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GESPERRT! Heimat von Joschka Fischer: Fischers Viertel

Er war dünn, dann dick, dann ganz dünn, und heute ist er wieder ganz ... Genießer, der Jojo-Joschka. Seiner Frau Minu hat Joschka Fischer jetzt mal seine alte Heimat gezeigt: Baden-Württemberg. Wo man den Wein schlotzt und nicht trinkt. Und sehr gut isst.

Von Claus Lutterbeck

Ein paar Schritte entfernt vom Daimler-Gymnasium in Cannstatt, das Joschka Fischer einst mit drei Fünfen recht früh und für immer verließ, kommt eine Frau auf ihn zu und sagt: "Herr Fischer, därf i Sie ebbes frage?" Fischer sagt freundlich Nein und geht weiter.

Der einstmals beliebteste Politiker im Land hat mal wieder eine Kehrtwende in seinem kurvenreichen Leben hinter sich. Nach einer Karriere im Rampenlicht ist er nun im wohldotierten Privatleben untergetaucht. Und wehe, es versucht jemand, ihn zu fotografieren. Da wird der Mann, der mal Fotoreporter werden wollte, grantig wie ein Kirmesboxer. Dafür hat Fischer endlich Zeit, seiner Frau die alte Heimat zu zeigen und ihr einige vorzügliche Winzer und Köche vorzustellen.

Minu Barati, 33, ist in Berlin aufgewachsen, die schlichte Kost der Hauptstadt hat sie im Kindergarten fürchten gelernt: "Da gab es Blut- und Leberwürste von der Sorte mit durchsichtiger Pelle, sie sahen aus wie Stützstrümpfe. Dann kam die Kindergärtnerin vorbei, stach mit der Gabel rein, dass es spritzte, und sagte: Det is tote Oma! - Ich habe mich sehr gefürchtet, denn ich habe meine Oma sehr geliebt."

Trick aus der Spitzendiplomatie

Wie könnte man den Ausflug ins gute Essen besser beginnen als mit den Maultaschen von Vincent Klink in der "Wielandshöhe"?* Der Stuttgarter Sternekoch serviert Kutteln und Kalbskopf nach römischer Art. Die Kutteln kriegt er, anders als das Gesetz es will, ungebleicht, und die frisch gemolkene Rohmilch für seine himmlischen Desserts muss er auch heimlich kaufen - absurde Hygienegesetze erfordern es.

Nach dem Mittagsmahl philosophieren Klink und Fischer über eine zentrale Lebensfrage: Wie schläft man nach viel Speis und Wein nicht sofort ein? Fischer verrät einen Trick aus der Spitzendiplomatie: Man bleibt nach einem langen Arbeitstag und mit Jetlag nur wach, wenn man sich beim endlos langweiligen Staatsempfang dauernd bewegt. Dann macht er vor, wie man kaschiert, dass man eigentlich schon längst weggedämmert ist: Man fummelt mit ständig rotierenden Fingern vor den zufallenden Augen oder dem gähnenden Mund: "Aber man darf nie aufhören damit, sonst schläft man sofort ein."

Hellwach ist Fischer, wenn er zwischen Fässern steht und einem Wengerter (Schwäbisch: Weingärtner, Winzer) lauscht. Das Remstal war einmal ein schönes Seitental des Neckars. Heute ist das Tal zersiedelt, und wo keine Rauputz-Monster stehen, hat die Flurbereinigung der 1960er Jahre zugeschlagen. Damals wurden die Steinterrassen wegplaniert, die die Wärme speicherten, und aus den Steilhängen traktorkonforme Parzellen geschaffen. Das Ergebnis, sagen die guten Winzer, sei ein "Desaster, heute wütet die Erosion".

Schlechte Erinnerungen

In Württemberg trinkt man den Wein nicht, man "schlotzt a Viertele" oder auch mehr. In den 50er und 60er Jahren war der Trollinger berüchtigt, auch Fischer hat das einst seichte Gesöff in fürchterlicher Erinnerung. Aber das Remstal hat einen erstaunlichen Qualitätssprung gemacht, es gibt dort heute zahlreiche gute Winzer, unter ihnen solche Spitzenleute wie Jürgen Ellwanger*, Hans Haidle* und Werner Kuhnle*.

In Strümpfelbach, einem der noch schönen Orte des Tals, steht das 350 Jahre alte Fachwerkhaus der Kuhnles. Kuhnle hält sich strikt an die Maxime seiner Mutter: "Kerle, du muscht en Wei mache, den de zur Not au selbr saufe kannsch." Auch beim Essen wurde im Patriarchat Schwaben gern gespart: "Der Strümpfelbacher kaufte früher zwei Paar Saitewürstle (für das Nationalgericht Linsen und Spätzle): ein Paar für den Vater, eine Wurst für die Mutter und eine für die fünf Kinder."

Wie ein Winzer sieht Hans Haidle, 64, nicht aus. Der drahtige Mann läuft gern Marathon, er brauchte auch einen langen Atem, um aus dem halben Hektar Land, das er 1968 in Stetten erbte, ein erstklassiges Gut zu formen. Für seine Lemberger hat er schon viermal den Deutschen Rotwein-Preis gewonnen, auch sein Riesling der besten Lage Pulvermächer wird regelmäßig prämiert.

Zurück zum Qulitätswein

Jürgen Ellwanger in Winterbach gehört zu den deutschen Spitzenwinzern und ist hierzulande einer der Pioniere des im Barrique ausgebauten Weins. Es war sein Freund Vincent Klink, der Ellwanger vor fast 30 Jahren zur Kehrtwende drängte: "Mir brauchet en andere Wei!" Damals war Masse angesagt, der Wein war dünn, wert war er nichts. Er reduzierte den Ertrag radikal, baute all seine Weine trocken aus und ließ sie in neuen Eichenfässern reifen - was heute Standard guter Winzer ist, war damals revolutionär. Das Ergebnis: Heute gehört er zu den "100 besten Weingütern in Deutschland" (stern Nr. 19/2007). Wenn es nach ihm ginge, könnte die EU alle Subventionen für die Winzer morgen einstellen: "Wer's net schafft, sein Wei zu verkaufe, der würd au nix mehr produziere." Wenn es bloß so einfach wäre: Während er einen er lesenen Grauburgunder verkostet, erklärt Fischer ihm die finsteren Mächte, die er in Brüssel bei unzähligen Nachtsitzungen hat wüten sehen: "Es ging um alles, aber nie um die Qualität der Produkte."

Wer so viel nippt, muss ab und zu auch was beißen. Der "Adler"* in Rosenberg sieht so aus, wie man sich einen Landgasthof träumt: von außen ein mächtiger Fachwerkbau von 1717, innen modern und geschmackvoll renoviert. Marie-Luise und Josef Bauer haben aus der bodenständigen Bauernwirtschaft - seit 150 Jahren im Familienbesitz - ein fabelhaftes Restaurant gemacht, das seit 1989 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist. Man würde gern eine Woche dort bleiben, um die Karte einmal rauf und runter zu essen. Das rosa gegarte Kalbsherz mit Eierhaber (gerissenem Pfannkuchen) ist so herrlich wie die Kutteln mit Morcheln und Räucheraal oder die wunderbar saftige Hohenloher Rinderhochrippe, die zwölf Stunden bei 70 Grad im Ofen gart.

Vom Schwäbischen geht es nach Baden, in das kleinste Weinanbaugebiet Deutschlands. Nur 500 Hektar misst das Anbaugebiet am Bodensee. Die Höhenlage, sagt Winzer Manfred Aufricht*, macht den Bodensee- Wein zart und duftig. Vom Weingut bei Meersburg geht der atemraubende Blick nach Süden über die Weinberge hinunter zum See. Opa Josef, 86, arbeitet noch jeden Tag, steht um sieben Uhr morgens im Verkauf und rechnet noch immer ohne Rechenmaschine. Sein Rezept zum glücklich Altwerden? "Jeden Tag a Flasche Wein, und wenn'd mal net so recht an Hunger hast, hilft ein Gläschen Sauvignon blanc, dann kannst wiedr esse wie a Holzhacker."

Regionale Köstlichkeiten

Also trinken wir ein gutes Glas und machen uns auf den Weg ins nahe Lippertsreute, wo Peter Vögele im "Landgasthof Zum Adler"* so vorzüglich kocht, dass es schwierig ist, von Ehefrau Verena einen Tisch zu bekommen. Der stattliche Fachwerkbau aus dem Jahr 1634 wird in elfter Generation von der Familie bewirtschaftet. Eigentlich wollte Vögele Pfarrer werden, zum Glück hat er Koch gelernt, er bietet bodenständige und herzhafte Regionalküche - aber vom Feinsten. Für die zwölf Stunden lang geschmorten Schweinsbäckle mit Nüdele eilen die Eingeweihten, wie auch Martin Walser, von weit her.

Minu Barati probiert tapfer all die Innereien, die in guten süddeutschen Gasthöfen auf der Karte stehen. Sie selbst kocht am liebsten persisch, das hat sie vom Vater gelernt. Sie spricht auch Farsi, hat die dunklen Augen und den Teint einer Perserin - ist aber durch und durch Berlinerin. Ein Winzer aber, den wir unterwegs treffen, schaut sie immer wieder an, bis er schließlich fragt: "Woher kommen Sie?" Aus Berlin, sagt sie. - "Sie sind aber keine Deutsche!" - Doch, ich habe bis auf die ersten acht Wochen mein ganzes Leben dort verbracht. - "Das heißt gar nichts", sagt der Winzer, "ein Pferd, das im Kuhstall aufwächst, bleibt immer ein Pferd. Das ist nicht bös gemeint. Wir Deutsche lieben Sie."

Im Markgräfler Land treffen wir Edeltraud und Hanspeter Ziereisen, ihr Gut in Efringen-Kirchen ist seit 1734 in Familienbesitz. Ziereisen ist ein Querkopf, und er hatte sich in den Kopf gesetzt, dem klassischen Wein der Gegend, Gutedel, wieder Glanz zu verschaffen: "Ich will zurück zur alten Markgräfler Tradition." Heute ist Gutedel zu einem billigen Zechwein mit zweifelhaftem Ruf verkommen, man kriegt eine Flasche auch für 1,70 Euro. Ziereisen reduzierte die Erträge radikal und baute sie ohne Restsüße aus. Herausgekommen ist ein wunderbarer Wein, der freilich nicht den behördlichen Bestimmungen entsprach. Er sei "nicht badisch genug", nörgelten die Prüfer und verweigerten ihm die "Amtliche Prüfnummer", die jeder deutsche Qualitätswein tragen muss. Anfangs hat Ziereisen sich sehr geärgert, inzwischen ist es ihm völlig egal. "Hee isch hee", sagt er, "und verreckt isch wie verfrore", auf Deutsch: Hin ist hin, man sollte nicht länger drüber nachdenken. Heute verkauft er seine Flaschen eben als Tafelwein. Der Erfolg gibt ihm recht, denn die guten Lagen sind immer ausverkauft.

In der ersten Reihe

"Ich bin ein Rebell", sagt er, während er selbst gebackenes Brot aus dem Holzofen und ein Glas unfiltrierten Grauburgunder serviert: "Der Weg zur Quelle führt gegen den Strom." Da nickt sein Gast, das kommt ihm bekannt vor. So hat er es auch immer gemacht, bis er plötzlich mitten im Strom und Außenminister war. Herr Ziereisen, sagt er und hebt sein Glas, "mir gefällt der Eskimo-Spruch: Wenn du nicht Hund in der ersten Reihe bist, ändert sich deine Perspektive nie." Wir sitzen auf einer Wiese, hoch über dem Rheintal, und trinken kühlen Weißwein, es riecht nach Sommer und gemähtem Gras. Wenn nur Fischers Telefon nicht ständig klingeln würde. Aber das ist der Preis, wenn man als Hund in der ersten Reihe läuft.

Ein Rebell ist auch Winzer Holger Koch aus Bickensohl am Kaiserstuhl, auch ihm wurde die "Amtliche Prüfnummer" verweigert, auch er muss seine Flaschen als Tafelwein verkaufen. Geschadet hat es auch ihm nicht: Die Preise, die er für seine göttlichen Weiß-, Grau- und Spätburgunder verlangen kann, liegen weit über denen der Genossenschaften ringsum. "Die Goldmedaillen, die sie sich überall selbst verleihen, sind ohne jede Aussage", sagt Koch, "die kriegt man für einen Massenwein, der keine Fehler hat." Bei dieser "McDonaldisierung" will er nicht mitmachen, im Supermarkt will er seine Weine nicht sehen. Er hat mal als Genossenschaftswinzer angefangen, mit Herbiziden das Unkraut bekämpft und geglaubt, "viel Mostgewicht sei gut". Heute arbeitet er streng nach ökologischen Grundsätzen.

Am Oberrhein speisen Fischer un sine Fru in der "Krone"* in Märkt unter einer mächtigen Kastanie im Garten und probieren Egli (Barsch), Zander und Wels aus dem Bodensee mit Krommbiere-( Kartoffel)-Salat.

Urige Küche

Die andere "Krone"* liegt etwas versteckt im Schwarzwald, in Freiamt-Mußbach hat 1848 sogar der badische Revolutionsrat getagt. Wäre sie nicht so abgelegen, müssten die Gäste wohl jeden Tag um einen Tisch bei Manfred Kern betteln, denn was er in seiner Küche zaubert, ist große Regionalküche. Allein der Gizzi-Braten (Ziege) mit Spätzle ist einen weiten Umweg wert. Manchmal gibt es Kalbskopf, das Hirn aber darf er nicht mehr servieren, seit es der BSE-Angst zum Opfer gefallen ist. Den Bibbeleskäs aus Rohmilch, den würzigen, frischen Quark, darf er auch nicht mehr anbieten.

Am letzten Morgen der Reise in Kerns altmodischer "Kronen"-Gaststube, in der sich seit 1920 eigentlich nichts geändert hat. Fischer braut sich seinen mitgebrachten grünen Tee, sein Morgengetränk. Die Zeiten, in denen er sechs doppelte Espressi brauchte, um Betriebstemperatur zu erreichen, sind vorbei. Der Wirt schaut ihm zu. "Und Sie vermissen die Politik überhaupt nicht?", fragt er. Fischer schüttelt den Kopf. Schweigen. "Send' Se bloß froh, dass Se do nemme tätig sen", sagt der Wirt nach einer langen Pause. Wieder Schweigen.

"Bin i", sagt Fischer auf Schwäbisch, "vorbei isch vorbei."

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