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Gedenkstunde zur Reichsprogromnacht: "Grosser als Redner eine grandiose Fehlbesetzung"

Der geplante Auftritt Alfred Grossers in der Frankfurter Paulskirche bleibt bis zuletzt umstritten. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde der Stadt, Salomon Korn, drohte am Montag damit, er werde die Gedenkfeier der Stadt zur Reichspogromnacht verlassen, sollte der deutsch-französische Publizist in seiner Rede "ausfallend" gegenüber Israel werden.

Vor der Gedenkstunde zur Pogromnacht in der Frankfurter Paulskirche hat der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, die Kritik am Hauptredner Alfred Grosser bekräftigt. Grosser reiße Gräben auf und polarisiere, sagte Graumann dem "Hamburger Abendblatt" (Dienstag). "Er kann seine Meinung immerzu vertreten. Aber ausgerechnet am 9. November in der Paulskirche ist das eine Besetzung, die uns schmerzt."

Die Einladung der Stadt Frankfurt an Grosser, die Hauptrede bei der Gedenkstunde zu halten, war beim Zentralrat und der jüdischen Gemeinde auf heftige Kritik gestoßen. Dem deutsch-französischen Publizisten wird vorgeworfen, er vergleiche den Holocaust mit der heutigen Situation der palästinensischen Bevölkerung und stelle sich hinter den Schriftsteller Martin Walser, der die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus kritisiere. Der 85 Jahre alte Grosser ist selbst jüdischer Herkunft, er wurde in Frankfurt geboren und emigrierte mit seiner Familie nach Frankreich.

Salomon Korn, ebenfalls stellvertretender Vorsitzende des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Frankfurts, will bei einseitiger Kritik an Israel die Veranstaltung am Nachmittag vorzeitig verlassen. Werde Grosser "ausfallend gegenüber dem Zentralrat oder Israel werden, werden wir den Raum verlassen", sagte Korn im Deutschlandradio Kultur. In Grossers Äußerungen seien immer die Israelis Schuld und niemals Hamas, Hisbollah oder der Iran.

Graumann beklagte im Gespräch mit dem "Hamburger Abendblatt" einen zunehmend enthemmten Antisemitismus in der Gesellschaft. Antisemitismus habe man lange Zeit eher an den extremistischen Rändern der Republik verortet. Nun aber bestätigten wissenschaftliche Untersuchungen, dass sich der Antisemitismus in all seinen Facetten in die Mitte der Gesellschaft vorgearbeitet habe.

DPA / DPA