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Christoph Rickels Mit 20 Jahren ins Koma geprügelt: "Ich möchte dem Täter verzeihen"

Christoph Rickels
Christoph Rickels möchte mit seinem Projekt "First Togetherness" Jugendlichen zeigen: "Wir müssen das Miteinander cool machen."
© Sebastian Fuchs
Seit einer Schlägerei vor 13 Jahren ist Christoph Rickels schwer behindert. Heute setzt er sich gegen Gewalt ein. Im Interview spricht Rickels über den Kampf zurück ins Leben, sein Präventionsprojekt und Vergebung.

29. September 2007: Vor einer Disco im ostfriesischen Aurich gerät der damals 20-jährige Christoph Rickels in einen Streit mit einem anderen jungen Mann, es kommt zu einer Schlägerei. Rickels wird unerwartet heftig getroffen, prallt mit dem Kopf auf das Pflaster und liegt danach vier Monate lang im Koma.

Fast 13 Jahre später hat sich Christoph Rickels, heute 33 Jahre alt, mühsam wieder ins Leben zurückgekämpft. Seit der Tat ist er zu 80 Prozent schwerbehindert. Trotzdem setzt sich Rickels seit Jahren mit seinem Projekt "First Togetherness" gegen Gewalt ein und erzählt an Schulen und in Gefängnissen von seiner Geschichte.

Der Journalist Alex Raack hat zusammen mit Rickels nun dessen Lebensgeschichte aufgeschrieben. "Schicksalsschlag" erscheint am 4. September. Vor der Veröffentlichung hat der stern mit Christoph Rickels über den Kampf zurück ins Leben, sein Präventionsprojekt und Vergebung gesprochen.

Gewaltopfer Christoph Rickels: "Ich war auch so ein Affe"

Herr Rickels, wie oft wünschen Sie sich, es hätte diesen 29. September, an dem Sie nach einem Faustschlag ins Koma fielen, nicht gegeben?
Eigentlich gar nicht. Manchmal werde ich gefragt, ob ich mir mein altes Leben zurückwünsche. Natürlich leide ich darunter, dass ich nicht mehr alles machen kann, aber das, was ich mir jetzt aufgebaut habe, möchte ich noch weniger missen. Viele Türen wären mir ohne dieses Schicksal verschlossen geblieben.

Alex Raack, Christoph Rickels  Schicksalsschlag. Täter, Opfer, Aktivist - Warum ich der Gewalt den Kampf ansage  208 Seiten  17,95 €  ISBN/GTIN 978-3-8419-0721-9  Erscheinungstermin: 4. September 2020
Alex Raack, Christoph Rickels
Schicksalsschlag. Täter, Opfer, Aktivist - Warum ich der Gewalt den Kampf ansage
208 Seiten
17,95 €
ISBN/GTIN 978-3-8419-0721-9
Erscheinungstermin: 4. September 2020
© Edel Books

Was wissen Sie noch von diesem "alten Leben"?
Ich erinnere mich nicht an diesen Abend, eigentlich erinnere ich mich an mein ganzes früheres Leben nicht mehr. Nach dem Koma musste ich ein neues Leben beginnen. Deshalb kann ich auch so gut mit meinen Defiziten umgehen, weil ich gar nicht das Bewusstsein habe, dass es mal anders war. Ich weiß es zwar, aber ich fühle es nicht. Das macht es leichter.

Was ist von Ihrem Leben vor dem Schlag und dem Koma noch übrig geblieben?
Ich war früher schon ehrgeizig, wenn ich meine Ziele erreichen wollte. Ich bin eine Rampensau geblieben, ein Mensch, der auf der Bühne steht und keine Angst davor hat. Mein soziales Umfeld von früher ist dagegen komplett weggebrochen. Meine Freunde von damals sind weg, dieses Gerüst ist einfach zusammengebrochen. 

Vier Monate lang lagen Sie im Koma. Erinnern Sie sich noch, was Ihre ersten Gedanken nach dem Aufwachen waren?
Man wacht aus einem Koma ja nicht auf wie nach dem Schlafen. Das Wachwerden hat Monate gedauert. Mir ist hängengeblieben, dass ich zu meinem Stiefvater gesagt habe, was für eine hübsche Frau er hat, weil ich meine Mutter nicht mehr erkannt habe. Als ich langsam wieder anfing, Fuß zu fassen, kamen dann die Rachegedanken. Da habe ich gedacht: "Das kann der mit dir doch nicht machen, das kannst du nicht auf dir sitzen lassen". Ich bin innerlich so eskaliert, dass dadurch auch in meinem sozialen Umfeld viel kaputtgegangen ist.

Mittlerweile gehen Sie mit dem, was passiert ist, sehr souverän um – zumindest sieht es von außen so aus. Gab es da einen Wendepunkt?
Das war, als ich in der siebten Klasse meiner Cousine zu Besuch war. Die hatten im Unterricht das Thema Gewalt und sie hat ihrer Lehrerin erzählt, dass ich so kaputtgeschlagen worden bin. Ich war zuerst ängstlich, wie die jungen Leute mit mir umgehen, aber die Rückmeldungen waren so überwältigend für mich, dass ich gemerkt habe: Das ist meine neue Lebensaufgabe.

Mit ihrem Projekt "First Togetherness" erzählen Sie in Schulen ihre Geschichte und betreiben Gewaltprävention. Welche Bedeutung hat das für Sie?
Jedes Mal sagen die Lehrer im Anschluss zu mir: "So haben wir die Schüler noch nie erlebt." Das zeigt mir: Du kannst trotz der ganzen Scheiße noch etwas Großes bewegen. Ich habe darüber nachgedacht, warum mir das eigentlich passiert ist. Und mir ist klar geworden, dass ich auch nicht anders war. Ich habe mich auch geschlagen und wollte cool sein. Alle wollen die coolen Macker sein – und wenn es cool ist, dass man sich prügelt, dann prügelt man sich halt. Ich glaube, wir müssen da eine Wende hinbekommen. Wir müssen das Miteinander cool machen.

Sie gehen auch in Gefängnisse und reden dort mit den Häftlingen. Wie reagieren Menschen auf Sie, die anderen womöglich noch Schlimmeres angetan haben?
Egal, wer vor mir sitzt, es ist immer emotional. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich es bei jedem geschafft, die Menschen zu bewegen und zum Nachdenken zu bringen – weil ich nichts vorspiele. Ich erkläre denen: Leute, ich war auch so ein Affe, ich habe mich auch geprügelt.

Hätten Sie also selbst auch auf der Täterseite sein können?
Ja, auf jeden Fall. Ich habe Glück gehabt, dass ich nicht der Täter wurde. 

Sind Sie im Rückblick froh, Opfer statt Täter zu sein?
Das ist eine harte Frage. Ich möchte weder Opfer noch Täter sein.

Der Mann, der Sie damals geschlagen hat, wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Haben Sie mit ihm noch einmal gesprochen?
Ich habe ihn einmal vor Gericht gesehen, da war ich selbst aber noch nicht im Stande das Leben wahrzunehmen. Da hat er sich bei mir entschuldigt. Aber ich habe nie so mit ihm gesprochen, dass ich das auch wahrnehmen konnte.

Würden Sie das denn gern?
Ja, jetzt bin ich soweit. Ich habe keine Wut und keinen Hass mehr, ich möchte, dass wir Frieden schließen. 

Haben Sie dem Schläger vergeben?
Ich möchte dem Täter verzeihen und ein Ende finden. Wenn er vor mir steht und sich entschuldigt, wenn ich sehe, dass er es ernst meint, dann vergebe ich ihm. Solange das nicht passiert, kann ich das nicht. Ich würde es aber sehr gerne tun. 

Trotzdem klagen Sie immer noch vor Gericht und kämpfen um ein Schmerzensgeld. Wie ist da der Stand?
Die Sache ist sehr komplex. Aktuell verklage ich meinen früheren Anwalt, der meiner Ansicht nach einen Fehler gemacht hat, der dafür gesorgt hat, dass ich das Geld nicht von der Versicherung des Täters bekommen habe. Ich klage jetzt seit 13 Jahren und ich könnte ganz anders leben, wenn ich da endlich Frieden hätte. Das ist das Allerschlimmste.


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