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Glaube statt Wissensvermittlung im Vordergrund: NRW führt islamischen Religionsunterricht ein

Ab Mittwoch wird in Nordrhein-Westfalen erstmals islamischer Religionsunterricht angeboten - allerdings nur in wenigen ausgewählten Schulen. Noch mangelt es an ausgebildeteten Lehrkräften.

Der Anfang ist bescheiden, aber für eine bundesweite Vorreiterrolle reicht er allemal: Als erstes Bundesland führt Nordrhein-Westfalen mit Beginn des neuen Schuljahres an diesem Mittwoch islamischen Religionsunterricht ein - allerdings noch nicht flächendeckend. Zunächst werden 2500 der 320.000 Schüler muslimischen Glaubens in NRW in dem neuen Fach unterrichtet. Landesschulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sprach trotzdem von einem "wichtigen Zeichen für mehr Integration und Teilhabe". Nordrhein-Westfalen gehe beim bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht "planvoll und schrittweise" vor, versicherte Löhrmann im Vorfeld.

In einem ersten Schritt wird das Fach nun an 44 Grundschulen im einwohnerstärksten Bundesland durch insgesamt 40 Lehrkräfte unterrichtet - momentan allesamt Islamwissenschaftler, die ihre Schüler bislang in Islamkunde unterwiesen haben und in einem Wochenend-Kompaktseminar auf das neue Fach vorbereitet wurden. An der Universität ausgebildete Lehrer, die Absolventen des in Deutschland neuen Universitäts-Studiengangs "Islamische Theologie", gibt es bislang noch nicht.

Schon seit dem Schuljahr 1999/2000 läuft in NRW der zeitlich nicht befristeter Schulversuch "Islamkunde in deutscher Sprache". Daran nahmen im vergangenen Schuljahr mehr als 10.000 Kinder an 143 Schulen teil. Bereits 1986 wurde das Fach als Teil des herkunftsprachlichen Unterrichts eingeführt. In dem Fach lernten die Schüler bislang unter anderem die "fünf Säulen des Islam" kennen, also Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten und Pilgerreise.

Koran-Verse lesen ja, Gebet sprechen nein

Während die Islamkunde eher kulturwissenschaftlich orientiert ist, geht es bei dem neuen Angebot darum, aktuelle Themen aus der Perspektive des Glaubens zu beleuchten - vergleichbar dem katholischen oder evangelischen Bekenntnisunterricht an deutschen Schulen. "Es können auch Koran-Verse gelesen werden", sagt Barbara Löcherbach vom NRW-Schulministerium. Gebetet werde im Unterricht aber nicht.

Die Fachlehrer werden in Kooperation der Universitäten Münster und Osnabrück ausbildet. Nach Angaben des Ministeriums gab es zuletzt mehr als 400 Bewerbungen für 130 Plätze, die pro Jahr zur Verfügung stehen. Ein regulärer Lehrplan für den islamischen Religionsunterricht soll erst im Sommer 2013 fertig sein. Bis dahin können sich die Lehrer an den Themen der Islamkunde orientieren.

Dabei scheint der Bedarf an einem Unterrichtsangebot für islamische Religion in Nordrhein-Westfalen unstrittig. Die Landesregierung legte 2010 eine Studie zu "Muslimischem Leben in Nordrhein-Westfalen" vor, in der sich eine klare Mehrheit von 83 Prozent der befragten Muslime für einen solchen Unterricht aussprachen. Dieser Wunsch der Muslime ändert freilich nichts daran, dass die bundesweit seit Jahren diskutierte Einführung von bekenntnisorientiertem islamischem Religionsunterricht verfassungsrechtlich äußerst schwierig ist.

Wer vertritt "die Muslime" in Deutschland?

Denn laut Grundgesetz wird "der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt". Eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft, wie es die christlichen Kirchen sind, gibt es aber bei den Muslimen in Deutschland nicht. Vielmehr haben die unterschiedlichen Strömungen im Islam zur Gründung einer Vielzahl von Verbänden geführt, die mit dem 2007 gegründeten Koordinationsrat der Muslime (KRM) nur über eine lockere Dachorganisation verfügen.

Aus staatlicher Sicht fehlt es also weiter an einem Ansprechpartner auf muslimischer Seite, um Lehrpläne und Lehrerausbildung zu regeln. Um diesem Dilemma zu entgehen, haben sich SPD, Grüne und CDU im rot-grün regierten Nordrhein-Westfalen auf ein Provisorium verständigt. Gegründet wurde ein unabhängiger Beirat, dem acht Experten für islamische Theologie und Religionsdidaktik angehören. Vier Beiratsmitglieder haben islamische Organisationen entsandt, die übrigen vier wurden vom Schulministerium im Einvernehmen mit den islamischen Verbänden bestimmt. Spätestens bis 2019 soll aber eine Lösung geschaffen werden, die das Beiratsmodell durch eine feste Vertretung der Muslime ersetzt.

Richard Heister, AFP/DPA / DPA