GESPERRT! So liebt die Welt, Teil 4: Polen Lust auf mehr


Die grauen Tage des Kommunismus sind abgehakt, die katholische Kirche ringt um ihre Autorität. Auf dem Weg in die Moderne befreit sich das Land von Lustfeindlichkeit und strengen Moralvorstellungen. Und ein Pater, der guten Sex predigt, wird zur Kultfigur.
Von Tilman Müller

Sonntagmorgens in den grünen Bergen der Hohen Tatra. Zehn junge Ehepaare sitzen in der Sonne auf Holzbänken vor einem Caritas-Heim und blicken erwartungsvoll auf Pater Ksawery Knotz. "Was", fragt der polnische Priester, "ist der Unterschied zwischen einem Terroristen und einer Frau, die gerade ihre Tage hat?" Und seufzt dann mit sanftem Grinsen: "Mit einem Terroristen kann man verhandeln."

Die Leute kichern, die Männer etwas lauter als die Frauen. Und Vater Ksawery strahlt. Der vollbärtige Kapuzinermönch mit der knöchellangen braunen Kutte und dem schütteren Haar tourt durch das katholischste Land Europas, um Paaren bei der Lösung ihrer sexuellen Probleme zu helfen, manchmal auch mit Witzen.

"Wenn in der Ehe kein Sex stattfindet, fängt schnell Streit an", erklärt er nun mit erhobenem Zeigefinger, und manche in der Gruppe nicken. "Guter Sex ist wie Himmelfahrt, die Befriedigung lässt den Menschen das Glück des ewigen Lebens erahnen."

Sex-Nachhilfe von einem Priester

Mit ruhiger Stimme wiederholt der Geistliche die wichtigsten Punkte, die er den Paaren während des Wochenendseminars beizubringen versucht. Sex sei keine Sünde, sagt er, sondern ein Vergnügen. Dann fordert er dazu auf, in der Gruppe offen über die eigenen Probleme zu sprechen, und lässt seine Schützlinge für ein paar Stunden allein. Jeder, sagt Pater Knotz beim Gang durch das Caritas-Haus, solle bei seinen Workshops erkennen, dass andere ähnliche sexuelle Probleme haben.

Oben in seinem Nachtquartier zieht er sein neues Buch aus der Tasche. Der Titel, groß über zwei rosarote Bettkissen gedruckt: "Seks" (Sex). Die Fibel für "Ehepaare, die Gott lieben" ist ein Bestseller. Oralbefriedigung, Reizwäsche, Beckenbodenübungen - nichts bleibt tabu. In Polen wird sein Werk bereits als "katholisches Kamasutra" gepriesen. In der größten Zeitung des Landes verglich er gar den Koitus mit dem Kicken: "Wie beim Fußball geht es auch beim Sex in erster Linie darum, Tore zu schießen, und wie beim Fußball landet nicht jeder gleich in der Champions League - es lohnt sich also zu trainieren."

Nur zu gern redet der 43-jährige Priester so locker daher. "Meine Vorfahren", sagt der Spross österreichisch-habsburgischer Immigranten, "kamen einst der vielen schönen Polinnen wegen ins Land und blieben hier, um sich vollends ihren Reizen hinzugeben." Ob das auch für ihn selbst gilt oder galt, als er dem Zölibat noch nicht verpflichtet war? Das ist ihm an diesem Nachmittag in seiner Caritas-Kemenate nicht zu entlocken.

Ein Land fällt vom Glauben ab

Bei allem, was Pater Knotz von sich gibt, hat er den Segen der katholischen Kirche. Bis hinauf zu den Kardinälen und Bischöfen, den Oberhirten einer noch immer ungeheuer starken Glaubensgemeinschaft. Gut 90 Prozent der 38 Millionen Polen sind Katholiken, fast die Hälfte von ihnen geht jeden Sonntag in die Messe. In den Zeiten des Kommunismus waren es noch wesentlich mehr. Vor allem als sich in den Kirchen um 1980 der Widerstand gegen das gottlose Regime verstärkte, erlebte der Klerus einen einzigartigen Höhenflug. 85 Prozent der Polen besuchten damals die Sonntagsmesse, und das Land erfuhr einen Geburtenboom ohnegleichen - an der Spitze Arbeiterführer Lech Walesa, dessen Frau acht Kinder zur Welt brachte.

Mit der Wende erlahmte indes die Frömmigkeit. Die Institution Familie ist längst nicht mehr so intakt - jede dritte Ehe wird geschieden. Polens Geburtenrate, vor 20 Jahren noch eine der höchsten Europas, bewegt sich bereits auf ähnlich niedrigem Niveau wie die in Deutschland. Und Homosexualität, vor 1989 beharrlich verheimlicht und vertuscht, ist heute häufiges Thema in den Medien. Die katholische Kirche hat also allen Grund, über den Verfall der Moral zu klagen - und benötigt zur Wiederbelebung ihrer Gebote dringend Männer mit neuen Ideen wie Pater Knotz.

"Wenn wir heute über Liebe, Sexualität oder Moral sprechen", sagt der Warschauer Religionssoziologe Zbigniew Mikolejko, "müssen wir feststellen, dass Polen ein Land mit zwei Gesichtern ist." In bäuerlichen Regionen, vor allem ganz im Osten und Süden, sind die Familien eher arm, aber noch relativ intakt. In den Städten und im liberaleren Westen und Norden, wo die Leute mehr Geld haben, seltener zur Kirche gehen, der Umgang lockerer und das Internet stärker verbreitet ist, sind auch die Moralvorstellungen ähnlich wie in Westeuropa.

Fromme Liebe

Pater Knotz stammt aus dem Südosten. Mit seinen Ordensbrüdern lebt er im 300 Jahre alten Kloster von Stalowa Wola. Dort hält er auch Ehe-Kurse für Paare ab, die demnächst vor den Traualtar treten wollen. Agnieszka und Andrzej zählen mit ihren 27 Jahren schon zu den älteren Teilnehmern, die sich in einem nüchternen Tagungsraum des Klosters auf die neue Zweisamkeit vorbereiten. "Wir studierten an der Uni Torun, gingen in dieselben Kneipen, trafen dieselben Leute - wir waren in einer Clique", erzählt Agnieszka, heute Deutschlehrerin an einem Gymnasium. "Alle wussten, dass Andrzej es auf mich abgesehen hatte, doch lange passierte nichts." Eines Tages habe er sich ein Herz gefasst und sie zu einer Randka aufgefordert, der polnischen Variante des Rendezvous, das streng dem Schema Begrüßung, Spaziergang, Cafébesuch abläuft (siehe Kasten Seite 88). Allerdings trafen sich Agnieszka und Andrzej in einer Pizzeria - für junge Polen war es damals superschick in so ein italienisches Restaurant zu gehen. "Da hat mir Andrzej seine Liebe erklärt, nähergekommen sind wir uns später beim Tanzen in einer Studentendisco, wo er mich zum ersten Mal richtig küsste. Und nun sind wir schon seit zwei Jahren verlobt."

Agnieszka und Andrzej sind ein gut aussehendes Paar, schlank, sportlich - und ziemlich fromm. Sonntags gehen die beiden, die noch bei Agnieszkas Eltern wohnen, in die Messe; gegen den Ehe-Unterricht, den die Kirche für alle vorschreibt, die nach katholischem Ritus getraut werden wollen, haben sie nichts einzuwenden. "Ich bin überrascht, wie offen der Pater über Sexualität redet", sagt Andrzej in der Pause auf dem Klosterhof, während dort gerade die Gäste einer Hochzeitsfeier eintreffen. Die Frauen in hohen Stöckelschuhen und mit tiefem Dekolleté, die Männer frisch gekämmt mit Anzug und Krawatte, die Mädchen in adretten Kleidchen und die Jungen mit weißem Einstecktuch im Jackett. Eine Welt, in der die Gottesmutter Maria als Königin Polens gilt und Karol Wojtyla, der vor vier Jahren verstorbene Papst Johannes Paul II., immer noch die unumstrittene moralische Autorität ist.

Manchmal findet Andrzej, der aus der Gegend von Torun im Nordwesten stammt, das Leben in Stalowa Wola etwas zu konservativ. "Aber", sagt er, "meine Agnieszka ist nun mal von hier." Trotzdem macht sie kein Geheimnis daraus, dass sie mit Andrzej während des Studiums "schon in einer WG gewohnt" habe. Das Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs, fügt sie lächelnd an, nehme ihre Generation "nicht mehr ganz so ernst". Fast zwei Drittel der Bevölkerung halten Sex vor der Ehe inzwischen für normal und greifen auch zu Verhütungsmitteln.

Zwischen zwei Welten

An Torun missfällt dem Paar eigentlich nur, dass sich dort die Zentrale von Radio Maryja befindet, einem erzkatholischen Sender, der gegen Homosexuelle und Abtreibungsgegner hetzt. Doch im überaus katholischen Polen gibt es nicht nur Radio Maryja, sondern auch Radio Jozef. "Wir laden stets auch Andersdenkende zu Diskussionen ein", sagt bei Radio Jozef diplomatisch die Sekretärin, kurz bevor Pater Knotz bei dem Warschauer Sender eintrifft. Der "Seks"-Autor gerät schwer in Bedrängnis an diesem Morgen - ein Mann in der Talkrunde wirft ihm Schamlosigkeit vor.

"Solche Angriffe bin ich schon gewohnt", sagt Pater Knotz später auf der Fahrt in seinem alten Wagen. "Meine Eltern haben ihr erotisches Leben nie vor mir verborgen", erzählt er, sogar den berühmten Sexualratgeber "Die vollkommene Ehe" des holländischen Frauenarztes Theodor van de Velde habe er von ihnen als Gymnasiast in die Hand gedrückt bekommen. Umso größer die Verwunderung bei den Eltern, als sich der Sohn für den Priesterberuf entschied.

Als der Theologe gerade von seinem Vorbild Johannes Paul II. spricht, stehen unübersehbar an der Autobahn einige "Tirowki", Prostituierte, die sich Lkw-Fahrern anbieten. Eine hat den Rock hochgeschlagen, damit von Weitem ihr schwarzer Schlüpfer zu sehen ist. Doch Pater Knotz guckt stur geradeaus. Jede Form von außerehelichem Sex ist für ihn Teufelszeug. Masturbation, Analsex oder Erotikfilme ebenfalls. Lesben und Schwule gelten als Sünder. Viagra ist nur bei akuter Impotenz zulässig. Oder als Seniorenwitz, den er bereitwillig erzählt: "Opa zerteilt eine Viagra mit dem Messer in viele kleine Stücke. Oma wird im Schlafzimmer schon ungeduldig und fragt: Warum kommst du nicht endlich? Darauf der Opa: Ich will dich heute doch bloß küssen."

Erotik müsse man zelebrieren, doziert der Pater, zum Beispiel mit klassischer Musik im Hintergrund. Aber um Gottes willen nicht mit Chopin, der große polnische Komponist sei "zu weich", mit Beethoven - "da-da-da-daah" - funktioniere es besser. Kürzlich habe einer seiner Schüler berichtet, dass er in einem aufblasbaren Planschbecken Erdbeergelee angerührt, seine Frau eingetaucht und dann geliebt habe "wie nie zuvor".

Und wie schafft es der Pater, der so viel an Sex denkt, das Zölibat einzuhalten? "Eingeschlossen in den vier Wänden meines Klosters wäre ich verloren", antwortet er, "dauernd mit Leuten über Sex reden, hilft mir." Und wie kann ein enthaltsamer Junggeselle zum Experten werden? Man brauche auch keine Drogen, um Süchtigen zu helfen, sagt der Priester, spürt aber gleich, dass der Vergleich etwas schief ist. Und ergänzt, Karl May habe auch einfühlsame Romane geschrieben, ohne je einen Indianer gesehen zu haben.

Eine halbe Stunde vor Tschenstochau, Polens bedeutendstem Wallfahrtsort, meldet sich Leszek auf des Paters Handy: "Sie haben meine Ehe gerettet." Leszek hatte vor zwölf Jahren seine Frau geheiratet, da waren sie beide 23. "Meine Frau war meine erste Freundin, eine romantische Liebe wie im Bilderbuch", sagt Leszek, aber Sexualität sei für sie etwas Schmutziges gewesen, ein notwendiges Übel der Fortpflanzung. Sie benutzten nie Verhütungsmittel, stets habe er die fruchtbaren Tage nach Messung der Temperatur errechnet - es sei der reinste Wahnsinn gewesen. Zweimal bekamen sie Zwillinge.

Vor drei Jahren sei ihm die Idee gekommen, ein Seminar von Pater Knotz zu besuchen. Der habe seiner Frau erläutert, dass eine eheliche Beziehung ohne Sexualität niemals wachsen könne. Heute, so der beglückte Gatte, wären ihm die Avancen seiner Frau schon fast zu viel - manchmal natürlich nur.

Neunmal ist Leszek aus Dankbarkeit für sein nun von Gott - und Sex - erfülltes Leben von Danzig die 600 Kilometer zu Fuß nach Tschenstochau gepilgert. An diesem Samstag, zu Mariä Himmelfahrt, werden es wieder Zehntausende sein, die auf dem Klarenberg die "jungfräuliche Gottesgebärerin" anrufen und christlichen Lebenswandel geloben.

Da erscheint es strengen Katholiken als Provokation, dass an diesem Feiertag in Warschau eine Konkurrenz-Madonna auftritt: Die amerikanische Pop­ikone gastiert in der Hauptstadt auf ihrer "Sticky & Sweet"-Tour. Der Streit wird in Fernsehen, Radio und Zeitungen ausgetragen. Manche Kommentatoren fürchteten, die Sängerin könnte die Jugend mit einer noch frivoleren Bühnenshow verderben als das singende polnische Playmate Doda Elektroda. An die 25-Jährige, Tochter eines Gewichthebers, Ex-Frau des ehemaligen Fußballnationaltorhüters, und ihre knappen Kostüme hat sich das städtische Publikum gewöhnt. Ebenso wie an die Ulotki, die unzähligen Zettel, die an Autoscheiben oder Bankautomaten kleben, auf denen Frauen in verführerischen Posen ihre Dienste anbieten. "Bei uns floriert eine neue Art von Prostitution, jüngere Frauen verkürzen ihren Weg zur Karriere mithilfe von Männern, die sie Sponsoren nennen", sagt Barbara Stanislawczyk.

Vor allem Studentinnen, hat die Chefredakteurin des Magazins "Sukces" bei Recherchen für ein Buch zu diesem Thema herausgefunden, stecken hinter den Zettel-Inseraten. "Sie leben oft in Wohngemeinschaften zusammen und zahlen Schutzgelder an die Mafia, um Komplikationen zu vermeiden." Etwa 20.000 solcher "Mädchen", so schätzt die Expertin, seien allein in Warschau aktiv, dazu kämen die "Schulschwänzerinnen", 14- bis 15-Jährige, die in Kaufhäusern "arbeiten". Oft steckten ihnen die Freier neben den Zlotys noch ein kleines Geschenk zu, um den Anschein zu erwecken, es gehe um Liebe und nicht um ein Gewerbe.

20 Jahre nach Ende der alten Volksrepublik sind die Moralvorstellungen deutlich lockerer geworden. Männer treten nicht mehr ganz so machohaft auf, Frauen verbergen ihre Schönheit noch weniger als zuvor. Jugendliche küssen sich auf offener Straße. Es gibt FKK-Strände. Der Konsum an Kosmetika steigt. Bereits 1,8 Millionen Menschen haben übers Internet einen Partner kennengelernt, ermittelte eine Studie von Zbigniew Izdebski. Neun von zehn Polen, so der Sexualforscher, seien mit ihrer erotischen Vita zufrieden.

Doch so richtig frei ist die Liebe längst noch nicht. Das liegt vor allem an den Priestern. 1993 setzte die Kirche ein Abtreibungsverbot durch. Die Folge: Jährlich treiben zwischen 80.000 und 200.000 Polinnen illegal ab. Unsicherheit und Angst sind so groß, dass jedes Jahr Tausende Polinnen zu diesem Zweck ins Ausland reisen.

Und wer das kritisiert, den versucht der Klerus einzuschüchtern. Den Soziologen Jozef Baniak etwa. In einer Umfrage unter mehr als 800 polnischen Priestern fand er heraus, dass 60 Prozent der Geistlichen das Zölibat infrage stellen und sich Frau und Kinder wünschen. Kollegen munkeln, der Job des Professors sei in Gefahr.

Die Ethikprofessorin und Ex-Gleichstellungsbeauftragte Magdalena Sroda, 52, hat sich bisher nicht beirren lassen. Seit Jahren kämpft sie für die Wiedereinführung eines verbindlichen Sexualkundeunterrichts, den die Bischöfe nach der Wende abgeschafft hatten. Das Aufklärungsniveau an den Schulen sei seither dramatisch gesunken, sagt die Wissenschaftlerin in ihrem Büro unter einem großen Poster von Michelangelos nackter David-Statue. Fragen wie "Gibt es Medikamente gegen einen krummen Penis?" habe sie schon gehört. Bald krank vor Scham habe ein Landmädchen berichtet, ihr Freund verbiete ihr den Besuch beim Frauenarzt, weil er nicht wolle, dass sie ein anderer Mann berührt. Nein, Sroda glaubt den Statistiken vom zufriedenen Liebesleben ihrer Landsleute nicht. In Wahrheit seien die polnischen Katholiken noch immer so prüde wie in den Zeiten des Kommunismus.

Manchmal denke ich, wir leben in einem Land, in dem noch keiner etwas von Sigmund Freud gehört hat", sagt sie. Die Kirche verbreite weiterhin den Mythos, Fragen zur Sexualität seien am besten bei den Eltern aufgehoben. "Doch den Kindern", so Sroda, "fällt es schwer, sich ihre Eltern als sexuelle Wesen vorzustellen, wenn Mama sich wie Maria um alles kümmert und Papa wie Josef über jeden Verdacht erhaben ist, mit ihr zu schlafen." Auch später, im von der Kirche vorgeschriebenen Ehe-Unterricht vor der Trauung, sei das Niveau der Prüderie oft haarsträubend: "Da sagen die Priester den jungen Leuten schon mal, sie sollen zum Beischlaf den Rosenkranz beten."

Am schlimmsten leiden in dieser Situation die Homosexuellen. Bisweilen werden sie direkt von der Kanzel mit Hohn und Spott übergossen, immer wieder werden sie von frommen Kollegen aus dem Job gedrängt, oder es tauchen plötzlich Schläger auf, die sie verprügeln.

An einem schwülen Samstagnachmittag sammeln sich etwa 300 junge Lesben und Schwule im Krakauer Stadtteil Kazimierz. Sie haben bunte Luftballons mitgebracht, auf ihren Transparenten steht "Liebe kennt kein Geschlecht", "Religion in den Bücherschrank" oder "Der Mensch hat ein Recht auf Regenbogenglück".

Fröhlich brechen die Demonstranten in Richtung Hauptmarkt auf, vorbei an Hunderten schwarz uniformierter Polizisten, die zu ihrem Schutz aufmarschieren. Am Straßenrand drängen sich Schlägertypen, manche von ihnen vermummt. "Wenn ich mit meinem Kind auf eine Prozession gehe, brauche ich keine Polizei, weil ich normal bin", schreit einer, "haut ab, wir brauchen keine Schwuchteln hier." Die Situation eskaliert. Vor vier Jahren wurden bei der "Parade der Gleichheit" in Krakau Demonstranten mit Säure übergossen.

Mit Mühe gelingt es den Polizisten, einen Korridor zu bilden, durch den der bereits stark geschrumpfte Protestzug ans Ziel kommt. Kaum einer mag noch bei der Kundgebung vor der prächtigen Marienkirche "Mehr Toleranz" fordern, nach fünf Minuten ist die Kundgebung vorbei.

"Es ist nicht zu fassen", ärgert sich Janusz Marchwinski, der die Konfrontation aus nächster Nähe verfolgt und in Krakau das "Cocon" betreibt, Polens größten Schwulenclub. "Mitten in Europa muss man Angst haben, zusammengeschlagen zu werden, wenn man für Toleranz eintritt. Aber so ist das eben in einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Menschen noch an den Teufel glaubt."

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