Jim Antonakas wird dann bald Wasser in den Pool einlassen. Und Asema sein erstes Tor schießen im Trikot des Aiolikos FC.

Spanos wird da sein, am Spielfeldrand. Vielleicht sind Umarmungen dann ­wieder legal.

Sie möchten den Geflüchteten auf Lesbos helfen?

Den Kickern vom Cosmos FC und allen anderen Flüchtlingen auf Lesbos fehlt es oft am Nötigsten – gerade jetzt im Winter. Bitte spenden Sie an: IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 – BIC DEUTDEHHXXX – Stichwort „Lesbos“; www.stiftungstern.de.

Erschienen in stern 02/2021

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