HOME

Fünf Jahre Papst Benedikt XVI.: Der fremde Landsmann im Vatikan

Vor fünf Jahren wurde Joseph Ratzinger zum Papst gewählt. Nach einer Kette von Missverständnissen und Skandalen ist der geistige Graben zwischen dem deutschen Papst und seiner Heimat so tief wie nie zuvor.

Von Frank Ochmann

Ein bisschen waren alle noch wie betrunken vom Charisma Johannes Paul II., der selbst im Sterben Millionen an den Tiber gezogen hatte. Und so versuchten nicht nur Katholiken, in seinem Nachfolger den Vorgänger zu entdecken. Als Joseph Ratzinger zum Weltjugendtag in Köln eintraf und nur vier Monate nach seiner Wahl zum Papst als Benedikt XVI. erstmals wieder deutschen Boden betrat, wurde im Fernsehen mit erstaunlichem Ernst darüber spekuliert, ob er wohl den Boden küssen würde, wie es der polnische Papst so oft bei seinen Reisen getan hatte. Wie sehr wünschten sich nicht nur die Medienprofis dieses Bild, dem ein fester Platz in der Geschichte sicher gewesen wäre: Der erste deutsche Papst nach fast fünfhundert Jahren küsst den Boden seiner Heimat!

Das Amt ändert den Menschen nicht

Er küsste ihn nicht. Natürlich nicht. Denn hier stieg der sechzehnte Benedikt die Gangway herunter und nicht ein dritter Johannes Paul. Es brauchte allerdings noch eine Weile, bis das in die Köpfe von vielen Gläubigen und Beobachtern eingedrungen war. Etliche schienen zu glauben, bei der Papstwahl drücke der Heilige Geist auch auf eine Löschtaste für die Persönlichkeit und die Biografie des Erkorenen. Mild und versöhnlich, freundlich und auf Ausgleich bedacht war nun angeblich einer, der als oberster römischer Glaubenswächter zuvor über fast ein Vierteljahrhundert die Theologie der Befreiung und jede Theologie mit allzu eigenem Ansatz zum Schweigen gebracht, Frauenpriestertum und Familienplanung strikt verneint und mit seiner Rigorosität ganze Bischofskonferenzen brüskiert hatte.

Kampf "der Diktatur des Relativismus"

War es denn auch nur denkbar, dass Benedikt XVI. nicht mehr wahrhaben wollte, was er nur einen Tag vor seiner Wahl als ranghöchster Kardinal am Hauptaltar von Sankt Peter gepredigt hatte? "Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ‚vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen‘, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint." An diesem Tag sagte er "der Diktatur des Relativismus" noch einmal den Kampf an, den er schon so viele Jahre führte. War diesem kompromisslosen Verfechter der Rechtgläubigkeit tatsächlich zuzutrauen, dass er plötzlich mit dem Zeitgeist flirtete und sich wie ein populistischer Politiker darum sorgte, was die Menschen über ihn dachten, nur weil er jetzt eine weiße statt der gewohnten schwarzen Soutane trug?

Beim ersten Besuch in Deutschland schien er selbst davon überrascht, wie herzlich er aufgenommen wurde. Und bei seiner äußerlich immer bescheidenen Art und einer Stimme, die so gar nichts von einem Donnerprediger hat, fiel das den meisten auch nicht schwer. Und so scherzte Ratzinger mit dem Bundespräsidenten und wich ab und an sogar vom Redemanuskript ab, um sich einen rhetorischen Schlenker zu erlauben. Zunehmend gelöst wirkte der Papst aus Marktl am Inn auch in der folgenden Zeit. Nur selten noch blickten damals die Augen des Pontifex so skeptisch, ja manchmal widerwillig in die Welt, wie man es aus der Zeit davor gewohnt war und heute längst wieder ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie es zum Bruch zwischen dem Papst und der deutschen Öffentlichkeit gekommen ist

Das große Missverständnis von Regensburg

Alle miteinander schienen sich zu bemühen, aus diesem Pontifikat ein einziges buntes Kirchweihfest mit Trachtenkapellen und Gebirgsschützen zu machen. So heiter gestimmt waren Gast und Gastgeber jedenfalls auch noch zu Beginn des zweiten Besuches, der Benedikt im September 2006 zu seinen bayrischen Ursprüngen führte. Doch ausgerechnet dort, an seiner Regensburger Universität, unter alten Kollegen und Freunden, nah dem Grab seiner Eltern und der Schwester und nur ein paar Kilometer entfernt von seinem Privathaus in Pentling, genau in diesem seelischen Schutzraum nimmt das noch junge Pontifikat Joseph Ratzingers eine Wende, von der es sich bis heute nicht erholt hat.

Die Regensburger Festvorlesung des Papstes zum Thema Glaube und Vernunft ist damals gründlich missverstanden worden. Was durchaus eine tragfähige gedankliche Brücke für künftige Diskussionen hätte sein können - "Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe" -, wurde durch ein vermutlich unbedacht gewähltes Zitat aus dem 14. Jahrhundert als Angriff auf den Islam gewertet. Es darf dem Papst geglaubt werden, dass er über die verheerende Wirkung seiner Rede mit protestierenden Menschenmassen und brennenden Papstpuppen rund um den Globus zutiefst erschrocken war. Wenn er mit seinen akademischen Worten überhaupt jemanden hatte treffen wollen, dann war es doch sein alter Gegner gewesen, "der Westen", mit seiner weltanschaulichen Beliebigkeit.

Unmut bei Juden und Protestanten

Die islamische Welt beruhigte sich wieder. Nach dem Besuch der Sultan-Ahmed-Moschee während der Türkeireise nur Wochen später, bei dem Benedikt sich an der Seite des Muftis von Istanbul Richtung Mekka wandte und mit geschlossenen Augen betete, war der Riss gekittet, den die Regensburger Rede im Verhältnis zwischen Katholiken und Muslimen hinterlassen hatte. Vergessen aber war dieser Zwischenfall deshalb nicht. Und vor allem trat an die Stelle der zumindest gefühlten Annäherung von Kirche und Welt in den Anfangsmonaten dieses Papstes wieder das alte gegenseitige Misstrauen. Das hatte auch schon all die Jahre überschattet, in denen Joseph Ratzinger von der Piazza Sant' Uffizio in Rom aus entschied, was katholisch war und was nicht.

Die Fronten verhärteten sich noch mehr, als Benedikt ab 2008 am Karfreitag wieder für die Juden beten ließ, "damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen". Und wenn es "alle" hieß, waren auch alle gemeint. Die strenge christologische Ausrichtung des Papstes erlaubt keine Sonderwege zum Heil. Das mussten auch die Protestanten erleben. Was Joseph Ratzinger als Kardinal begonnen hatte, führte Benedikt als Papst weiter. Und so werden die Christen der Reformation nicht als "Kirche im Vollsinn" anerkannt. Das schadet Benedikts Ansehen zwar in Deutschland oder auch in England, bringt ihm aber in den orthodoxen Kirchen, die sich 1054 im Zwist von Rom getrennt hatten, eine nie zuvor bei einem Papst erlebte Popularität. Selbst die gegenüber Johannes Paul II. noch überaus distanzierten Vertreter der russischen Kirche zeigen sich hoch erfreut. Und das ist wichtig. Denn auf die Stimme der anderen Patriarchen mit Wurzeln bis in die Urzeit des Christentums kommt es Benedikt vor allem an, nicht auf die Beschlüsse irgendwelcher evangelischer Synoden und Räte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Benedikt XVI. die Meinung der Deutschen nicht allzu wichtig nimmt

"Sprungbereite Feindseligkeit" in der Heimat

Konsequent auf dieser traditionellen Linie zurück zur "einen, heiligen Kirche" folgte im Januar vergangenen Jahres ein weiterer Paukenschlag, als die bis dahin geltende Exkommunikation von vier ultrakonservativen Bischöfen aufgehoben wurde, unter denen sich der britische Holocaust-Leugner Richard Williamson befand. Die folgende Welle öffentlicher Empörung erfasste nicht nur Deutschland, auch wenn sie dort - wie meist in solchen Fällen - besonders hoch schwappte. Wieder zeigte sich der Papst erschrocken über die Wirkung seines Handelns und schrieb sogar einen erklärenden, halb entschuldigenden Brief an die Brüder im Bischofsamt. Doch darin stand auch, wie vertraut ihm doch war, was er an Ablehnung erlebte - jene "sprungbereite Feindseligkeit" nämlich, die ihm aus der Heimat doch schon so oft entgegengeschlagen war während seiner römischen Jahre.

Unverständnis auf beiden Seiten

Es ist bei den harten Fronten geblieben. Eher haben sich die Gegensätze noch weiter verschärft, seit in Deutschland immer neue Fälle des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen bekannt werden, die über die Jahre und Jahrzehnte auch in katholischen Einrichtungen vorkamen und von Klerikern begangen wurden. Wie zerrüttet derzeit das Verhältnis zwischen ziviler und katholischer Welt bei uns ist, zeigt das tiefe Unverständnis, mit dem die Öffentlichkeit bei uns bis weit hinein in das christliche politische Lager auf die quälend zögerliche Reaktion der katholischen Offiziellen reagiert. Umgekehrt bleibt es Bischöfen und Kardinälen offenbar ein Rätsel, warum das schreckliche Problem des - nicht nur sexuellen - Kindesmissbrauchs gelöst sein sollte, wenn alle katholischen Geistlichen mit einer Frau verheiratet wären. Natürlich ist das eine ziemlich naive Sicht der Dinge und fernab aller Fakten. Die derzeitige Debatte beweist aber ein weiteres Mal, wie tief die Gräben und wie hartnäckig die gegenseitigen Vorurteile sind.

Deutschland als Missionsgebiet

Befindet sich die katholische Kirche also in einer existenziellen Krise, weil alte Dissidenten wie Hans Küng einen flammenden Brief an die "verehrten Bischöfe" schreiben und an ein Konzil erinnern, von dem viele junge Katholiken, zumal die rechtgläubigen der "Generation Benedikt", kaum noch wissen, dass es je stattgefunden hat? Droht der katholische Niedergang, weil atheistische Selbstdarsteller wie der Engländer Richard Dawkins die baldige Verhaftung des Papstes fordern?

Es wird Zeit zu begreifen, dass heute Deutschland, ja Europa und der ganze Westen für die Weltkirche mit vielen blühenden Regionen und ebenso vielen schweren Herausforderungen alles andere als maßgeblich ist. Welche Bedeutung können 25 Millionen halbherzige deutsche Katholiken unter 1,2 Milliarden ihrer Brüder und Schwestern auf allen Kontinenten haben, selbst wenn sie reichlich spenden? Und so wird Benedikt XVI. seine Heimat und ihr kulturelles Umfeld am fünften Jahrestag seiner Wahl so sehen, wie er sie zweifellos auch schon am Tag vor dem Konklave eingeschätzt hat - als Missionsgebiet.