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Frauen in Albanien: Das Leben hat sie zu Männern gemacht

Sie kamen als Mädchen zur Welt und haben irgendwann geschworen, als Männer zu leben. Um Familienoberhaupt zu werden oder auch nur ein Erbe antreten zu können. Burrneshas haben in Albanien eine lange Tradition.

Von Nicol Ljubić

Die erste Begegnung findet am Strand statt. Es ist ein warmer Tag, drückend, draußen über dem Meer ist der Himmel tiefschwarz, erstes Gewittergrollen ist zu hören. Diana Rakipi ist an diesem Vormittag die Einzige am Strand. Sie zu treffen war nicht einfach. Durrës ist die größte Hafenstadt Albaniens, 200.000 Einwohner, und die wenigsten kennen Diana Rakipi, obwohl sie mit ihrer Geschichte schon mal in der Zeitung war. Im Hafen, wo sie als Wachmann arbeitet, ist sie schon länger nicht mehr gesehen worden. Aber dann hat sich doch jemand gefunden, der ihre Nummer hatte. Er sagte, sie sei am Strand, in der Nähe der Mole.

Diana trägt eine Schirmmütze und Bikini. Später wird sie sagen, dass es ihr peinlich sei, im Bikini gesehen zu werden. Weil Männer keine Bikinis tragen. Wer sie hier am Strand sieht, käme nicht auf die Idee, dass sie keine Frau ist wie andere. Ihr Körper ist zwar kräftig, aber unzweifelhaft der einer Frau. Sie hat breite Hüften, schmale Schultern - und Busen. Trotzdem fühlt sie sich als Mann. Es sind ihre Augen, die das am ehesten widerspiegeln.

Von ihnen geht eine Kraft aus, eine Entschlossenheit, die vielleicht am besten beschreibt, wozu diese Frau imstande war: sich mit 17 Jahren für das Leben eines Mannes zu entscheiden und ihr biologisches Geschlecht zu verdrängen. So konsequent, dass sie sich schämt, wenn sie das Weibliche ihres Körpers nicht wie sonst unter Männerkleidern verbirgt.

Moralkodex der Ungleichberechtigung

In einer Großstadt wie Durrës kennt kaum jemand die Tradition der Burrneshas. Es ist das albanische Wort für Mannfrauen. Und das hat nichts mit Transsexualität zu tun und auch nichts mit Transvestiten. Ein Engländer hat sie mal gefragt, ob sie einer sei. Sie hat ihm tief in die Augen geblickt und gesagt, er solle gut aufpassen, was er da sage. Und wer sie nach der Begegnung am Strand sieht, in Männerhosen und Pullover, mit bis zu den Ellbogen hochgeschobenen Ärmeln, der ahnt, dass es kein Vergnügen wäre, mit dieser Frau aneinanderzugeraten.

Diana ist 54, sie wurde in Tropojë geboren, im Norden Albaniens, in den Bergen. Dort gilt immer noch der Kanun, das mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht aus dem 15. Jahrhundert. Es ist ein umfassender Lebens- und Moralkodex, der das Zusammenleben regelt, die soziale Ordnung, die Rituale, die Feste, die Familienhierarchie, aber auch die Sühne - die Blutrache.

In diesem Teil der Welt haben Männer alle und Frauen kaum Rechte. Söhne zu haben ist für eine Familie fast lebensnotwendig. Es ist der Sohn, der sich um die Familie zu kümmern hat, er verteidigt sie und rächt sie, nur er kann den Besitz erben. In diesem Teil der Welt kommt es immer noch vor, dass Frauen ihre Männer in Gegenwart anderer nicht ansprechen dürfen. Oder dass sie ein Zimmer meiden müssen, in dem sich Männer aufhalten.

Ausweg aus der Abhängigkeit

Nicht weit vom Meer hat Diana ihre Stammkneipe. Es ist ein kleines Café, ein paar Tische, eine Theke und vor allem: nur Männer als Gäste. Diana ist hier einer von ihnen. Sie geht zu einem Tisch, an dem zwei ältere Männer sitzen. Sie klopft einem der beiden auf die Schulter. Dann ruft sie dem Wirt etwas zu. Sie scherzen und lachen. Und wer sie hier im Café sieht, käme nicht auf die Idee, dass sie kein Mann wie andere ist. Sie sagt, dass die Männer sie oft um Rat bitten und dass es schon immer so gewesen sei. Schon als Kind hat sie nur mit Jungs gespielt. Und die waren damals schon viel freier. "Ich wollte nicht akzeptieren, dass Männer alles tun dürfen und Frauen nicht", sagt sie. "Frauen und Männer kommen gleichberechtigt zur Welt, aber dann wird die Frau vom Mann abhängig, und deswegen gibt es uns Burrneshas, um uns gegen die Männer zu wehren."

Der Kanun erlaubt einer Frau, ein Leben als Mann zu leben. Es gibt verschiedene Versionen des Kanuns. In der einen heißt es: Die Frau soll auf dem ehrbarsten Platz im Haus sitzen. Eine andere erlaubt es der Frau, über den Schwur, ein Mann zu werden, selbst zu entscheiden, auch dann, wenn die Bedingung dafür eigentlich nicht gegeben ist. Und die lautet: Es gibt keinen männlichen Nachfahren in der Familie. Das war oft auch eine Folge der Blutrache. Bis ins vergangene Jahrhundert hinein soll ein Drittel der männlichen Bevölkerung Albaniens der Blutrache zum Opfer gefallen sein. Die Anthropologin Antonia Young, die über die Mannfrauen in Albanien geforscht hat, schreibt in ihrem Buch "Frauen, die Männer werden", dass der Rollenwechsel von Frau zu Mann weniger mit der individuellen als vielmehr mit der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation zu tun hat. Nur ein Geschlechterwechsel ermögliche einer Frau, Familienoberhaupt und rechtmäßiger Erbe zu werden. Die Frau muss einen Schwur ablegen, den sie bis zum Ende ihres Lebens nicht brechen darf, sie muss schwören, keusch zu bleiben und nicht zu heiraten. Diese Frauen werden auch eingeschworene Jungfrauen genannt, "Virgjinesha" - es soll in Albanien noch etwa 40 von ihnen geben.

Bevor Diana auf die Welt kam, war ihr Bruder gestorben, kurz nach seiner Geburt. Der Vater wünschte sich wieder einen Sohn. Und er bekam Diana. Wenn er gefragt wurde, wie viele Kinder er habe, sagte der Vater jedes Mal: fünf Töchter und vier Söhne. Eigentlich sind es sechs Töchter und drei Söhne. Aber Diana ist anders, das hat ihr Vater immer gesagt. Sie hatte mehr Rechte als die anderen. Sie musste nicht um acht Uhr zu Hause sein. "Ich war freier", sagt sie, auch später auf dem Gymnasium. Obwohl es nicht erlaubt war, trug sie kurze Hosen. Mit 17 Jahren dann legte sie den Schwur ab und entschied ein für alle Mal, auf eine Heirat, auf Sex und Liebe zu verzichten. So wie es der Kanun verlangt.

Anerkennung in der Gesellschaft

Antonia Young schreibt in ihrer Studie: "Diese Frauen sind vollständig akzeptiert und werden innerhalb ihrer Gemeinschaft sogar bewundert." Bewundert für ihre Stärke und ihren Willen.

Ob sie wissen, dass Diana eine Burrnesha ist? "Ja", sagt einer der Männer. Ist sie in seinen Augen eine Frau oder ein Mann? "Xhimi?", fragt er. "Xhimi ist ein Mann, ein richtiger Mann." Xhimi, Jimmy, so wird sie von manchen der Männer genannt.

Diana ist kein Mensch, der unbemerkt irgendwo sitzt. Sie lacht laut, sie redet laut, sie gestikuliert, schnalzt mit der Zunge, und manchmal haut sie auch auf den Tisch, dass die Tassen scheppern. Nur ein einziges Mal verändern sich ihr Ton und ihre Körperhaltung, dann wird sie fast ein wenig schüchtern oder eher: schamhaft. Mit leiser Stimme sagt sie: "Wie kannst du in Anwesenheit eines Mannes so eine Frage stellen?" Die Fotografin hatte sie gefragt, ob sie die Tage bekomme wie andere Frauen.

In einem Film hat eine andere Burrnesha erzählt, dass sie ihre Tage schon lange nicht mehr habe, dass ihr Körper irgendwann aufgehört habe, eine Frau zu sein. Das Leben dieser Frauen zeigt, wie sehr die Geschlechterfrage auch eine Frage von Erziehung und eigener Lebenseinstellung ist. Warum die Frauen sich für das Leben eines Mannes entscheiden, kann verschiedene Gründe haben. Die einen wollen so der arrangierten Heirat entgehen, ohne dass die eigene Familie das Gesicht verliert. Andere mussten Mann werden, weil der Patriarch der Familie gestorben war und es keine anderen männlichen Nachfahren gab.

Ein Leben ohne Rechtfertigungen

Bei Drande Dodaj war es die Hoffnung auf ein Leben, für das sie sich nicht rechtfertigen muss. "Ein Mann", sagt sie, "kann tun, was er will." Sie ist 53 und lebt in Lezhë, einer Stadt im Norden. Drande hat das Gesicht eines Mannes, wer sie sieht, kann sich nur schwer vorstellen, dass sie mal ein Mädchen mit langen Locken war. Ihre Züge sind hart geworden mit den Jahren. Als sie 19 war, ist ihr Vater gestorben. Ihre beiden älteren Schwestern waren bereits verheiratet, sie war die dritte in der Reihe: Es war an ihr, bei der Mutter zu bleiben und sich um sie zu kümmern.

Die Familie stammt ursprünglich aus den Bergen bei Shkodër. Es ist die Mutter, eine sanfte, kleine Frau, mit drei Zahnstümpfen im Mund, die von Drandes Vater erzählt. Die Heirat mit ihm war arrangiert, sie war 15, und als sie schwanger wurde, hat sie die Kinder allein zur Welt gebracht, sie traute sich nicht mal, ihren Mann um ein Glas Wasser zu bitten. Während sie erzählt, starrt Drande in die Ferne. Einmal, erzählt die Mutter, seien Drande ein paar Schafe weggelaufen, und aus Angst vor dem Vater sei sie auf einen Baum geklettert, einen ganzen Tag lang harrte sie dort aus. Wer Drande erlebt, bekommt den Eindruck, dass die Strenge des Vaters sie geprägt hat. Es ist, als hätte sie eine Sehnsucht nach dieser Autorität. Sie klagt über eine Nachbarin, die mit ihren beiden Söhnen zu nachsichtig sei. Manchmal scheucht Drande die Kinder weg, mit lauter Stimme und einem festen Tritt auf den Boden.

Ihre Entscheidung, ein Junge zu werden, fällte Drande nach der achten Klasse. Ihre Mädchenkleider hat sie damals verbrannt. Hat sie die Entscheidung bereut? "Es ist mein Charakter, nicht über eine Entscheidung nachzudenken, die ich getroffen habe."

Seltene Zweifel

So ist es bei den meisten Burrneshas: Sie vermeiden es, das Leben infrage zu stellen, für das sie sich in jungen Jahren entschieden haben. "Es beleidigt die geschworenen Jungfrauen, über ihre Gefühle zu sprechen", schreibt die Anthropologin Antonia Young, "es zerstört ihren Ruf als ehrbare Männer."

Sanije Vatoci ist da eine Ausnahme. Sie hat sich als 14-Jährige den Schwur gegeben, nach dem Tod des Vaters. Sie sagt, es sei der Wunsch des Vaters gewesen, dass sie als Junge aufwuchs. Er hatte sich einen Sohn gewünscht, aber zwei Söhne waren kurz nach der Geburt gestorben. Dann kam Sanije zur Welt. Die Mutter sagte: "Sie ist ein Mädchen, lass sie ein Mädchen sein." Aber der Vater wollte davon nichts hören. Als die Mutter ihr ein Kleidchen anziehen wollte, sagte er: "Finger weg von meinem Sohn." Sanije sagt, er habe sie mehr geliebt als seine anderen Kinder.

Sanije ist anders als die anderen Burrneshas. Sie zweifelt. Und sie spricht darüber. Vielleicht ist es Zufall, aber Sanije ist diejenige, deren Gesicht am weiblichsten geblieben ist, weniger harsch. "Als ich mit 14 geschworen habe, habe ich mir keine Gedanken gemacht, was das bedeutet", sagt sie. "Je älter ich werde, desto mehr merke ich, die Entscheidung war falsch. Gott wollte, dass ich eine Frau bin und Kinder kriege." Dann zeigt sie ein Foto von sich in einem Hochzeitskleid. Es war das Kleid einer Freundin, zuerst wollte sie es nicht anziehen, aber dann hat die Freundin sie überredet, es anzuprobieren, nur so zum Spaß. Sie betrachtet das Foto lange, und dann lächelt sie. "Es hat mir gepasst."

Was würde sie einem jungen Mädchen sagen, das vor der Entscheidung steht, das Leben eines Mannes zu führen? "Mach den Fehler nicht, würde ich sagen, denn du wirst einsam bleiben und etwas in deinem Leben vermissen."

Die andere Liebe

Für Diana Rakipi ist klar: Sie würde niemals heiraten oder ein Kleid anziehen. Das hat sie geschworen, und der Schwur sei in Albanien wichtiger als das Leben des eigenen Sohnes, sagt sie. Und was ist mit der Liebe? Ist das nicht ein großer Verzicht?

Diana greift in die Tüte neben ihrem Stuhl, sie holt etwas heraus, das in ein Tuch gewickelt ist. Dann hält sie eine Gartenschere hoch. "Die habe ich immer dabei", sagt sie. Manchmal läuft sie durch die Stadt und stutzt Hecken und Wildwuchs. Auch den Garten vor dem Café hat sie angelegt, Büsche und Blumen gepflanzt. "Das ist meine Liebe", sagt sie: Saatgut in die Erde pflanzen, sehen, wie eines Tages die Blumen wachsen, und sie pflegen.

Sie winkt den Kellner heran, bestellt die Rechnung, dann geht sie zur Toilette. Sie nimmt die Tür mit dem Männerkonterfei.

Zurück am Meer, auf der Mole, stellt sie sich neben die Angler und scherzt mit ihnen. Deren Beute bislang: zwei kleine Fische. Sie liegen in einer Pfütze. Sie sagt, vor Kurzem habe sie einen anderthalb Meter großen Fisch an Land gezogen, nicht solche Winzlinge. Sie zieht ein Messer aus der Tasche, bückt sich und schuppt die beiden kleinen Fische. Sie schneidet die Flossen ab, schlitzt sie auf, zieht die Gedärme heraus und wirft den Abfall ins Meer.

Auf die Frage, ob es schwierig sei, das Leben eines Mannes zu leben, sagt sie: "Nein. Es ist mein ganz normales Leben."

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