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Georg Ratzinger stellt Buch vor: "Der Papst ist ein Sünder"

Der deutsche Papst Benedikt XVI. von seiner privaten Seite: Das verspricht ein Buch seines Bruders Georg Ratzinger. Bei der Präsentation ging es dann auch um Katzen, Streitereien und Kommissar Rex.

Von Malte Arnsperger, Regensburg

Ist Papst Benedikt XVI. ein Sünder? Eine ungeheuerliche Frage, mag man meinen. Eine Frage, die die meisten guten Christen wahrscheinlich mit einem klaren und entrüsteten "Nein" beantworten würden. "Na klar", meint aber einer, der den Heiligen Vater so gut kennt, wie niemand sonst auf der Welt. "Ich kenne keinen, der nicht sündigt." Es sind die Worte von Georg Ratzinger, dem einzigen leiblichen Bruder des Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche, anlässlich einer Buchvorstellung in Regensburg. "Mein Bruder, der Papst", heißt das Werk, in dem der ältere der beiden Ratzingers in Interviewform zum ersten Mal ausführlich über das Leben des Papstes berichtet. Es ist, so verkündet der Klappentext vollmundig, "das persönlichste Porträt des Heiligen Vaters".

Eines ist sicher. Es ist das am besten getimete Buch. Am 22. September wird Benedikt XVI. seinen dritten Deutschlandbesuch als Papst beginnen. Und da auch schon die bisherigen Werke über ihn reißenden Absatz fanden, wird wohl auch dieses Buch seine Leser finden. Der Verlag spricht von einer "hohen fünfstelligen" Startauflage. Offizieller Anlass für die Veröffentlichung sei zwar die Priesterweihe der beiden Brüder vor 60 Jahren gewesen, sagt der Historiker Michael Hesemann, der den 267-Seiten langen Band mit und für Ratzinger geschrieben hat. "Aber der Deutschlandbesuch ist natürlich ein noch willkommenerer Anlass."

Ob guter Anlass oder nicht scheint Georg Ratzinger an diesem Tag ziemlich egal zu sein. Der kleine Mann mit dem weißen Haarschopf sitzt etwas verloren neben Hesemann auf einem schwarzen Sessel. In sich versunken, meist mit geschlossenen Augen und fast regungslos, erleben ihn die Journalisten bei der Buchpräsentation im Regensburger "Institut Papst Benedikt XVI". Georg Ratzinger wird über seine "Wehwechen" berichten, darüber, wie ihn sein operiertes Knie beim Gehen behindert, wie er sein Augenlicht immer mehr verliert. "Aber", so sagt der 87-Jährige dann tapfer, "das ist doch lächerlich, wenn ich hier meine Krankheitsgeschichte aufzähle und das Jammern anfange. Es geht doch um etwas anderes."

Enger Kontakt hat durch Papstwahl gelitten

Richtig. Um das Buch, um den heutigen Papst und um das Verhältnis eines ungewöhnlichen Bruderpaares soll es gehen. Ein Bruderpaar, das in einfachen Verhältnissen in der bayerischen Provinz aufwächst, in einer tiefreligiösen Familie, in der es "eine Selbstverständlichkeit" gewesen sei, dass jemand Priester wird, so sagt Georg Ratzinger. Es werden dann sogar gleich zwei, die ihr Leben in den Dienst Gottes stellen. Aber es wirkt nicht so, als ob Joseph seinem drei Jahre älteren Bruder kritiklos gefolgt ist. Nein, sagt Georg Ratzinger, "ich habe die Autorität des Älteren nie wahrgenommen". Er habe sich auch in der Jugend schon mit seinem Bruder gestritten, "aber der Frieden war immer größer als die Dissonanz".

Tatsächlich haben sich die Lebenswege der beiden Ratzingers auch nach dem Auszug aus dem elterlichen Hause immer wieder gekreuzt. Als Joseph Ratzinger 1969 an die Universität Regensburg berufen wird, kommt er in eine Stadt, in der sein Bruder seit 1964 als Domkapellmeister wirkt. Auch nachdem der jüngere Ratzinger Anfang der 80er Jahre nach Rom berufen wurde, trafen sich die Brüder regelmäßig in ihrem Haus bei Regensburg. Ein enger Kontakt, der durch die Papstwahl 2005 gelitten hat, auch wenn die Geschwister noch oft telefonieren. "Die gemeinsame Zeit ist weniger geworden", gibt Georg Ratzinger zu. "Aber unser Verhältnis hat sich nicht verändert." Gerade erst habe er seinen Bruder im päpstlichen Urlaubsort Castel Gandolfo besucht. "Die Herzlichkeit und die persönliche Bindung sind wie immer, die wichtigsten Dinge können wir austauschen."

Georg Ratzinger kennt seinen Bruder also noch immer gut, bekommt mit, was ihn bewegt, wie er die Aufgabe als Kirchenoberhaupt meistert. So kann er ihm auch raten, zurückzutreten, sollte die Gesundheit nicht mehr mitmachen. Trotzdem beschäftigt sich das Buch vor allem mit der Zeit vor der Papstwahl. Absichtlich, meint Autor Hesemann, schließlich habe er Georg Ratzinger als Augenzeugen befragt und die genaue Dokumentation des Pontifikats Benedikt XVI. sei Aufgabe der päpstlichen Wegbegleiter in Rom. Und Georg Ratzinger sagt: "Ich finde, das Schönste an einer Biographie ist doch die Jugendzeit. Was er jetzt macht, kann man doch auch überall anders nachlesen."

Benedikt gab das Manuskript frei

Einen wirklichen Eindruck dessen, was den Leser denn in diesem Buch erwartet, bekam man durch die Pressekonferenz nicht. Hesemann referierte zwar, er habe mit Hilfe Georg Ratzingers herausfinden wollen, ob es eine "göttliche Vorsehung" für den späteren Lebensweg Joseph Ratzingers gab. Dies könne er nach den stundenlangen Gesprächen mit einem klaren "Ja" beantworten. Das Werk solle auch, so Hesemann, eine "Lücke" in den Veröffentlichungen über den Papst schließen. Und der Regensburger Bischof Müller lobte in einer ausschweifenden Ansprache das "hoch interessante, bedeutungsvolle und spannende Buch".

Die vielen Worte seiner Mitstreiter und Vorredner jedoch ließen Georg Ratzinger zu wenig Raum, um seine zweifellos vorhandenen Qualitäten als Erzähler vorzuführen. So erfuhren die Besucher von ihm lediglich, dass der Papst zwar die TV-Serie "Kommissar Rex" schätzt, aber eher ein Katzenfreund, weniger ein Hundefreund ist.

Der Klappentext verspricht, Georg Ratzinger offenbare die "private Seite des heiligen Vaters". Aber auf so richtig private Dinge gehe er dem Buch nicht ein, "ich habe eine Mittellinie eingehalten", sagt Georg Ratzinger. Sein Bruder hat das Manuskript übrigens durch seinen Privatsekretär freigegeben, es aber noch nicht selber gelesen. Georg Ratzinger: "Ich hoffe, er wird dann sagen: In Gottesnamen, jetzt ist das Buch halt da."

  • Malte Arnsperger