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Gewalt gegen Kinder: "Ohrfeigen müssen zum Tabu werden"

Kinder werden immer wieder Opfer von Gewalt. Der Journalist Manfred Karremann hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Im stern.de-Interview berichtet über seine bedrückenden Erfahrungen und sagt, was für Folgen eine einzige Ohrfeige haben kann.

Herr Karremann, warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Gewalt gegen Kinder?

Ich bin ausgebildeter Sozialarbeiter und habe früher im Jugendamt gearbeitet. Ich habe mich zudem vor einigen Jahren intensiv mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern beschäftigt. Viele der davon betroffenen Kinder kommen aus Familien, in denen geschlagen wird. Im Sommer 2007 habe ich dann mit den Recherchen über Gewalt gegen Kinder angefangen. Denn ich hatte das Gefühl, dass es wichtig wäre, dieses Thema an die Öffentlichkeit zu bringen. Zwar wurde zwischendurch viel darüber gesprochen, vor allem durch die toten Kinder in Darry und den Fall Lea-Sophie im Herbst 2007. Aber durch solche aufsehenerregenden Ereignisse kocht das Thema nur kurz hoch, es ändert sich jedoch nichts.

Und das ist Ihr Ziel?

Ja, es muss das Ziel sein, die Kindesmisshandlung zu reduzieren, abschaffen wird man sie leider nicht können. Deshalb wird mein Projekt auch nach der heutigen Sendung weitergehen, in der ich mich hauptsächlich dem Fall Karolina widme (Die Dreijährige wurde 2004 nackt und kahlgeschoren in einer Kliniktoilette in Bayern gefunden, sie starb zwei Tage später an einer Gehirnblutung. Ihre Mutter und ihr Lebensgefährte wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, Anm. der Red) Nach der heutigen Sendung im ZDF wird sich der stern im neuen Heft mit dem Thema befassen. So auch der TV-Sender 3sat in der Sendung "Scobel" am 17. April.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Recherchen?

In den Gesprächen mit den Experten kam heraus, dass es oft bestimmte Konstellationen gibt, die Gewalt gegen Kinder begünstigen und die auch für Außenstehende erkennbar sind. Kinder sind in Haushalten gefährdet, wo ständig gestritten wird. Ein Anzeichen ist auch, wenn man ein Kind lange nicht sieht. Gemeinsam ist vielen Fällen, dass es oft der Lebensgefährte einer Mutter ist, der das Kind misshandelt, weil er nur ein Interesse an der Mutter hat. Wenn hier noch Alkohol, Drogen und unsichere soziale Verhältnisse dazukommen, ist die Gefahr für Kinder sehr groß. Die Fürsorge für das Kind tritt dann in den Hintergrund, haben mir Ärzte gesagt.

Während Ihrer Recherchen haben Sie Betroffene getroffen, also auch Täter und Verwandte der misshandelten Kinder. Wie war hier die Bereitschaft, über dieses Thema zu sprechen?

Es war nicht einfach. Denn natürlich sind diese Menschen pressescheu und nicht sehr zugänglich. Aber gerade die Mutter von Karolina, wie auch andere Mütter, wollte etwas gut machen. Sie hat darüber gesprochen, weil sie das Gefühl hat, so zumindest anderen Kindern helfen zu können.

Haben Sie den Eindruck, dass Deutschland kinderfeindlich ist?

Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, dass viele Kinder durch die Arbeit und die Sorgen der Menschen zur Nebensache geworden sind. Viele Eltern sind überfordert. Dies ist übrigens kein Unterschichtenphänomen, sondern kommt in alle Schichten vor.

Ist denn die Ohrfeige immer noch Teil der Erziehung?

Das ist schon sehr verbreitet. Viele Leute sagen immer noch: 'Eine Ohrfeige schadet nicht, mir hat sie auch nicht geschadet.' Dies zu ändern, ist eines meiner Hauptziele. Ohrfeigen müssen zum Tabu werden. Denn wenn einmal angefangen wurde zu schlagen, sinkt die Schwelle, weiterzuschlagen. Auch muss den Menschen klar gemacht werden, dass kleine Kinder schwere körperliche Schäden davontragen oder sogar sterben können, wenn man sie ohrfeigt oder sie zu stark schüttelt. Man sieht es am Fall Karolina. Dieses Kind wurde mit Feuer gequält, mit dem Gürtel geschlagen: Gestorben ist sie am Schluss aber durch die Nachwirkungen einer Ohrfeige.

Wie erklären sich das die Ärzte?

Das liegt an der Rotationsbewegung des Kopfes die dabei entsteht. Es kommt bei einer Ohrfeige darauf an, wie sie trifft, nicht unbedingt wie stark sie war. Ein Kind, das geohrfeigt wird, kann später dadurch sogar behindert sein.

Der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts hat kürzlich in einem Interview suggeriert, die vielen Kindstötungen in Ostdeutschland seien ein Erbe der Abtreibungspraxis der DDR. Was halten Sie von dieser These?

Dass Mütter im Osten ihre Kinder töten, weil es heute schwieriger ist, abzutreiben, würde ich nicht sagen. Aber in den Gesprächen mit Ärzten hat sich ein anderer Zusammenhang zwischen Abtreibung und Kindstötungen ergeben: Viele Frauen, die ihre Babys ausgesetzt, misshandelt oder sogar getötet haben, hatten zuvor abgetrieben, zum Teil mehrfach.

Die Frauen haben also ein- oder zweimal abgetrieben und dann das dritte oder vierte Kinde misshandelt oder getötet?

Ja, diesen Zusammenhang haben einige Ärzte hergestellt. Ich will das nicht bewerten oder die Frauen nicht in eine Ecke stellen. Aber eines ist wichtig: Ich glaube nicht, dass dieses Phänomen etwas mit West oder Ost zu tun hat, da gibt es keine Unterschiede.

… auch nicht im Umgang mit Kindern generell?

Nein, es gibt keinen Unterschied zwischen Ost und West. Das Problem im Osten, aber auch in manchen Teilen Westdeutschlands, liegt woanders: In vielen Gebieten gibt es zuwenig Hilfsangebote, etwa Babyklappen.

Hatten Sie denn den Eindruck, dass es etwa bei Behörden den Willen gibt, etwas gegen die Gewalt gegen Kinder zu tun?

Ja, schon. Zumindest bei Ärzten, Kinderkliniken oder der Polizei. Also bei Leuten, die sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigen. Dort wurden überall tolle Projekte auf die Beine gestellt. Doch erstens gibt es solche Dinge meistens nur in großen Städten, es gibt also keine flächendeckende Hilfe. Und zweitens werden diese Angebote von der Politik bislang nicht ausreichend koordiniert.

Was sind Ihre Lösungsvorschläge?

Natürlich muss es weiter Leute geben, die neben ihrem normalen Job Projekte anschieben. Aber es muss flächendeckende Hilfe geben, um zu verhindern, dass Situationen in Familien eskalieren. Ein Beispiel: Es muss überall leicht erreichbare Ansprechpartner für Krisenintervention geben, die optimalerweise auch einen Notruf anbieten. Hier sollten sich Eltern hinwenden oder sogar ihre Kinder abgeben können. Ganz wichtig: Es muss klar sein, dass sie sich nicht gleich Sorgen machen zu müssen, ihre Kinder ganz zu verlieren. Aber auch Verwandte und Nachbarn müssen sich hier äußern können, wenn sie einen Verdacht auf Misshandlung haben. Wichtig wäre es auch, die Hemmschwelle zu senken, Kinder ins Krankenhaus zu bringen.

Was meinen Sie damit?

Wenn jemand sein Kind geschlagen hat, es aber sofort freiwillig ins Krankenhaus zur Versorgung bringt und zugibt, einen Fehler gemacht zu haben, muss er straffrei ausgehen.

Also Zuckerbrot statt Peitsche?

Nicht immer, denn ein bestimmte Klientel versteht oft nur die Sprache der Staatsgewalt. Also muss klar sein, dass es eine empfindliche Strafe nach sich zieht, wenn jemand erwischt wird, dass er ein Kind schlägt Und wenn es "nur" eine Ohrfeige ist.

Interview: Malte Arnsperger