Glosse Auch der Doktorvater muss in den Pass!


Die große Koalition will den Doktortitel aus dem Pass streichen. Das zeigt, dass Frau Dr. Merkel immer noch nicht im Westen angekommen ist. Demokratie heißt Distinktion, deshalb brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Angaben in unseren Ausweisen.
Von Dr. Lutz Kinkel

Mein alter Freund Béla erzählte mir letztens, warum er in den vergangenen 40 Jahren nie von der Steuerprüfung heimgesucht wurde. "Weißt Du ", schnarrte er in seinem wunderbaren Deutsch-Ungarisch, "die Sache ist ganz einfach. Du darfst nie mehr verdienen als Dein Finanzbeamter. Du musst immer weniger verdienen. Dann fühlen sie sich gut." Und dann sagte er noch "es ist totaler Wahnsinn", weil er jede Anekdote mit dem Satz "es ist totaler Wahnsinn" beendet.

Dieser Trick funktioniert bei Doktortiteln nicht. Die Menschen sitzen sich für ihre Dissertation den Hintern platt und hungern sich die letzten paar Jahre vor der Disputation den Mittelschichtsspeck von der Hüfte. 80 Prozent der Kandidaten landen in der Geschlossenen Psychiatrie, der Rest begeht Suizid, ein oder zwei pro Jahr kommen durch. Dann sind sie - endlich! - Doktor. Arm, krank, perspektivlos, aber Doktor. Kein Wunder, dass sie sich an den Titel klammern wie Bush an die Taliban. Es geht nicht mehr ohne.

Von maulfaulen Eltern auf Dr. getauft

Und nun wollen uns die Hauptschüler in Dr. Merkels Kabinett den Titel aus dem Reisepass und dem Personalausweis streichen. Begründung: Es sei zu viel Verwaltungsaufwand, die Doktor-Titel nachzuprüfen. Könnte ja sein, dass jemand seinen Titel in der Ukraine gekauft hat. Oder eine Urkunde gefälscht hat. Oder vorgibt, er sei zufällig von seinen maulfaulen Eltern auf das Kürzel Dr. getauft worden. Was nicht alles passieren kann.

Aber die Wahrheit ist doch: Unsere Freunde in den Einwohnerpassbehördenabstempelungszentralen ertragen es einfach nicht. Sie haben die Volksschule mit "Genügend" abgeschlossen, um sich danach zu Einwohnerpassbehördenabstempelungszentralenmitarbeitern züchten lassen. Nun sitzen sie da in ihren C&A-Anzugshosen unter Neonröhren, die Radiergummis muffeln und das Wochenende im Schrebergarten ist noch weit. Für diese Menschen sind Doktoren ein ständiger Stachel im Fleisch, ein unbeschreibliches Etwas, das sie aus der Ferne hochnäsig und ironisch anblinkert. Sie können ja nicht wissen, dass wir nur promoviert haben, um ihnen genau diesen Eindruck zu vermitteln.

Dissertation für Generationen

Also soll der Doktor weg. Wir aber sagen: Der Doktor bleibt. Prüft, und selektiert, und schreibt bitte künftig auch die Noten und den Doktorvater in den Pass. Denn Doktor ist nicht gleich Doktor und auch das soll die Welt wissen. Ein Mediziner etwa, der ein halbes Jahr im Labor grünliche Substanzen umtopft, hat ungefähr denselben Aufwand wie ein Philosophie-Student im Hauptseminar. Der eine aber darf sich Doktor schimpfen, der andere muss nach seiner Hausarbeit noch etwa zehn Jahre weiterstudieren, um überhaupt die begrifflichen Grundlagen der Postmoderne zu verstehen. Doktorarbeiten in den Geisteswissenschaften müssen künftig vermutlich auf mehrere Studentengenerationen einer Familie verteilt werden, weil sie sonst nicht zu schaffen sind.

Also bitte: Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Differenzierungsmerkmale. Demokratie heißt Distinktion. Schreiben Sie sich das hinter die offenbar immer noch sozialistischen Löffel, Frau Dr. Merkel!


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