Fritzl-Prozess Bestie und Zirkusclown zugleich


Ausnahmezustand in St. Pölten: Josef Fritzl, der Inzestvater von Amstetten, wird im Gerichtssaal vorgeführt wie die Schlangenfrau mit zwei Köpfen auf einer Dorfkirmes aus den Zwanziger Jahren. Und draußen protestieren Aktivisten mit nackten Babypuppen gegen ein "pädophiles Österreich". Ein Lagebericht.
Von Christian Parth

Es ist kurz nach halb zehn Uhr, als Josef Fritzl den Schwurgerichtssaal des Landgerichts St. Pölten betritt. Sein Gesicht verdeckt der Inzestvater von Amstetten, der im April 2008 mit seinen Taten eine ganze Welt erschütterte, mit einem blauen Aktenordner. Er trägt ein beigefarbenes Sakko und eine schwarze Hose. Leicht gebeugt schleppt er sich in die Mitte des Saals, das graue Haar schütter, mit einer großen, kahlen Stelle am Hinterkopf. Kaum zu glauben, dass dieser Mann 24 Jahre durch einen 83 Zentimeter schmalen Gang gekrochen ist, durch drei Sicherheitsschleusen bis zum Verlies, wo er seine Tochter E. wie eine Sklavin hielt, sie wieder und wieder vergewaltigte und sieben Kinder mit ihr zeugte.

Vor dem Platz seines Verteidigers Rudolf Mayer muss Fritzl stehen bleiben, flankiert von mehreren Polizisten. Dann bauen sich vor ihm zwei Kamerateams vom ORF auf und stellen Fragen, übertragen auch auf Großleinwand nach draußen. Warum er das denn gemacht habe und ob er sich den schuldig bekenne. Aber Fritzl antwortet nicht. Er hält nur weiter seinen Aktenordner nach oben wie einen schützenden Panzer. Ein Fotograf legt seine Kamera vor Fritzls Füße und versucht, von unten zumindest einen kleinen Ausschnitt seines Gesichts zu erhaschen, irgendeine Regung, wenn es nur ein Zucken ist. Ohne Erfolg.

Vorgeführt wie auf einer Dorfkirmes

Josef Fritzl ist heute Bestie und Zirkusclown zugleich. Im Schwurgerichtssaal zu St. Pölten wird er vorgeführt wie die Schlangenfrau mit zwei Köpfen auf einer Dorfkirmes aus den Zwanziger Jahren. Auch vor dem Gerichtsgebäude ereignet sich ein bizarres Spektakel. Aktivisten der "Opferoffensive" protestieren gegen ein "pädophiles Österreich". Auf der geschwungenen Einfahrt zum Haupteingang haben sie nackte Babypuppen ausgelegt, beschmiert mit roter Farbe, Ärmchen und Beinchen zum Teil abgetrennt. Einige Puppen wurden kurzerhand an ein Holzkreuz gebunden, das wie bei einer Prozession durch die Herrschaar von Journalisten getragen wird.

Auch Hubsi Kramer ist gekommen. Der gefürchtete österreichische Aktionskünstler trägt Sonnenbrille und einen Anzug aus Gold. Kramer hatte den Fall Fritzl vor einigen Wochen als Medien-Persiflage auf die Theaterbühne gebracht. Heute lässt er aus einer Musikanlage eine orchestral inszenierte Version des Stones-Klassikers "I can get no Satisfaction" spielen. Den Österreichern ist das alles sehr peinlich: "Was soll die Welt jetzt denn bloß über uns denken?", sagen sie. "Österreich, ein Hort der Kinderschänder?"

Fritzl noch immer eine Gefahr

Im Saal hat Josef Fritzl inzwischen Platz genommen auf einem Stuhl mitten im Gerichtsaal. Er sitzt mit dem Rücken zu den Journalisten, rechts die Geschworenen und die Staatsanwältin, links seine Verteidiger. Zuvor hatte Richterin Andrea Hummer noch vor den Kameras die Anklage verlesen: Mord aus Unterlassung, Sklaverei, Vergewaltigung, Blutschande, Freiheitsentziehung und schwere Nötigung. Nach dem Willen der Staatsanwaltschaft soll Fritzl lebenslang in Haft. Außerdem soll er in eine Anstalt eingewiesen werden, weil Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner ihn wegen seiner "seelisch geistigen Abartigkeit" noch immer für eine Gefahr hält.

Fritzl selbst gibt sich charmant und höflich, so wie er in Amstetten bis zur Enthüllung des Skandals eben bekannt war. Doch genau davor warnt Staatsanwältin Christiane Burkheiser die Geschworenen, die sich an den insgesamt fünf Prozesstagen ein Bild des Täters machen sollen. "Schauen Sie sich ihn an", sagt Burkheiser. "Er wird sich als fürsorglicher Vater ausgeben, als netter Herr von nebenan." Doch das sei er mitnichten. Dann schildert sie, wie Elektrotechniker Fritzl seine Tochter E. am 29. August 1984 unter dem Vorwand, ihm beim Transport einer Tür helfen zu müssen, in den Keller lockt, betäubt und in jenes Verließ zerrt, das sie 24 Jahre lang nicht mehr verlassen wird.

Er bindet ihr eine Eisenkette um den Bauch und schließt die Enden mit einem Vorhängeschloss zusammen. Die nächsten neun Jahre wird sie zunächst in einem Kerker von 18 Quadratmetern wohnen, von denen gerade mal elf nutzbar sind. Die Schilderungen der Anwältin sind anschaulich und bedrückend. An der Tür zum Gerichtssaal hat sie Markierungen angebracht, um etwa zu zeigen, wie viel 1,22 Meter sind. Das nämlich ist die Höhe der Dusche, die der Inzestvater eines Tages eingebaut hat.

Finsternis, Schimmel, tropfende Wände

Niemand könne sich vorstellen, wie morbide die Atmosphäre in diesem Gefängnis gewesen sei, sagt Burkheiser. Finsternis, Schimmel, tropfende Wände, Moder. Sie reicht den Geschworenen einen Karton mit Gegenständen aus dem Verlies. Sie sollen daran riechen, damit sie den Gestank einigermaßen ermessen können. Die Anwältin erzählt von den vielen Tagen ohne Strom, den Lebensmittelengpässen, den permanenten Vergewaltigungen, Panik- und Erstickungsattacken und der beängstigenden Ungewissheit, ob der Kerkermeister eines Tages vielleicht gar nicht mehr wiederkehrt. Sie redet über das Zwillingskind Michael, das zwei Tage nach der Geburt an einem akuten Atemwegssyndrom verstarb und das Fritzl dann einfach im Heizofen verbrannte. Dann wendet sich Burkheiser direkt an den Angeklagten, der nach wie vor regungslos in seinem Stuhl sitzt: "Dem eigenen Fleisch und Blut die Hilfe zu verwehren, da sind Sie zu weit gegangen." Sie spricht von den Gasfallen und einem Draht unter Hochspannung mit denen Fritzl droht, sollte sie zu fliehen versuchen. Doch das hätte sie niemals getan, glaubt Burkheiser. "E. war gebrochen." Auch weil er ihr das genommen habe, was ihr das liebste war - ihre Kinder, die er aus Platzgründen zu sich nach oben holte.

Ein Recht auf ein faires Verfahren

In seiner Replik versucht Fritzl-Anwalt Mayer, den Geschworenen den Begriff vom Monster auszutreiben. Sein Mandant habe durchaus Reue gezeigt, im psychiatrischen Gutachten habe Fritzl schließlich auch von Schuldgefühlen gesprochen, die in all die Jahre geplagt hätten. Und was seien das für Menschen, die ihn, den Anwalt, in Drohbriefen und Emails auf eine Stufe mit dem Mandanten stellten. Er selbst finde die Tat genauso abscheulich wie alle anderen. Aber auch Fritzl habe das Recht auf ein faires Verfahren. An die Geschworenen gewandt sagt er: "Versuchen Sie, ihn als Mensch zu sehen." Mayers Strategie der Verteidigung ist simpel. Er will vor allem eine Verurteilung wegen Mordes abwenden. Auch er geht nochmals auf den Tod des Zwillings-Säuglings ein. Fritzl habe sich sehr wohl um Michael gekümmert. In den zwei Tagen bis zum Tod sei er regelmäßig ins Verließ gekommen, um sich nach dem Zustand zu erkundigen. Von Mord durch Unterlassung könne daher nicht die Rede sein.

In der Konsequenz bekennt sich Fritzl auf Anfrage der Richterin im Punkt Mord für nicht schuldig. Auch den Vorwurf der Sklaverei lehnt er ab. In den kommenden Prozesstagen werden nun ausführlich das Leben im Keller und intime Details zu den Vergewaltigungen erörtert. Aus Gründen des Opferschutzes ist die Öffentlichkeit hiervon ausgeschlossen. Das Urteil wird am Freitag gefällt.


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