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Kein Urteil, aber ein Eklat: Der Fall Gina-Lisa Lohfink - Bericht aus dem Gerichtssaal

Der dritte Prozesstag im Fall Gina-Lisa Lohfink ist ohne Urteil zu Ende gegangen. Ein harter Tag für die Castingshow-Darstellerin, an dem auch einer der Männer aus dem Sexvideo aussagte. Es waren aber vor allem ihre eigenen Anwälte, die sie quälten.

Von Sophie Albers Ben Chamo, Berlin

Gina-Lisa Lohfink

Gina-Lisa Lohfink auf dem Weg zum dritten Prozesstag am Landgericht Berlin-Tiergarten, Saal B129

Auch am dritten Prozesstag konnte das Berliner Landgericht Tiergarten im Fall Gina-Lisa Lohfink eigentlich nurmehr nachverhandeln. Hauptschauplatz des Spektakels um das Castingshow-Model sind ja die Medien. Gina-Lisa Lohfink gibt an, im Juni 2012 unter Einsatz von K.O.-Tropfen von zwei Männern in einer Wohnung festgehalten und wiederholt vergewaltigt worden zu sein, und nun steht sie wegen Falschanzeige vor Gericht. Der wichtigste Zeuge des Tages, Sebastian Castillo Pinto - einer der Männer aus dem Video - hatte seinen ersten großen Auftritt nicht vor Richterin Antje Ebner, um nach vier Jahren eine Aussage zu machen, sondern im Sat.1-Frühstücksfernsehen. Da seien ja auch die anderen schon gewesen, so seine Begründung.

Dieser Montag war aber bereits ein harter Tag für Lohfink, bevor Zeuge Pinto überhaupt in den Saal geführt wurde. Gleich zu Verhandlungsbeginn haben sich Staatsanwältin, Verteidiger und ein pharmakologischer Sachverständiger um die Richterin versammelt, um auf einem Laptop mehrere Videoclips zu begutachten, in denen Lohfink und die beiden Männer beim Sex zu sehen sind, und die seit damals im Internet kursieren. Zwar war der Bildschirm für Journalisten und Publikum nicht einsehbar, aber der Ton war einigermaßen gut zu hören. Dabei auch immer wieder eine Frauenstimme, die "Hört auf" sagt.


"Schwänze abschneiden"

Lohfink saß derweil allein auf der Anklagebank, hielt sich die Ohren zu und wippte mit den Füßen, während zwei Meter entfernt immer und immer wieder lauthals die Szenen kommentiert und besprochen wurden, die gemäß ihrer Aussage ihre Vergewaltigung zeigen. Auf dem Podium hielt sich niemand damit zurück, detailreich auszuschmücken, was da gerade zu sehen war. Immer wieder stritten sich Lohfinks Verteidiger mit Richterin und Staatsanwältin, weil die mehrfach Schwierigkeiten hatten, in den Bildern Gewalt und Hilflosigkeit zu sehen. Lohfinks Anwalt Christian Simonis verstieg sich dabei allen Ernstes zu einem "Keine Reaktion der Gefickten". Und als wüsste er nicht weiter, stürmte sein Kollege Burkhard Benecken schließlich zur Anklagebank und holte Lohfink aufs Podium, die daraufhin in Tränen ausbrach und schrie: "Dass wir hier überhaupt noch reden müssen. Das ist so schlimm. Denkt ihr, das macht mir Spaß, hier zu sein?" Sie klammert sich schluchzend an den Richterstuhl: "Dass ich überhaupt hier bin! Ist doch deutlich, dass ich das nicht wollte. Okay, ich komme und gucke mir diese Scheiße an, einfach schlimm, was mit mir gemacht wird!" Sie weint, schreit und verlässt das Pult gleich wieder angesichts der Bilder. Die Richterin verwarnt die Verteidiger und unterbricht die Sitzung. "Diese Schweine müssen ihre Schwänze abgeschnitten kriegen. Die müssen eingesperrt werden", wütet Lohfink und setzt sich ihre verspiegelte Sonnenbrille auf.

"Auffrischung der Erinnerung"

Auch die Fortsetzung der Verhandlung beginnt mit bitterem Zynismus, als die Richterin den zweiten Versuch ankündigt, die Videos im Beisein von Lohfink zu sehen: Das diene der Auffrischung der Erinnerung von Frau Lohfink, "weil die das ja länger nicht gesehen hat." Nach wenigen Sekunden sitzt die Angeklagte wieder allein auf der Bank und hält sich die Ohren zu: "Oh Mann, ich kann das nicht", sagt sie. "Ich würde gern noch mal die Szene sehen, wo ihr ins Gesicht geschlagen wird", sagt Simonis. Als die Videos endlich durch sind, wird die Sitzung schon wieder unterbrochen, weil Lohfinks Anwälte eine Stellungnahme schreiben wollen. Mehrfach kommt es zu Verzögerungen, weil die beiden schlecht vorbereitet scheinen.

Als nächstes soll Pinto in den Saal gerufen werden. Lohfink bricht in Panik aus. Sie will raus. Schnell erteilt sie ihren Anwälten eine Vollmacht, um allein weiter zu machen. "Ich hab' Angst, ich will den gar nicht sehen", sagt sie vor der Tür. Ein freundlicher Gerichtsdiener beruhigt die nervöse Frau mehr als alle anderen Menschen im Raum: "Den sehen Sie gar nicht, der ist im anderen Raum." 

Und während Lohfink mit zwei Freunden verschwindet, kommt Pinto, ein hagerer, etwas ausgemergelter junger Mann, der hyperaktiv zu "quasseln" beginnt. Immer wieder mixt er seine Darstellungen mit Meinung, greift Lohfink an und deren Anwälte, zieht die Dinge ins Lächerliche und stellt sich selbst als Promi dar, den jeder in Berlin kenne und der so wichtig für die Clubs sei, in denen er Prominente betreut hat, dass die Läden ohne ihn nicht mehr laufen würden. Denn der 33-Jährige hat seinen Job verloren. Und er kriege "wegen der Sache" auch keinen neuen.

Seinen Ausführungen nach lügt Lohfink, die Nacht sei "ein Spaß zu dritt" gewesen. Er beschuldigt den anderen Mann aus dem Video, Pardis F., das Video geteilt zu haben. "Ich habe gar nichts gemacht!" Und Lohfinks "Hört auf" habe sich allein aufs Filmen bezogen. Sie habe sich bei ihm wohl gefühlt und sei fit und munter gewesen, als sie am Nachmittag gegangen sei. Sein Leben sei zerstört, ihm müsse geholfen werden, so der Vater einer kleinen Tochter, der vor Selbstbewusstsein fast platzt. "Sie sehen ja, wie ich aussehe, ich kriege Frauen. Ich brauche ihre [Lohfinks, Anm.d.Red.] Presse nicht!" Und natürlich würde er keine Frau anfassen, die nicht bei Sinnen ist. "Was habe ich davon!" Immer wieder ruft die Richterin ihn zur Mäßigung auf, sein Anwalt drückt seine wild fuchtelnden Arme runter. "Das war alles inszeniert", ruft Pinto. Und er nehme keine Drogen.

Der Trumpf der Verteidigung: eine neue Zeugin

In der Pause sind die rund 30 Aktivistinnen vor dem Gerichtsgebäude zu hören, die "Nein heißt Nein" skandieren, über Missbrauchserfahrungen sprechen und ein "Don't blame the Victim"-Plakat aufgehängt haben. Mit einem Urteil rechnet heute keiner mehr.

Denn der Trumpf der Verteidigung ist eine neue Zeugin, die ebenso plötzlich aufgetaucht ist wie Zeuge Pinto: Elena H. kennt Pinto von früher und berichtet, dass er ihr 2004 K.O.-Tropfen verabreicht und sie in ihrer Wohnung vergewaltigt habe. Pinto hatte vorher behauptet, die junge Frau nicht zu kennen. Als sie später allerdings aussagt - da ist Pinto schon weg - wirkt sie sehr glaubwürdig. Die Staatsanwältin hält H.s Aussage nicht für sachdienlich. Simonis greift sie ungeheuer scharf an. Im Publikum stehen später zwei Frauen auf und rufen: "Veranstaltungen wie diese sind der Grund, warum die Dunkelziffer so hoch ist" in den Saal, bevor sie hinauskomplimentiert werden. 

Nachdem Pinto entlassen wurde, ist Lohfink in den Saal zurückgekehrt. Sie knetet ihre Hände und hustet, während Elena H. berichtet und wichtige Sätze sagt, die an die #Aufschrei-Debatte erinnern: "Ich hatte Angst, dass man mir nicht glaubt. Ich habe mich selbst auch als Schuldige gefühlt." Sehr zum Unverständnis der Richterin.

Noch mehr neue Zeugen

Zuletzt wird die Vernehmungsbeamtin gehört, die von der Durchsuchung der Wohnung von Sebastian Castillo Pinto berichtet und von der Vernehmung Lohfinks. Vor vier Jahren hat Lohfink sich offensichtlich gescheut, von Vergewaltigung zu sprechen. Es sei ein "großes, hartes" Wort, wird sie zitiert. Die Beamtin durchlöchert die Verteidigungslinie. Nein, sie habe keine Gewalt im Video erkennen können. Sie habe nicht das Gefühl gehabt, dass sich jemand bedroht gefühlt habe. Und "das Nein bezog sich aufs Filmen." Während Verteidiger Benecken Fragen stellt, die fahrig und unausgegoren wirken, und Lohfinks Sache eher schwächen, geht Simonis mit voller Aggressivität auf die LKA-Beamtin los, die Lohfink im Video als ausgelassen und aufgeputscht wahrgenommen haben will: Wie Lohfink beim Sex im Video gewirkt habe? "Passiv. Sie hat viel mit sich machen lassen." Es sei unwürdig gewesen. Was überwiege im Video: "Sex-Szenen". Lohfink weint. Allerdings zerlegt Simonis seinen Sieg sofort wieder, als er gewohnt zynisch-arrogant seine Interpretation als Tatsache hinstellt. Außerdem hätten sie noch vier weitere Beweisanträge, so schließlich die Verteidiger: die Gynäkologin, die Lohfink 2012 untersucht haben soll, eine Sachbearbeiterin, die der von Pinto bedrohten Ex-Freundin geholfen habe, eine Zeugin aus dem Club, von dem aus Lohfink zu Pinto gefahren sein soll, die gesehen haben will, dass die Angeklagte sturzbetrunken war und schließlich eine Prostituierte, die Pinto und Pardis F. zusammen in einem Bordell gesehen haben will, was Pinto zuvor bestritten hat.

Am 22. August soll es weitergehen. Simonis kann den Tag nicht enden lassen, ohne die Richterin anzupöbeln, weil er an dem Datum keine Zeit habe. Dann stehen Lohfink und ihre Anwälte auch schon vor den Kameras vor den Tür: "Es ist echt alles nicht inszeniert", sagt Lohfink schluchzend. "Das macht keinen Spaß, ich könnte anderes machen: Urlaub oder mit meiner Familie sein." Es sei "nicht cool" vor Gericht zu sein. "Ich habe Kopfschmerzen, wenn ich hier rauskomme." Und Benecken verhebt sich noch mal zum Abschluss mit: "Um das zu schauspielern, müsste Frau Lohfink eine wirklich gute Schauspielerin sein."

Ein Freund will Lohfink aus dem Kamerakreis ziehen. "Gleich!", sagt sie.