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GESPERRT! Wirtschaftskrise: Menschen aus aller Welt berichten

"Im Grunde meines Herzens habe ich Angst", sagt Du Jun. Manchmal liegt er nachts stundenlang wach in seiner schäbigen Gemeinschaftsunterkunft im Süden Pekings und fragt sich, wie er dieses Jahr bloß meistern soll: Er ist geschieden, seine 14-jährige Tochter lebt bei seinen Eltern in einem Dorf der zentralchinesischen Provinz Hubei. Ohne das Geld, das er bislang jeden Monat geschickt hat, kommt die Familie nicht über die Runden. Die Krise hat Du Jun "den Boden unter den Füßen weggezogen". Seit Tagen pilgert er vergebens jeden Morgen zur Liuli-Brücke im Westen Pekings. Dort drängen sich Hunderte von Wanderarbeitern aus ganz China und hoffen auf Aufträge, die nicht kommen. Seit zehn Jahren arbeitet Du Jun in Peking. Als Schreiner verdiente er auf den Baustellen der Hauptstadt immerhin umgerechnet 340 Euro im Monat. "Ende November habe ich die Krise zum ersten Mal gespürt", sagt Du. Die "laoban", die Schlepper, die sonst die Arbeiter von Baustelle zu Baustelle vermittelt hatten, blieben auf einmal weg, und die Löhne begannen zu sinken. "Jetzt gibt es nur noch Tagesjobs ohne Verpflegung und Unterkunft. "So eine Krise haben wir noch nie erlebt." Seine Ersparnisse reichen noch sechs Monate. "Danach weiß ich auch nicht weiter." Der Staat hilft nicht; Chinas 150 Millionen Wanderarbeiter sind auf sich selbst gestellt. Schon jetzt muss sich seine Familie einschränken: "Wenn die anderen Fleisch essen, gibt es bei uns nur Dampfnudeln, und wenn die anderen noch Dampfnudeln haben, wird es bei uns Reisbrei geben."

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