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Flughafen Berlin-Brandenburg: Brüssel soll für Ruhe am Müggelsee sorgen

Jetzt wissen die Berliner, welche Ecken ihrer Stadt vom Fluglärm des neuen Airports in Schönefeld betroffen sein werden. Der Müggelsee etwa. Dessen Anwohner wollen nun vor die EU-Kommission ziehen.

Von Till Bartels und Niels Kruse

Über irgendwas gibt es in Deutschland ja immer etwas zu meckern, und oft genug findet sich ein Promi, der der Wut sein Gesicht leiht. Das war bei der umstrittenen Schulreform in Hamburg so, deren Gegner den fernsehbekannten Sky Dumont an ihre Spitze stellten. Bei Stuttgart 21 war es Walter Sittler, ebenfalls Schauspieler, und jetzt, im Fall des Neu- und Umbaus des Flughafens Schönefeld, stammt der bekannteste Protestler ebenfalls aus dem Mimengewerbe: Leander Haußmann, Regisseur und Bewohner des Berliner Stadtteils Friedrichshagen. Seit fast einem Jahr kämpft er dagegen, dass täglich und ständig Flugzeuge vom neuen Airport aus über seinen schönen Müggelsee donnern könnten.

Seit rund anderthalb Jahren sammeln sich die von den neuen Flugrouten betroffenen Bürger Berlins - im Osten wie im Westen - um gegen die drohende Lärmbelastung durch die Starts und Landungen in Schönefeld zu demonstrieren. Nun wurden die Flugrouten vom Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF) festgelegt und öffentlich vorgestellt. Und, wie es aussieht, werden sich Behörden, Anwälte und Richter weiterhin über Einsprüche, Klagen und Bedenken der Anwohner beugen müssen.

Gegner gehen direkt nach Brüssel

Denn der Großteil der Flugschneisen erstreckt sich über zwei Naherholungsgebiete der Hauptstadt: Rund 50 Maschinen werden von Sommer an täglich über den Wannsee im Südwesten Berlins fliegen und rund 140 über Haußmanns Müggelsee im Südosten. Zwei Initiativen haben deshalb angekündigt, zumindest gegen die Müggelsee-Route juristisch vorgehen zu wollen. Rechtsanwalt Wolfgang Baumann, der wegen des Flughafens auch schon in Karlsruhe geklagt hatte, sagte, eine Beschwerde bei der EU-Kommission sei bereits vorbereitet. Die "Bürgerinitiative Friedrichshagen" und die "Grüne Liga" erwarten, dass Brüssel die Routenentscheidung beanstanden werde, weil die Umweltverträglichkeit der Flüge über das Naherholungsgebiet nicht geprüft wurde. Es sei grob fahrlässig gewesen, auf die Umweltprüfung zu verzichten, so Baumann.

Erst Anfang Januar hatte das Umweltbundesamt einige Flugrouten in einem Gutachten als unangemessen bezeichnet, die der "komplexen Besiedlungsstruktur in der Umgebung des Flughafens" nicht gerecht würden. Konkret wurden die Gebiete um den Wannsee und den Müggelsee genannt. So werde der Freizeitwert dieses Naherholungsgebietes durch die geplanten Routen eingeschränkt.

"Wo ein Flughafen ist, ist auch Fluglärm"

Doch auch Papier aus offiziellen Ministerien ist geduldig. Nach dem Luftverkehrsgesetz müssen Verordnungen, bei denen es um Fluglärm geht, nur "im Vernehmen mit dem Umweltbundesamt" erlassen werden. Anders gesagt: Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung und die Berliner Behörde sind angehalten sich auszutauschen, ein Einvernehmen braucht aber nicht erzielt werden. Deshalb werden sich die Behörden und die Anwohner wohl auch weiter über den Zeitrahmen streiten, in dem gestartet und gelandet werden darf. In der Studie des Umweltamtes hieß es, aus Lärmschutzgründen sollten "Flüge nur während des Tages (6 bis 22 Uhr) durchgeführt werden". Doch die Entscheidung ist längst gefallen. Denn das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hatte großzügiger geurteilt und festgestellt, dass von 5 bis 24 Uhr an- und abgeflogen werden dürfe. Das Urteil gilt bis auf weiteres.

Angesichts des weiterhin zu erwartenden Widerstands, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nach der offiziellen Verkündung, dass die Bürger die Flugrouten als Kompromiss akzeptieren sollten. Das BAF habe zwischen den unterschiedlichsten Anforderungen und Kriterien abgewogen. Für seinen Brandenburger Kollegen Matthias Platzeck (ebenfalls SPD) war klar, dass nicht alle Anwohner zufriedengestellt werden. "Umso wichtiger ist jetzt, den Lärmschutz in voller Kraft unbürokratisch und auch in Grenzfällen im Sinne der Betroffenen umzusetzen". Nikolaus Herrmann, Direktor der BAF, meinte nur lapidar: "Wo ein Flughafen ist, ist auch Fluglärm". Er sagte aber zu, dass die An- und Abflugschneisen im Flugbetrieb geprüft und nach einem Jahr möglicherweise angepasst würden.

Leander Haußmann bleibt, wo er ist

Ein Jahr haben die Betroffenen nun Zeit, gegen die neuen Flugrouten vor dem Bundesverwaltungsgericht zu klagen. Allerdings wird die Einschaltung der Justiz nichts daran ändern, dass der neue Flughafen Berlin-Brandenburg wie geplant am 3. Juni 2012 eröffnet werden wird. Und Leander Haußmann wird, trotz des zu erwartenden Lärms dem Müggelsee weiterhin treu bleiben: "Ich bin alter Friedrichshagener und lebe in der vierten Generation dort. Ein Wegzug kommt nicht infrage".

mit Agenturen