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Freitod-Tourismus: Zum Sterben in die Schweiz

Immer mehr Menschen, vor allem Deutsche, reisen in die Schweiz, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Als einziges Land der Welt erlaubt die Alpenrepublik eine Hilfe zum Selbstmord ohne ärztliche Betreuung.

Die meisten Touristen kommen wegen der schneebedeckten Berge und der klaren Seen, um sich zu erholen und neue Kraft zu schöpfen. Doch immer mehr Menschen reisen auch in die Schweiz, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Im vergangenen Jahr ließen sich schätzungsweise 260 Menschen beim Sterben helfen. Allein in einer von der Organisation Dignitas angemieteten Wohnung in Zürich starben laut Staatsanwaltschaft 95 Menschen, 93 davon aus dem Ausland. Drei Jahre zuvor waren es den Angaben zufolge nur 2 Ausländer. "Es wird immer mehr", heißt es übereinstimmend bei Sterbehelfern, Polizei und Justiz.

Als einziges Land der Welt erlaubt die Schweiz eine Hilfe zum Selbstmord auch ohne ärztliche Betreuung. Dies geht auf ein Gesetz aus den 30er Jahren zurück. Die meisten Sterbehelfer sitzen in Zürich, es gibt sie aber auch in Bern und neuerdings im Kanton Aargau. Ihre Arbeitsweise und die Messlatte für die Schwere der Krankheit, bei der sie für einen Sterbewilligen tätig werden, ist sehr unterschiedlich.

"Express-Tod höchst unwürdig"

Früher sei es tatsächlich nur um Sterbehilfe am Ende des Lebens gegangen, sagt der Zürcher Staatsanwalt Andreas Brunner. "Heute sind das zum Teil auch Leute, die noch Monate, Jahre oder vielleicht gar Jahrzehnte leben könnten." Die Begleitung besteht teils in einem Gespräch mit dem Sterbehelfer und einem mit dem Arzt, der prüft, ob die Krankheit wirklich unheilbar ist - spätestens tags darauf gehe es bei den angereisten Ausländern ans Sterben. "Es hat keinen gegeben, der mehr als einmal übernachtet hat." Dieser "Express-Tod" sei "höchst unwürdig".

Ein Großteil der Sterbewilligen kommt aus Deutschland, sie reisen aber auch aus der Ferne an. "Wer diesen Weg gehen will, der kommt auch von der anderen Seite des Erdballs", sagt ein Dignitas- Mitarbeiter. Mit der Presse will er nicht sprechen. "Es gibt so viele Menschen, die leiden und meine Hilfe brauchen - das ist wichtiger."

Hilfe zum Suizid erhalten bei Dignitas nur Mitglieder. Die Aufnahme kostet laut Internet-Seite 100 Franken oder 76 Euro, die jährliche Gebühr 50 Franken (38 Euro). Dignitas verabreicht ein Schlafmittel, ein "schnell und völlig schmerzlos wirkendes Barbiturat", wie es auf der Internet-Seite heißt. Dieses versetze den Patienten in einen Schlaf, der "absolut schmerzlos und ruhig in den Tod übergeht". Der Kranke muss das Mittel aber selbst einnehmen.

Erstickung im Plastiksack

Um das auch in der Schweiz nötige ärztliche Rezept für das Mittel zu umgehen, hat ein Sterbehelfer die "Exit-Bag" entwickelt, ein Plastiksack, der über den Kopf gezogen zum Ersticken führt. Vor laufender TV-Kamera starb so im November 2002 eine 60-jährige depressive Rollstuhlfahrerin. Die Ausstrahlung der Bilder schockte die Schweiz und brachte dem Helfer, einem Psychiater, ein Strafverfahren ein. Er hatte schon einen 45-jährigen Zwangsneurotiker per Plastiksack in den Tod begleitet.

"Bei Depression und jeder anderen psychischen Störung ist Beihilfe zum Suizid absolut kontraindiziert - denn das ist behandelbar", kritisiert der gerade ausgeschiedene Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), Werner Stauffacher. Die SAMW akzeptiert Beihilfe zum Suizid nur in Einzelfällen, in denen der Patient kurz vor dem Tod steht und schwer leidet.

Der Kanton Zürich will dem Problem laut Staatsanwalt Brunner nun mit einem kantonalen Gesetz zu Leibe rücken, das unter anderem Qualifikationskriterien für Sterbehelfer und vor dem Schritt zum Suizid eine längere Begleitung bis zu mehreren Monaten vorsehen soll. Damit würde der Zustrom aus dem Ausland von selbst rasch zurückgehen, meint Brunner. Sorgen machen ihm auch Doppelselbstmorde wie der eines Geschwisterpaares aus Frankreich, das angeblich an einer Geisteskrankheit litt, oder eines älteren Ehepaares, das sich bei schlechterer Gesundheit des einen für einen gemeinsamen Tod entschied.

"Für uns ist das eine große Arbeitsbelastung"

Warum gerade Zürich zur Hochburg der Sterbehilfe wurde, kann niemand recht erklären. "Für uns ist das eine große Arbeitsbelastung", sagt Polizeisprecherin Nicole Fix. Denn bei jedem Todesfall läuft die gesamte polizeiliche Maschinerie durch, ein Team aus Kripobeamten, Gerichtsmediziner und Untersuchungsrichter rückt an, um den Fall zu untersuchen. Die Polizei legte Dignitas deshalb nahe: "Schaut, dass die Todesfälle wenigstens tagsüber passieren."

Sabine Dobel/DPA / DPA