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Gesprächsreihe Altersbilder: "Wer nach vorne schaut, bleibt länger jung"

Henning Scherf, ehemaliger Bremer Bürgermeister, über seine Haus-WG, seine Neugierde auf das Älterwerden und warum er beim SV Werder lieber in der Ostkurve statt in der VIP-Lounge sitzt.

Das hat es in der Gesprächsreihe "Altersbilder" im Haus im Park noch nicht gegeben: Der heutige Gast, Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf, 74, begrüßt das Publikum persönlich – und zwar jeden Einzelnen. Er geht die Reihen des vollbesetzten Theatersaales entlang, schüttelt Hände, wechselt hier ein paar Worte, nimmt dort jemanden in den Arm. Bei etwa vierhundert Menschen dauert das, doch das Publikum wartet gut gelaunt. Scherf, dem der Ruf vorauseilt, ein leidenschaftlicher Umarmer zu sein, ist in seinem Element: freundlich, unverkrampft, zugänglich, direkt im Kontakt. "Gemeinschaft" ist ein wichtiger Begriff für ihn, von dem hier noch zu lesen sein wird. Er schafft sie aktiv. Das wird er am Ende des Abends, das eine weitere Premiere in dieser Gesprächsreihe bereithält, noch einmal tun. Doch davon später.

Erst einmal stehen zwei sehr hoch gewachsene, schlanke Männer auf der Bühne und tauschen Daten und Fakten: "Wie groß sind Sie eigentlich genau?" will der geringfügig kleinere Moderator Andreas Bormann wissen. "2,04 Meter steht in meinem Pass, aber ich glaube, die halte ich nicht mehr." "Doch, kann gut sein", sagt Bormann, "ich bin 2,02 Meter." Danach falten sich beide in die Sessel.

Beim SV-Werder in der Ostkurve

Scherf ist nicht nur für seine Körpergröße bekannt, sondern auch für seine umgängliche und volksnahe Art. Sie hat es ihm erlaubt, auch mit (politischen) Gegnern gut auszukommen. Oder die die Heimspiele des SV Werder nicht in der VIP-Lounge, sondern in der Ostkurve zwischen den Fans zu verfolgen. "Auch am kommenden Samstag gegen Nürnberg?" "Ich weiß noch nicht, ob ich hingehe." "Ich glaube, Sie gehen", sagt Bormann bestimmt und zieht sein Mitbringsel für Scherf aus der Jackentasche: Eine Pudelmütze des Hamburger SV. Publikum und Scherf lachen laut. Er probiert die Mütze gleich mal auf. Passt. "Sie könnten damit sogar im Werder-Fanblock sitzen, ohne, dass Ihnen etwas passiert, oder?", mutmaßt Bormann. "Ob ich mich das traue?", zweifelt Scherf. Mit Uwe Seeler und Klaus Lembke sei er gut befreundet – aber deswegen gleich eine HSV-Mütze beim Werder-Spiel tragen?

"Den Krieg haben wir nur überlebt, weil wir zusammenhielten"

"Woher können Sie so gut mit Menschen?" "Ich hab das gelernt." Als Kind habe er gestottert. Erst Sprechunterricht und vor allem ein Schulwechsel hätten geholfen. "In der neuen Schule bin ich aufgeblüht, war in Nullkommanichts Schulsprecher und hab’ Reden gehalten vor der ganzen Schule." Auch die Familie mit fünf Geschwistern sei prägend gewesen. „Ich hab’ den Eindruck, wir haben nur durchgehalten, weil wir zusammengehalten haben. Ich bin ja unter extremen Bedingungen aufgewachsen, im Krieg, in den Nachkriegsjahren.

Die Welt mit Kinderaugen sehen

Bormann zitiert einen Satz aus Scherfs neuem Buch "Wer fünfzig Prozent in der Vergangenheit lebt, ist alt, wer fünfzig Prozent in der Zukunft lebt, ist jung." (Klaus Dörner) "Wird die Zukunft nicht kürzer, wenn man älter wird?" "Ich habe das Gefühl, ich hab noch ein ordentliches Stück des Weges. Ich will meine Enkelkinder aufwachsen sehen. Ich ertappe mich dabei, wie ich versuche, mir ihre lange Lebensperspektive anzueignen." "Geht das?" "Manchmal. Man kann die Welt mit Kinderaugen sehen." "Bekommt die Vergangenheit im Alter mehr Bedeutung?" "Kommt drauf an. Ich kriege jetzt manches wieder, was ich glaubte, vergessen zu haben. Meine Kriegserinnerungen kommen hoch. Ich habe KZ-Häftlinge erlebt, die in Bremen gefährliche Trümmer wegräumen mussten. Sie kamen mir vor wie Geister. Oder Bilder von toten Kindern." "Beunruhigt Sie das?" "Nein, überhaupt nicht. Das ist ein Reichtum."

Neugierig auf das Alter

Angst vor Älterwerden habe er nicht: „Ich bin sogar neugierig, beobachte meinen Körper. Wir Langen, wir müssen ja aufpassen, dass wir nicht krumm werden...“ "Wann haben Sie gespürt, dass Sie alt werden?" "Manchmal denke ich, ich hab’s noch gar nicht gemerkt." Doch das Marathonlaufen hat er ebenso dran gegeben wie sein Paddelboot. Aber beim Hamburger Radrennen Cyclassics fährt er noch mit und Hochseesegeln gehe auch noch. "Mir ist das, was gelingt, so kostbar, dass ich über das, was nicht mehr geht, nicht jammern mag." "Und wie geht’s dem Kopf?" "Dem geht es gut, seit ich heißes Wasser trinke", sagt er und grinst verschmitzt.

Das große Los: Die Haus-WG

Henning Scherf ist in der öffentlichen Wahrnehmung so etwas wie ein Experte für alternative Wohnformen im Alter. Das liegt daran, dass er seit langem mit Frau und Freunden in einer Haus-WG wohnt. "Wann haben Sie und Ihre Frau beschlossen: Wir wollen nicht allein wohnen?" "Mit Mitte vierzig, die Kinder waren aus dem Haus. Wir wollten eine Form suchen, die wir leben können, bis wir tot sind." "Viele in Ihrem Alter sagen ‚Oh Gott, WG kann ich nicht ertragen." "Die haben Studenten-WGs vor Augen, die ja eigentlich Notgemeinschaften sind, mit nur einem Bad und einer Küche. Da sind Konflikte programmiert. Wir haben ausreichend Rückzugsmöglichkeiten eingebaut. Ich hab’ das große Los gezogen."

"Sterben will ich mit viel Licht und mittendrin"

Der Tod ist in dieser Alten-WG gegenwärtig. "Zwei WG-Mitglieder sind bei uns zu Hause gestorben. Wir haben sie gepflegt, begleitet. Den Umgang mit Schmerzen, Palliativmedizin, Pflege: Haben wir alles gelernt durch die Sterbenden in unserem Haus." "Haben Sie dazu Rituale?" "Wir haben mit den Sterbenden alles bis ins letzte Detail besprochen, die Aufbahrung, wer den Sarg trägt, die Reden. So ein Gerüst hilft, mit dem Verlust umzugehen. Im Haus haben wir viele Ecken, die an sie erinnern. Wir wollen das nicht verdrängen, dass uns das auch erwartet." "Wie wollen Sie sterben?" "In unserem Haus und mittendrin. Ich wehre mich gegen Verdunkelung, Kerzen und Adagios. Ich will Licht und große klassische Musik. Die Kinder sollen dabei sein, kleine Kinder gehen damit ganz selbstverständlich um, das ist segensreich." "Ein Hospiz kommt für Sie nicht in Frage?" "Wir sind ein Hospiz!" "Was raten Sie Alten, die nicht allein leben wollen?" "Wenn Sie ein großes Haus haben: Laden Sie Leute ein, bei Ihnen zu wohnen! Sie werden sich wundern, wie viel spannender, anregender, besser Ihr Leben wird!" Und wenn man kein Haus hat? Scherf verweist auf die große, lebendige Wohnprojektszene in Hamburg. "Gucken Sie sich um, machen Sie sich schlau, überlegen Sie, wie Sie leben wollen!"

Die zweite Premiere des Abends: Dona nobis pacem aus vierhundert Kehlen

In einem Zeitungsinterview hatte Scherf angekündigt, er könne sich vorstellen, mit dem Bergedorfer Publikum gemeinsam zu singen. Während sich Andreas Bormann schnell von der Bühne schleicht ("Ich bin total unmusikalisch"), geht Scherf an den Bühnenrand. Als täte er seit jeher nichts anderes, teilt er das Publikum in drei Gruppen für einen Kanon und singt mit tiefer, tragender Stimme vor. Dann dirigiert er die ganze Gemeinschaft. Es ist der zwölfte Abend in der Gesprächsreihe 'Altersbilder'. Es ist der zwölfte Monat des Jahres, kurz vor Weihnachten. Und durch den Theatersaal des Haus im Park tönt ein vielstimmiges und sehr gemeinschaftliches 'Dona nobis pacem'.

kst