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Mitten in Deutschland: Menschen lebten monatelang in Elendslager - Polizei räumt Mini-Slum von Frankfurt

Ein Mini-Slum mitten in der Bankenmetropole Frankfurt ist von der Polizei geräumt worden. 15 Menschen lebten dort zuletzt unter unwürdigen Zuständen. Ihre Probleme bleiben ungelöst.

Das Lager auf einer Frankfurter Industriebrache

Die Bewohner haben sich auf der Frankfurter Industriebrache notdürftig Hütten zusammengezimmert

DPA

Notdürftig aus Pappen, Planen und Sperrholz zusammengeschusterte Hütten, kein Strom, kein fließend Wasser, keine Toiletten, keine Müllabfuhr. Seit mehreren Monaten schon lebten zeitweise bis zu 30 Menschen unter diesen unwürdigen Bedingungen.

Ein Elendslager, nicht am Stadtrand von Rio oder Nairobi, sondern im Herzen einer deutschen Metropole. Mitten in Frankfurt am Main, im Gutleutviertel, dem schmalen Streifen zwischen den Schienensträngen des Hauptbahnhofs und dem Strom des Mains. In den vergangenen Jahren haben dort Investoren ihr finanzielles Glück gesucht und gefunden. Es entstanden ein neues, gläsernes Hochhaus, ein Yachthafen, moderne Wohnhäuser, die wie Würfel am Mainufer stehen, Bürogebäude, Bars und Restaurants. Eine Aufwertungsgeschichte, wie es sie aus fast jeder deutschen Großstadt zu berichten gibt. Doch mit den neuen Bauten verschwanden die sozialen Probleme nicht automatisch.

15 Menschen in Frankfurter Elendslager angetroffen

Eines von ihnen ist jenes Obdachlosenlager, das auf einer Industriebrache gewachsen ist, an einer alten, rotgeklinkerten Güterhalle entlang des Hafenbahngleises, bewohnt zum größten Teil von Rumänen. Das Gelände - nicht einmal einen Kilometer von den vielen neuen Bauten entfernt - gehört der Ferro GmbH, der deutschen Tochter des gleichnamigen US-Chemiekonzerns. Genutzt werde es derzeit nicht, dennoch wollte das Unternehmen "so schnell wie möglich wieder Ordnung herstellen", sagte ein Sprecher der "Frankfurter Neuen Presse". Daher sei bereits am 7. März Anzeige wegen Hausfriedensbruchs erstattet worden, gleichzeitig bemühte sich die Firma beim Frankfurter Landgericht um einen Räumungstitel - mit Erfolg.

Am Montagmorgen gegen 6.30 Uhr stand der Gerichtsvollzieher, begleitet von mehreren Polizeibeamten, vor den provisorischen Hütten und "eröffnete den dort anwesenden Personen die Räumung des Gelände", wie es ein Behördensprecher berichtete. 15 Menschen habe man in dem Lager angetroffen, darunter sei auch ein Jugendlicher mit seinen Eltern gewesen. Die Bewohner packten ihre Habseligkeiten in Tüten und in Decken und verließen mit Fahrrädern und Wägelchen das Grundstück, es gab keinen Widerstand.

Bewohner Luco karrt sein Hab und Gut davon

Bewohner Luco karrt sein Hab und Gut davon

DPA

Mitarbeiter des Jugend- und Sozialamtes waren ebenfalls vor Ort und boten den Menschen, unterstützt von Dolmetschern, ihre Hilfe an. Sie können sich nun beim "Besonderen Dienst Hilfen bei Wohnungslosigkeit und Sucht" beraten lassen und ihre "persönlichen Ansprüche" klären. Sie reichen von einem Platz in einer Notunterkunft bis hin zu "Rückkehrhilfen ins Herkunftsland" - sprich: sie müssen Deutschland binnen weniger Tage verlassen, zurück in ihre Heimat, ins EU-Land Rumänien.

Die Geschichte des illegalen Lagers auf der Gewerbefläche ist für Behörden mit dem Vollzug des Räumungstitels fürs Erste auserzählt. Die Leute vom Frankfurter Förderverein Roma e.V. können sie jedoch weiter erzählen. Sie wissen: Auf dem Gelände im Frankfurter Gutleutviertel ist das Elend vorbei, an anderer Stelle wird es weitergehen.

Von der Armut in Rumänien zur Armut in Frankfurt

Die Menschen kamen aus Osteuropa nach Deutschland, um der Armut in ihrer Heimat zu entgehen. Sie nahmen ein Leben hierzulande mit wenig Sprachkenntnissen, in unwürdigen Behausungen und - wenn überhaupt - mit Tagelöhnerjobs in Kauf. Ihre Hoffung:  Es werde ihnen irgendwann besser gehen.

Doch anstatt den Menschen zu helfen, werde eine Strategie der Räumungen und Vertreibungen gefahren, beklagen Vereinsverterter. "Es geht letztlich nicht nur um das Signal, schnellstens aus Frankfurt zu verschwinden, sondern auch darum, selbst die minimalste Eigenversorgung restlos zu zerstören", werfen sie den Behörden vor. "Perspektivlosigkeit, Migration und Flucht aus Armut, Ausgrenzung, Rassismus, Pogrome und jegliche historische Verantwortung gegenüber einer Gruppe von Menschen, die seit Jahrhunderten diskriminiert und verfolgt wird, sind vollständig ausgeblendet."

Nur eine Frau will zurück in die Heimat reisen

Bereits im Februar 2017 hatte die Stadt Frankfurt nach Jahren ein illegales Hüttendorf rumänischer Wanderarbeiter aufgelöst, viele der Bewohner haben laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" anschließend auf dem nun geräumten Ferro-Gelände ihre Bleibe eingerichtet.

Und so wird es wohl auch diesmal kommen. Von den 15 aufgegriffenen Bewohnern wolle nur eine Frau die 50 Euro und das Rückreiseticket in die Heimat vom Amt in Anspruch nehmen, so der Förderverein Roma. Die anderen würden spätestens in einer Woche wieder auf der Straße leben und dort ihr Glück suchen.

Und womöglich werden sie dann bald schon wieder irgendwo in Frankfurt aus Pappen, Planen und Sperrholz Hütten zusammenzimmern und ein neues Elendslager errichten. Mitten in Deutschland.

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