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Fotoprojekt "Elf Uhr Elf": Alles auf Alaaf

"Hey Kölle, du bes e Jeföhl!" Das singen die rheinischen Jecken im Karneval. Kölner Fotografen haben dieses Gefühl eingefangen. Eine Hommage an die fünfte Jahreszeit.

Von Rolf-Herbert Peters

Alaaf! Das ist der Ruf der Freiheit. Jedes Jahr kehrt sie an den Rhein zurück, pünktlich und mit einem Tusch: Am Elften im Elften um 11.11 Uhr beginnt der Karneval. Endlich wieder sein dürfen, was man die anderen 251 Tage gern wäre. Unanständige Krankenschwester oder strenger Polizist. Darth Vader oder Lappenclown. Bulle oder Bär.

114 Tage dauert die Session in diesem Jahr. Während in Berlin oder München noch die Adventsglocken läuteten, stampften die Kölner bereits durch den Schnee zu den ersten närrischen Sitzungen. Full-Metal-Jecke, vollkostümiert. Büttenreden, Stimmungslieder, Kölsch: Das befreit die Seele.

"Herrlische Bilder!"

Diesen Donnerstag hat um 11.11 Uhr der Karneval den Turbo eingeschaltet: Weiberfastnacht. Der WDR switcht in den Schunkelmodus. Weibliche Büroangestellte jagen, mit Scheren bewaffnet, Männerschlipsen nach. Verkäuferinnen wie Studentinnen in für die Jahreszeit viel zu knappen Kostümen erobern die Bierbuden in den kalten Straßen. Weiberfastnackt. Das größte Kulturereignis an Rhein und Main beginnt – und kaum jemand kann und will sich ihm entziehen. Eine Superjeilezick. So heißt auch eines der bekanntesten Kölner Karnevalslieder.

Jetzt haben neun der bekanntesten rheinischen Fotografen, darunter zwei Ur-Kölner, den Karneval zum Kunstprojekt gemacht. Ihr Bildband "Elf Uhr Elf", das Ergebnis einer Crowdfunding-Kampagne, ist eine Liebeserklärung an das jecke Volk. Intime Fotos aus Herrensitzungen, Hinterzimmern und von den Zugwegen. Unmittelbar, berührend. Alle erzählen Geschichten, die schmunzeln lassen, aber auch nachdenklich machen. "Herrrlische Bilder", jubelt der Kölner. Der Initiator des Projekts, Matthias Jung, sagt: "Wir haben 2011 ergebnisoffen angefangen, am Ende ist es eine Hommage an den Karneval geworden."

"Stippeföttche" und melancholische Attitüde

Manchmal sind die Fotos entlarvend. Denn Karneval hat eine ernste, melancholische Attitüde. Wenn's ums Fröhlichsein geht, versteht mancher Humorstalinist in den Festkomitees keinen Spaß. Der organisierte Frohsinn hat seine Wurzeln im frühen 19. Jahrhundert, entstand als gallige Persiflage auf die französischen und preußischen Fremdherrscher in der Rheinprovinz. Deshalb zwängen sich heute gestandene Männer in Gardeuniformen und reiben beim "Stippeföttche" ihre Hinterteile aneinander. Eine Parodie auf Exerzierübungen. "Ritsch, ratsch – de Botz kapott". Die Hose ist gemeint.

Man kann den Karneval nicht aus der Ferne lieben. Vor dem Fernseher ist er unerträglich. Mittendrin in den Straßen ist er der Knaller. Wenn beim Rosenmontagszug 300 Tonnen Süßigkeiten auf eine Million Zuschauer prasseln. Wenn starke Husare den Funkenmariechen in den Schritt greifen und sie in den Himmel stemmen. Wenn alle die immer gleichen Lieder grölen: "Dat Hätz vun d'r Welt, jo dat es Kölle." Herrrlisch!

Mitte kommender Woche, am Aschermittwoch, ist alles vorbei. Die Fastenzeit beginnt, und die knappen Kostüme verschwinden im Schrank. Carne vale ist lateinischen Ursprungs, es heißt: Fleisch, lebe wohl!