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stern-Reportage Fünf Brüder: Ein epischer Flüchtlingskrimi zwischen den USA und Honduras

Fünf Brüder und ein Leben im Gleichschritt: In Potrerillos, Honduras führten die Díaz 5 – so ihr Spitzname – ein beinahe identisches Leben.


Die Männer arbeiteten für das Busunternehmen ihres Vaters und spielten im gleichen Fußballverein.


Sie alle wandelten in den Fußstapfen ihres Vaters, dem Patriarch der Familie.


Am 2. November 2013 verändert sich ihr Leben für immer. 


Vater Alex Díaz wird den Tag nie vergessen: Die berüchtigte Bande MS-13 entführt seinen jüngsten Sohn Oscar und schlägt ihn fast zu Tode.


"Als die ihn entführt hatten, bin ich hingegangen. Wir haben geredet und geredet, und sie haben ihn geschlagen. Und ich habe zusehen müssen, wie sie ihn geschlagen haben. Sie haben ihn alle zwei bis drei Minuten in einer Runde verprügelt und mit den Füßen auf ihn eingetreten ... Am Kopf, in die Rippen ... Es waren etwa 20 bewaffnete Männer dort. Wie hätte ich etwas tun sollen?"


Fünf Jahre später besucht stern-Reporter Jan Christoph Wiechmann die Familie in ihrem Heimatort.


Heute ist einer der fünf Brüder tot. Einer ein Invalide. Einer auf der Flucht. Einer deportiert. Und einer im Revier der Drogenmafia.


Die fünf Brüder flohen 2013 zusammen in die USA.


Dort gelingt es ihnen nicht, zusammen zu bleiben.


Angel wird abgeschoben. Oscar kehrt freiwillig zurück.


Dann wird die Familie Stück für Stück auseinander gerissen.


"Hier wohnte der Mann, der die Gewalt gegen Oscar befohlen hat. Er hat dafür bezahlt. Dort haben sie ihn hingebracht. Sie ließen ihn in ein Auto steigen und haben ihn weggefahren, um ihn zu verprügeln. Genau da am Eingang, wo das Auto steht."


"Es ist mir sehr schwer gefallen, meinen verletzten Sohn zu sehen. Als ich ihn in der Klinik besuchte ..."


 "Die Situation war gleich: Oscar war bei der Arbeit. Er war in einem Bus am Arbeiten. Die beiden eigentlich. Der eine war bei der Arbeit, als die ihn entführt und geprügelt haben. Und der andere war bei der Arbeit, als sie ihn getötet haben."


"Oscar hat keinen Widerstand geleistet."


Angel und Oscar ähnelten sich. Vielleicht zu sehr: Die Familie vermutet, dass die Bande ihren zweitjüngsten Sohn Angel für Oscar gehalten hat, und er deshalb erschossen wurde.


"Als er erst geflohen ist, habe ich viel gelitten, weil meine Tochter erst zwei Monate alt war. Als er nach der Abschiebung zurückkam, hätte er die Flucht noch einmal versuchen können. Aber er fühlte sich in einem fremden Land nicht wohl. Er wollte mit uns sein und nicht wieder fliehen. Dann sind nur ein Monat und 13 Tage vorbeigegangen, bevor sie ihn ermordet haben."


Honduras hat die höchste Mordrate der Welt: 79 Morde pro 100.000 Einwohner. Deutschland im Vergleich: 0,9.


"Du brauchst dich nicht zu schämen. Erzähl ihm, wie dein Vater hieß."
"Angel."
"Und inwiefern habt ihr euch geähnelt? Was hast du von ihm?"
"Die Augen."
"Und welche Farbe hatten seine Augen?"
"Braun."


"Ich erzähle meiner Tochter von ihm, zeige ihr Fotos, und sage ihr, dass er sie geliebt hat. Sie fragt mich: Mein Vater hat mich doch geliebt, oder? Ich wohne mit meinem Vater, und sie nennt ihn 'Papa'. Aber sie fragt immer nach ihrem wahren Vater."


Oscar muss mit der Last leben, dass sein Bruder Angel für ihn gestorben ist. Noch schlimmer: seinetwegen. Deswegen flieht er noch einmal illegal in die Vereinigten Staaten. Nun wohnt er in Dallas, Texas. Die Gefahr, deportiert zu werden, ist allgegenwärtig.


"Nein, nein. Es wäre sehr schwierig, wenn er zurückkommen würde. Es ist mir lieber, dass er dort bleibt. Die Wahrheit ist: Er kann hier nicht bei seiner Familie sein."
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