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Generationendialog in Köln Alte in die Pflicht nehmen?


Pflicht und Freiwilligkeit, Altersarmut und Nachhaltigkeit – im Kölner Historischen Rathaus diskutierten Franz Müntefering und Richard David Precht über die Zukunft des Alters.
Von Susanne Kutz

Kurz und prägnant, pointiert und streitbar – mit dieser Charakterisierung stellte die Chefredakteurin des Deutschlandfunks, Birgit Wentzien, ihre Gesprächspartner beim Kölner Generationendialog vor. Vor dem Hintergrund der in Berlin angestoßenen Debatte über Renten und Altersarmut kamen mehr als 400 Bürger in das Historische Rathaus, um den 75-jährigen Politprofi Franz Müntefering und den um eineinhalb Generationen jüngeren Philosophen Richard David Precht (Jg. 1964) hautnah zu erleben. Dass Alt und Jung relative Kategorien seien, könne man an dieser Podiumsbesetzung deutlich sehen, kommentierte Precht ironisch. Er übernehme an diesem Abend gern die Rolle des Jungen, auch wenn er in den Augen seines Sohnes ein alter Mann sei.

"Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl"

Der unterschiedliche Blick der Generationen wurde gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich: Franz Müntefering lehnte die von Precht eingebrachte Idee eines Sozialen Pflichtjahrs sowohl für Junge als auch für Alte ab: 16 Stunden sollten sich Menschen mit Eintritt des Rentenalters für mindestens ein Jahr in einem von ihnen ausgewählten Projekt engagieren, so Prechts Vorschlag.

Dies schaffe Rahmenbedingungen, die auch die Menschen, die bislang keinen Zugang zu ehrenamtlichen Tätigkeiten hätten, in neue soziale Netzwerke und sinnstiftenden Aufgaben einbinden. Das Gefühl von Selbstwirksamkeit, so die Überzeugung des Philosophen, öffne die Türen für längerfristiges Engagement. Ja, man müsse die "Leute zum Glück zwingen" und durch die Pflicht Mentalitäten ändern.

Franz Müntefering widersprach dieser Haltung massiv. "Ich setze auf die Freiwilligkeit", konterte er, "Verpflichtung bringt nichts". Im gleichen Atemzug sah der ehemalige Arbeitsminister dennoch auch Alte in der Verantwortung und fügte sein Bonmot an: "Demokratie kennt nämlich keinen Schaukelstuhl." Im Laufe des Schlagabtauschs, der auf beiden Seiten immer wieder mit leichtem Kopfschütteln verbunden war, kristallisierte sich jedoch heraus, dass beide das gleiche Ziel im Auge haben: Mehr Menschen, insbesondere in der nachberuflichen Phase, dauerhaft in gesellschaftliches Engagement bringen. Ca. zwei Millionen Menschen könnten eingebunden werden, erklärte Precht.

Das hat auch die forsa-Umfrage Altern in Deutschland von stern und Körber-Stiftung bestätigt: 79 Prozent der über 65-Jährigen meinen, dass man sich ehrenamtlich engagieren solle, aber nur 30 Prozent tun dies. Für ein Drittel gilt es also, neue Wege zu eröffnen. Er nehme, so erklärte Precht abschließend, das Wort Pflicht nicht nur negativ wahr, aber er sei auch nicht in der NS-Zeit und den pflichterdrückenden Adenauerzeiten groß geworden. Da prägen unterschiedliche Erfahrungen die Generationen.

Kluft zwischen Arm und Reich wird größer

Dass die junge Generation derzeit die Renten der Alten bezahlt, aber später selbst kein ausreichendes Einkommen zu erwarten habe, fanden viele Befragte der forsa-Umfrage. 73 Prozent der unter 45-Jährigen meinen, dass die gesetzlichen Renten nicht ausreichen werden. Das Umlagesystem funktioniere nicht mehr, urteilte Precht. Längeres Arbeiten sei sicher gut, aber keine Rettung. Das eigentliche Problem sei die Befreiung der Reichen, der Selbstständigen aus der Solidargemeinschaft. Ein Unding, so Precht.

Franz Müntefering verwies auf den Zusammenhang von Löhnen und Renten und machte vor allem die Niedriglöhne für die niedrigen Renten mit verantwortlich. Ein Argument, das Precht nicht überzeugte. Warum er denn in seiner Zeit als politisch Verantwortlicher den Mindestlohn nicht eingeführt habe, fragte er kurz nach. Und Müntefering konterte: Sozis wählen! Wir hatten nicht notwendige Stimmenmehrheit. "Sie hätten mehr tun müssen, um können zu können", erwiderte Precht philosophisch. Auch unter Rot/Grün habe die Kluft zwischen Arm und Reich in unserem Land deutlich zugenommen.

Umso mehr sollte man sich heute um Chancengerechtigkeit kümmern, statt die Verteilungsgerechtigkeit in den Mittelpunkt zu rücken, führte Precht aus, als es um die Frage ging, welche Erwartungen die junge Generation habe. "Die neoliberale Politik hat die Erfolge der Willy-Brandt-Ära kaputt gemacht. Es geht mehr denn ja um soziale Gerechtigkeit. Hartz IV als Entschädigungsleistung für nicht geleistet Chancengerechtigkeit, sollten wir uns nicht mehr leisten." Den Blick zu weiten und alles zu tun, um jungen Menschen von Anfang Perspektiven zu geben, sei der richtige Weg, pflichtete Müntefering bei. Die Politik müsse nachhaltiger sein und weniger kurzatmig.

Demografischer Wandel als Chance

Im Gegensatz zum Wort "Pflicht" lagen beide Diskutanten beim Wort "nachhaltig" auf gleicher Wellenlänge. "Wie wir in 10, 20, 30 Jahren leben wollen, muss die Politik bestimmen." Den Blick auf die langen Zeiträume fasste Precht unter der Überschrift die "Gnade des demografischen Faktors" zusammen: weniger Kinder, weniger Arbeitslose, entlastete Staatskassen, höhere Löhne. Wenn sich das mit mehr Engagement für die Gesellschaft paaren würde, ließe sich wieder mehr Solidarität organisieren, meinten beide bei allen Meinungsverschiedenheiten versöhnlich. Und Müntefering setzte am Ende der Runde nach: Er möchte mit dem Pflichtjahr warten bis er Precht pflegen kann. Und das habe ja wirklich noch Zeit.

Sendetermine:

Der Deutschlandfunk überträgt die Veranstaltung am 5. September ab 19.15 Uhr in der Sendung "Zur Diskussion", in DRadio Wissen am 10. November ab 20.05 Uhr im "Hörsaal".


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