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Frankreich: Krebspatientin tot aufgefunden

Sie bat um aktive Sterbehilfe, das Gericht versagte sie ihr. Jetzt ist die an einem Krebsgeschwür leidende Französin Chantal Sébire tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. An ihrem Schicksal entzündet sich eine neue Debatte um aktive Sterbehilfe in Frankreich.

Chantal Sébire hat einen verzweifelten Kampf um Sterbehilfe geführt. Zwei Tage, nach dem der Antrag der an einem unheilbaren Gesichtstumor leidenden Mutter abgelehnt wurde, starb sie am Mittwochabend in ihrem Haus in Plombieres-les-Dijon. Ob sie sich mit Medikamenten das Leben nahm und in ihren letzten Stunden alleine war, war zunächst weiter unklar. Erst am Montag war ein Antrag der früheren Lehrerin auf aktive Sterbehilfe von einem Gericht in Dijon abgelehnt worden. Ihr Schicksal lässt jetzt Rufe nach einer Legalisierung der Sterbehilfe in Frankreich lauter werden.

Die neue Staatssekretärin für Familie, Nadine Morano, forderte gegenüber dem Sender "France Info": "Ich glaube, die Gesellschaft ist bereit, die Gesetzeslage neu zu bewerten." Der Präsident des Verbandes für das Recht auf einen würdevollen Tod (ADMD), Jean-Luc Roméro, würdigte Sédire als außergewöhnliche Frau, die die Franzosen trotz ihres Leidens sensibilisiert habe. "Ihre Botschaft ist wichtig." In Frankreich gebe es bis zu 15.000 Fälle von illegaler Sterbehilfe. "Schmerzlindernde Maßnahmen sind keine ausreichende Antwort, wir brauchen andere Antworten", erklärte Roméro.

Der Leidensweg der 52-jährigen Mutter dreier erwachsener Kinder hat in den vergangenen Wochen die französische Öffentlichkeit schwer erschüttert und die Regierung gespalten. Acht Jahre lang hatte Sébire gegen den äußerst schmerzhaften Tumor mitten im Gesicht gekämpft. Auch keine Chemotherapie konnte die bösartige Wucherung stoppen, die ihr Gesicht fast völlig entstellt hatte. Das seltene Esthesioneuroblastom in der Rinne der Geruchsnerven zerstörte ihr den Geschmacks- und Geruchssinn und führte schließlich zu ihrer Erblindung. Fernsehbilder zeigten sie zuletzt abgemagert, aber mutig und gefasst.

"Ich will in meinem eigenen Bett sterben"

Sébire hatte beantragt, "in Würde sterben" zu dürfen und vom Gericht eine Genehmigung für ihren Arzt gefordert, ihr eine tödliche Medikamenten-Dosis zu verabreichen. Eine Flucht nach Belgien, in die Schweiz oder die Niederlande, wo aktive Sterbehilfe nicht bestraft wird, lehnte sie ab. "Ich will in meinem eigenen Bett sterben", sagte sie. Frankreichs Justiz urteilte am Montag, Ärzte seien verpflichtet, Leben zu retten. Das Recht stelle Sterbehilfe unter Strafe.

In der französischen Regierung stieß der Fall auf ein geteiltes Echo. Noch am Mittwochvormittag sprach sich Außenminister und Ärzte- ohne-Grenzen-Mitgründer Bernard Kouchner für eine gesetzliche Ausnahmeregelung aus. Sébire ihren Wunsch zu ermöglichen wäre "menschlich und notwendig", sagte der Mediziner. Dagegen lehnt der konservative Präsident Nicolas Sarkozy jede Rechtsreform für eine aktive Sterbehilfe ab. Auch Justizministerin Rachida Dati stellte sich hinter das Urteil. Premierminister François Fillon sprach von einem Fall, der "an die Grenze dessen" gehe, "was eine Gesellschaft sagen kann und was das Gesetz tun kann".

Premierminister François Fillon hatte eine Prüfung des Gesetzes von 2005 angeordnet. Seit einer Reform vor drei Jahren dürfen unheilbar kranke Patienten lebenserhaltende Maßnahmen verweigern. Die Verabreichung tödlicher Dosen von Schlaf- oder Schmerzmitteln ist aber weiter strafbar. AMD-Chef Jean-Luc Roméro sprach sich gegen eine Gesetzesänderung aus: "Frankreich ist nicht Belgien oder die Niederlande (wo Sterbehilfe erlaubt ist)", sagte Didier Sicard. Das Schlimmste wäre eine überstürzte Parlamentsdebatte.

Der Bundesstaatsanwalt warf indes die Frage einer Obduktion auf: "Der Körper ist äußerlich nicht auffällig. Ich frage mich, ob man nun eine Obduktion machen wird oder nicht." Dafür sammle man weiter Aussagen ihrer Angehörigen und von mit dem Fall befassten Polizisten. Die Anwältin Sébires hingegen lehnte eine Obduktion ab - dies "wäre peinlich", meinte sie und fügte hinzu: "Hätte sich Chantal in einem Kanal in der Nähe ihres Appartments geworfen, hätte es keine Untersuchung gegeben."

DPA/AP/lio / AP / DPA