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Gastbeitrag von Wolfgang Gründinger Alle für alle statt jeder gegen jeden


Als "Anwalt der Jugend" setzt sich Wolfgang Gründinger für einen neuen Generationenvertrag ein. Dafür fordert der 28-Jährige die Solidarität der älteren Generation ein.

Wir werden älter. Jeder kennt die talkshowgerechte Faustformel: Kommen heute noch drei Menschen im arbeitsfähigen Alter für einen Rentner auf, werden es im Jahr 2030 nur noch zwei Jüngere pro Rentner sein. Das sorgt für Horrorszenarien. Renten- und Krankenkassen seien dem baldigen Kollaps geweiht, Deutschland werde zu einem riesigen Altenheim ohne Kinder und ohne Zukunft.

Statt aber darüber zu sprechen, wie wir das Beste aus der demografischen Entwicklung machen können, schieben wir den Schwarzen Peter hin und her. Mit Schuldzuweisungen wie »Die Rentner sind schuld, weil sie zu viele sind« oder "Die Jungen sind schuld, weil sie so wenige Kinder kriegen" kommen wir jedoch nicht weiter. Die ideologischen Scheingefechte stiften Unfrieden und verstellen den Blick auf die eigentlich nötigen Maßnahmen.

Dem Sozialstaat droht nicht der Untergang. Die gängigen Indikatoren der Bevölkerungsalterung übersehen, dass die Alten ihre gewonnenen Jahre nicht in Krankheit und Siechtum verbringen, sondern länger fit und aktiv an der Wertschöpfung partizipieren können. Wenn die Menschen nicht mit 60 in die Frühverrentung abgeschoben werden, sondern länger auf dem Arbeitsmarkt teilhaben würden, wäre der Alterung einiger Sprengstoff genommen.

Vollbeschäftigung ist möglich

Der Arbeitsmarkt wird entlastet, weil weniger jüngere Menschen ins Berufsleben eintreten, als ältere in den Ruhestand gehen. Den Rückgang der Arbeitslosenzahlen bemerken wir bereits heute. In nicht allzu ferner Zukunft kann der politische Wunschtraum der Vollbeschäftigung in Erfüllung gehen – dank demografischem Wandel.

Richtet man den Blick über den Tellerrand des Renten-Pessimismus hinaus, kann man die Schrumpfung gar als heilsam empfinden. Gerade für die dicht besiedelte Bundesrepublik mit ihrer ressourcenintensiven Wirtschaftsweise gilt: Eine kleinere Bevölkerung ist eine ökologische Chance. Weniger Menschen verbrauchen weniger Energie, belasten die Atmosphäre mit weniger Treibhausgasen und benötigen weniger landwirtschaftliche Fläche. Diese könnte etwa für den Anbau von Bioenergie genutzt werden oder Wäldern Platz machen, sodass Wölfe (nicht nur) in die Lausitz und Bären (nicht nur) nach Bayern zurückkehren.

Weil mit den Kinderzahlen auch die Schülerzahlen sinken, sparen die finanzklammen Länder in den kommenden Jahren rund hundert Milliarden Euro – viel Geld, das in bessere Bildung investiert werden kann. Wenn Eltern außerdem nicht mehr drei oder vier Kinder ernähren müssen, sondern nur noch eines oder zwei, können sie ihrem Sprössling auch eine bessere Ausbildung finanzieren. Die Bildungschancen für die nachrückende Generation stehen gut, und damit ihre Wohlstandschancen. Es gilt, den demografischen Wandel zu gestalten, anstatt ihn fatalistisch auf uns zurollen zu lassen.

"Fällt der Krieg der Generationen aus?"

Alt und Jung sind keine Kategorien wie Arm und Reich oder Mann und Frau. Beim Alter ist es von Natur aus anders: Die Alten waren selbst einmal jung. Die Jungen wollen selbst einmal alt werden. Und innerhalb der Generationen gibt es frappierende soziale Unterschiede – die alleinerziehende Obstverkäuferin auf dem Land hat mit dem gleichaltrigen Unternehmenserben am Hamburger Elbstrand wenig gemein.

Jung und Alt in Deutschland verstehen sich heutzutage gut. Fast alle Jugendlichen sagen, sie wollen ihre Kinder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen worden sind. Da ist nicht viel Platz für Konflikte, zumindest nicht für politische. Fällt also der Krieg der Generationen aus?

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung hat in einer methodisch sorgfältigen Studie ca. 14.000 Menschen gefragt, wie sie zu familien- und sozialpolitischen Leistungen stehen. Abstrakt gab es großen Konsens über die Solidarität der Generationen. Sobald aber konkret gefragt wurde, ob sie zum Beispiel eine Erhöhung des Kindergelds oder des Etats für Kinderkrippen befürworten, sagten die meisten Älteren: Nein, wir wollen nicht, dass der Staat das Geld für Kinder, junge Familien und Studenten ausgibt. Wir wollen, dass der Staat das Geld für die Rentner ausgibt. So ist etwa die Wahrscheinlichkeit, dass ein 60-jähriger der Erhöhung des Kindergeldes zustimmt, um 85 Prozent geringer als die Zustimmung eines 25-jährigen. Bei anderen Dingen, wie öffentlicher Kinderbetreuung, verhält es sich ähnlich.

Jeder dritte Wähler ist über 60

Das heißt zugespitzt: Die große Mehrheit der Älteren will zwar, dass der Staat etwas für die Jungen tut, sie will aber nicht, dass das Staatsgeld bei den Jungen landet. Das verwundert nicht. Denn jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Wenn das Geld bei den Jungen landet, gibt es weniger für die Alten.

In einer Demokratie wird Masse zur Macht. Schon heute ist jeder dritte Wähler über 60 Jahre alt. Nach deren Interessen wird Politik gemacht – in vorauseilendem Gehorsam. Die heute Jungen unter 18 sind von demokratischer Mitsprache aus¬geschlossen. Die künftigen Generationen sind noch nicht geboren und haben keine Stimme.

"Liebe Alte, wir brauchen euch!"

Rentner und ihre politischen Funktionäre sprechen gern darüber, was die Gesellschaft ihnen schuldet. Selten wird darüber gesprochen, was die Alten der Gesellschaft schulden. Von einer wohlhabenden und zahlreichen Altengeneration können wir erwarten, dass sie mehr an uns Jüngere zurückgibt. Und zwar nicht nur an die eigenen Enkelkinder, sondern an die gesamte junge Generation, von der schließlich diejenigen am meisten Unterstützung brauchen, deren Großeltern am wenigsten haben.

Um das Land enkeltauglich zu machen, brauchen wir Jungen einen mächtigen Bündnis¬partner: Liebe Alte: Wir brauchen euch!

Wir brauchen eure Macht. Denn ihr seid viele. Geht mit uns zusammen auf die Straße. Geht wählen und abstimmen. Kreuzt nicht an, was ihr schon immer angekreuzt habt, sondern versetzt euch in die Position eures Ur-Enkels. Fragt euch, was aus dessen Sicht vermutlich am besten wäre.

Wir brauchen eure offenen Ohren. Gesteht euch ein: Ihr habt keine Ahnung. Heute müssen die Eltern von den Kindern lernen. Wissenstransfer ist keine Einbahnstraße mehr. Lasst uns in Ruhe mit eurer Besserwisserei! Hört auf mit den leidigen Appellen, wir sollten mal endlich Kinder kriegen, mit eurem Gelaber über die angebliche Politikverdrossenheit der verwöhnten Jugend von heute. Und: Versucht erst gar nicht, uns weiszumachen, ihr würdet euch mit dem Internet auskennen.

Wir brauchen eine solidarische Bürgergesellschaft

Wir brauchen eure Zeit. Denn ihr habt viel davon. Mit professionellen Dienstleistern allein werden wir für die Kranken, die Pflegebedürftigen, die Kinder kein Rundum-Sorglos-Paket anbieten können. Wir brauchen eine solidarische Bürgergesellschaft, in der sich die Menschen umeinander kümmern. Ohne einen produktiven Unruhestand der Alten ist eine solche Bürgergesellschaft nicht vorstellbar.

Wir brauchen euer Geld. Klar: Nicht alle Alten leben wie die Made im Speck. Aber unter euch gibt es mehr Vermögende mit gefüllten Konten als arme Witwen mit mageren Renten. Ihr seid die reichste Generation in unserem Land. Gebt einen Teil an die Gesellschaft zurück – als Zukunftssoli für öffentliche Kinderbetreuung und Bildung. Denn: Wir sind jung und brauchen das Geld.

Als Deutschland jung war, wurde die soziale Sicherung für die Alten ausgebaut. Jetzt, da Deutschland alt wird, sind es die Kinder und Jugendlichen, die Unterstützung brauchen. Der vielbeschworene Generationenvertrag darf nicht in pharisäischen Sonntagsreden verkümmern. Die Alten sind mehr, sie sind reicher und haben das Sagen. Sie haben die Gesellschaft so gemacht, wie sie heute ist. Daher müssen sie Verantwortung übernehmen. Und die Welt ein bisschen besser hinterlassen.


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