HOME

Glosse: Der Deutsche auf vier Pfoten

Der Deutsche Schäferhund ist eine deutsche Ikone, unentflechtbar verwoben mit dem Bild der Deutschen, im Guten wie im Schlechten. Wer der Beste seiner Art ist, entscheidet am Wochenende wieder der Verein für Deutsche Schäferhunde. Zeit für eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Tier.

Von Angelika Dehmel

Ikone der Deutschen: der Schäferhund. Am Wochenende wird der Meister gekürt

Ikone der Deutschen: der Schäferhund. Am Wochenende wird der Meister gekürt

Die Deutschen und der Schäferhund. Die beiden gehören zusammen, so sehr, dass die Hunderasse die Nationalität sogar in ihrem Namen trägt. Das ist bedeutungsschwer. Und weil der Verein für Deutsche Schäferhunde am Wochenende darüber befindet, wer der beste aller deutschen Schäferhunde ist, muss über dessen Bedeutung für die deutsche Identität sinniert werden.

Der Anlass ist im Grunde banal: Im hessischen Baunatal hecheln 120 Hunde und ebenso viele Herrchen um den Deutschen Meistertitel. Wie grundlegend diese Entscheidung allerdings für unser kollektives Selbstverständnis ist, kann man allein daran erkennen, dass sogar Hessens geschäftsführender Ministerpräsident Roland Koch ein schwärmerisches Grußwort an die Teilnehmer richtet - und darin wortgewaltig der Töle huldigt: "In der Familie sind sie die treuen Familienhunde, mit denen die Kinder spielen und die allen viel Freude bereiten, bei der Polizei die Diensthunde, die schützen und Spuren verfolgen, bei den Rettungsstaffeln die Rettungshunde, die Verunglückte aufspüren, und bei den Hirten schließlich die unentbehrlichen Hütehunde."

Treu, familienorientiert und Retter in der Not: Genau wegen dieser Zuschreibungen machte sich der Deutsche im Verlauf seiner schicksalsträchtigen Geschichte immer wieder gern mit dem Hund gemein. Zu verdanken haben wir diese innige Beziehung dem Rittmeister Max von Stephanitz. Selbiger verliebte sich anno 1899 auf den ersten Blick in den Rüden "Hektor von Linksrhein." Flugs taufte er ihn um, auf den nicht minder pompösen Namen "Horand von Grafrath" - und begann, den Deutschen Schäferhund zu züchten. Die hochadligen Namen sind bei Exemplaren mit reinem Stammbaum auch heute noch üblich; gemeine Schäferhunde müssen sich mit so etwas Simplem wie "Rex" oder "Max" begnügen.

Blondie musste mit in den Bunker

Schnell entwickelte sich der treue Begleiter zum Accessoire der Reichen und Mächtigen, war fast so symbolträchtig wie Pickelhaube oder Schnauzbart. So war Reichspräsident von Hindenburg ein regelrechter Schäferhund-Fetischist - und dass, ohne den Steckbrief des Schäferhundevereins des Jahres 2008 zu kennen. Demnach ist die Rasse vom Typ her "sicher und selbstbewusst, robust, unbefangen, aufmerksam, physisch und psychisch hoch belastbar". Außerdem "verträgt der Schäferhund sich nach entsprechender Sozialisation sehr gut mit Menschen und Tieren im Familienumfeld und hat ein gutes und sicheres Sozialverhalten."

Den Tugenden des Tieres zum Trotz: Im Ersten Weltkrieg pervertierte die Führung der deutschen Streitkräfte tausende Exemplare zum Kriegsmittel. Den Briten blieben die Hunde so sehr im Gedächtnis, dass sie die Methode im Zweiten Weltkrieg nicht nur kopierten, sondern die Rasse in das deutsch-freie "Alsatian" umbenannten.

Wie auch immer. Geschadet hat dem Schäferhund imagehistorisch gesehen vor allem Adolf Hitler. Nicht nur, dass viele Schäferhunde in den Vernichtungslagern der Nazis ihren Dienst verrichten mussten. Der Ober-Nazi war zudem stolzer Besitzer - im Ernst - von "Blondie". Die Hündin durfte mit zu Wolfsschanze und Bunker kommen - musste ihrem Führer allerdings auch in den Freitod folgen. Der Deutsche Schäferhund war nachhaltig diskreditiert.

Die britische Polizei importiert die Tiere wieder vermehrt

Erst in den 70er Jahren wurde der Name "German Shepherd" auch im englischsprachigen Raum wieder üblich. Mehr noch, die britische Polizei importiert die Tiere mittlerweile wieder vermehrt, weil die heimischen Züchter zwar Schäferhunde produzieren, aber bei der Auwahl dann doch dem Aussehen den Vorzug vor dem Charakter geben. Weil bella figura im Staatsdienst aber denkbar wenig hilft, müssen die hässlichen Tölen aus Deutschland her. Die haben Charakter. Der britische Boulevard behauptet sogar, die Bobbies müssten deshalb auf Deutsch brüllen: Fass! Überprüft haben wir das nicht.

Die Gleichläufigkeit von Staatsvolk und Staatshund ist auch für die Zukunft bedeutsam. So haben die Schäferhundzüchter lange erkannt, dass Bildungsfragen für Hund und Land entscheidend sind. So mahnt der Deutsche Schäferhundverein an, Erziehung sei "absolut notwendig". Vor allem Konsequenz, Geduld und Verständnis seien gefragt. Nach den gleichen Prinzipien müsste unser marodes Bildungssystem reformiert und unsere Schüler gedrillt werden. Bis dahin haben uns die Deutschen Schäferhunde etwas voraus. Und der Deutsche Meister der Deutschen Schäferhunde allemal. Die Entscheidung für diesen Titel fällt am Wochenende. Watch it.