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Franziskus, der Prophet: Der Papst und seine Regierungserklärung

Was hat Franziskus mit der Kirche vor? Bislang fehlte ein Programm. In einem langen Interview hat Franziskus jetzt beschrieben, wie er die Kirche verwandeln will.

Von Frank Ochmann

Beeindruckt waren viele von Papst Franziskus schon seit seinem ersten Gruß von der Loggia der Petersbasilika. Die Wärme, die er seither bei seinen Auftritten ausstrahlt, und die persönliche Bescheidenheit wurden und werden auch außerhalb der katholischen Kirche als wohltuend empfunden. Zumindest innerhalb des Klerus allerdings mischte sich zum Wohlgefühl auch Ungeduld. Erst kommenden Monat beispielsweise wird der neue Staatssekretär sein Amt antreten, so etwas wie der Premierminister des Papstes und damit die Nummer zwei im Vatikan. Solche Entscheidungen hatten andere Päpste oft schon am Tag nach ihrer Wahl getroffen. Doch Franziskus ließ sich Zeit und besetzte die wichtigsten Ämter zunächst nur provisorisch. Inhaltlich fehlte vor allem Insidern – trotz mancher Andeutungen wie auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien – bislang ein konkretes Programm. Wo war die Regierungserklärung dieses Papstes? Worauf hatte sich die Kirche einzustellen? Und worauf "die Welt"? Würde Franziskus es bei medientauglichen Zeichen und Gesten belassen, wie manche Kommentatoren fürchteten?

Diese Frage ist mit dem jetzt veröffentlichten ausführlichen Interview für mehrere Jesuiten-Zeitschriften beantwortet. Auf den Tag genau ein halbes Jahr nach seiner Amtseinführung am 19. März hat Papst Franziskus offen gelegt, wie er sich selbst sieht, welche Maßstäbe für ihn gelten und was das für sein künftiges Handeln als Oberhaupt der katholischen Kirche bedeutet. Mit diesem Interview wissen wir, dass nach dem Professor Benedikt XVI. nun ein Prophet auf dem Stuhl Petri Platz genommen hat. Natürlich muss dieser bedeutungsschwere, auch ein bisschen pathetische Begriff erläutert werden. Denn Franziskus ist kein Prophet in einem eher weltlichen Sinne, der mit übersinnlichen Fähigkeiten die Zukunft vorhersagen oder gar das Schicksal der Menschen lenken kann. Prophet ist dieser Papst in einem zutiefst biblischen Sinne.

Eine Revolution des Handelns, nicht der Lehre

Vor allem im Alten Testament ist davon die Rede. Immer dann traten Propheten in der Geschichte auf, wenn das Volk Israel sich abgewandt hatte von seinen Idealen. Immer dann, wenn das Volk Gottes zu verweltlichen und den Heiden ähnlich zu werden drohte, immer dann kamen die Mahner. So erhoben sich Gestalten, die vom Geist Gottes durchglüht schienen und die ihre Landsleute mit Zeichen und Predigten an den erinnerten, der sie der Überlieferung nach in das gelobte Land geführt hatte - Gott. Propheten schärften ein, aus welchen Quellen sich das Leben des Menschen - nicht nur der Menschen - speist. Das ist es auch, was Franziskus in seinem Interview Zeile für Zeile darstellt. Radikal zeichnet dieser Papst in starken Bildern, welches Ideal er für die Kirche sieht und welchen Weg er für sie einschlagen wird. Nicht eine Revolution der katholischen Lehre steht Franziskus vor Augen, sondern eine Revolution kirchlichen Handelns – von Rom bis in die kleinste Gemeinde.

Das vielleicht stärkste und folgenreichste Bild, das Franziskus von seiner Kirche und ihrem Verhältnis zur Welt entwirft, ist das vom Feldlazarett. "Man muss einen schwer Verwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen. Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem Anderen sprechen. Die Wunden heilen, die Wunden heilen ... Man muss unten anfangen." Oder eben oben auf der Prioritätenliste. An dieser Stelle wird auch deutlich, dass Franziskus sich in seiner Theologie allenfalls in Nuancen von der seines Vorgängers Benedikt unterscheidet: Der Mensch von heute ist in den Augen von Franziskus – wie in denen von Benedikt – einer, dem das Leben in einer Gott vergessenden Welt schwere Wunden geschlagen hat. Lebensgefährliche Wunden. Und so macht sich der Papst als Chefarzt im Feldlazarett Kirche zu Nutze, was er als Jesuit über viele Jahre gelernt hat: denken und betend zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht.

Wer nicht zweifelt, glaubt nicht

War es nicht das, was viele über die vergangenen Jahrzehnte an der katholischen Kirche so aufgeregt hat? Wenn sich Bischöfe und Päpste wieder einmal lang und breit über Kondome ausließen, dabei aber zu vergessen schienen, dass vor allem viele westliche Gesellschaften zunehmend den inneren Halt verlieren? Warum wurde nicht spürbar, dass die katholische Kirche sich mindestens mit derselben Energie für Gerechtigkeit einsetzt wie gegen eine "künstliche" Geburtenkontrolle? Weil die Prioritäten nicht klar waren. Und das sagen nicht nur vermeintlich kirchenfeindliche Kritiker. Eben das stellt auch der Papst in seinem Interview jetzt fest. Er wiederholt, dass die Lehre seiner Kirche zu Fragen der Geburtenkontrolle oder der Abtreibung klar und unverrückbar auch weiter gilt. Ebenso klar aber wird, dass diesen Themen so lange keine Priorität zukommen darf, bis das von Franziskus ausgemachte tiefe Leiden des modernen Menschen gelindert wurde. Barmherzig wie Jesus selbst soll die Kirche den Menschen begegnen, nicht mit erhobenem Zeigefinger und nicht als strenge Richterin.

Mehr als nur schöne Worte

Das sind nicht nur schöne Worte, wie es scheint. Am heiklen Beispiel der Abtreibung und der Scheidung macht der Papst nämlich deutlich, wie er sich das in Zukunft praktisch vorstellt. Nicht so sehr die einzelne Tat soll von den Geistlichen in den Blick genommen werden, sondern der ganze Mensch, dem sie begegnen. Überhaupt ist der Dialog, der Austausch, der Versuch gegenseitigen Verstehens und Respektierens jener Weg, den Franziskus auch weiter beschreiten will. Er selbst, so sagt er, ist als Sünder am besten beschrieben. Und wer nicht zweifle, der glaube auch nicht. Wer das wie der Papst einsieht, bekommt die Demut gratis dazu.

Mag eine Tat also nach katholischer Lehre auch sündhaft und darum zu verurteilen sein, so führt Franziskus aus, so ist es doch aber möglich, dass dieser sündhafte Mensch inzwischen einen besseren, heilsameren Weg in seinem Leben eingeschlagen hat. Der Papst lässt keinen Zweifel, dass in einem solchen Fall die Gnade Gottes und somit auch die Barmherzigkeit der Kirche über die Verurteilung der zuvor begangenen Sünde hinausgehen müssen. Wer als Priester also irgendwo in der Provinz schon darauf gewartet hat, wie er wiederverheirateten Geschiedenen endlich den Weg zum Altar und zur Kommunion ebnen kann, obwohl die offizielle Lehre dem klar entgegensteht, weiß jetzt, wie er das begründen kann. Er muss auch nicht warten, bis eine vatikanische Kongregation Vergebung und Barmherzigkeit als Kriterien kirchlichen Handelns im Amtsblatt veröffentlicht hat. Und er muss auch wohl nicht mehr fürchten, für seine Barmherzigkeit "von oben" gerügt zu werden.

Absage an den römischen Zentralismus

Immer wieder wird in dem Interview deutlich, dass Franziskus römischem Zentralismus und jeder Form selbstherrlicher Amtsführung von Priestern und Bischöfen eine Absage erteilt. Er erwähnt zum Beispiel all die Beschwerden, die Tag für Tag in Rom eingehen, weil irgendwer oder irgendwas angeblich nicht den kirchlichen Normen entspricht. All diese Probleme und Fragen sollen künftig vor Ort entschieden werden, nicht mehr im Vatikan. Was zunächst nur wie eine vernünftige Delegation erscheint, die den kirchlichen Apparat entlastet und effektiver werden lässt, zeigt sich bei näherem Hinsehen aber als weitgehende Entmachtung der bislang so dominierenden römischen Kurie. Deren Funktion beschreibt der Papst als Dienst für die Weltkirche. Von einer beherrschenden Rolle wie bisher ist keine Rede mehr. Dienstleister also.

Was dieser Umbruch im Einzelnen heißt, wird sich natürlich erst noch zeigen müssen. Klar ist aber schon, dass der Papst Befugnisse zu einem erheblichen Teil vom Tiber in die jeweiligen Regionen und Bistümer der Weltkirche verlagern wird. Das hatten sich viele Kardinäle vor der Wahl des neuen Papstes gewünscht und nach seiner Rede vor dem Konklave auch von ihm erhofft. Zu Recht offenbar.

Franziskus wird mehr tun, als nur Kranke und Kinder küssen

Wie nebenbei skizzierte Franziskus im Interview auch seinen Weg in der Ökumene, in der Zusammenarbeit der christlichen Konfessionen also. Erwartungsgemäß taucht die Reformation Luthers nicht mit einem Wort auf, was vor allem deutsche Protestanten enttäuschen dürfte. Wie Benedikt legt der neue Bischof von Rom sein Hauptaugenmerk auf die Kirchen der Orthodoxie. Von ihnen will er lernen. Mit ihnen vor allem strebt er so schnell wie möglich die Einheit an, eine Einheit in Verschiedenheit. Auch die Frage, wie sein eigenes Amt im 21. Jahrhundert zu verstehen ist, das des Papstes und Nachfolgers des "Apostelfürsten" Petrus also, wird nicht ausgeklammert. Überhaupt scheint es nichts zu geben, über das mit diesem Papst nicht gesprochen werden dürfte.

Wer geglaubt und vielleicht sogar gehofft hat, Franziskus würde sich für den Rest seiner Amtszeit weitgehend darauf beschränken, Kranke und Kinder zu küssen und eine päpstliche Telefonseelsorge aus dem Apartment 201 im Gästehaus "Santa Marta" zu unterhalten, weiß es jetzt besser. Nach nur sechs Monaten des neuen Pontifikats ist die Kirche von Franziskus noch immer so gut wie ganz die Kirche Benedikts mit all ihren Schwächen und Kanten und Lecks. Doch mancher hinter kirchlichen Mauern hat spätestens nach diesem Interview allen Grund, nervös zu werden. Und sicher stehen der katholischen Kirche schwere Konflikte bevor, wenn aus den Worten des Papstes nach und nach Taten werden. Denn schon zu biblischen Zeiten waren Propheten für die herrschenden Verhältnisse brandgefährlich.