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Gottesdienst im Augsburger Dom: "Gut, dass Mixa jetzt weg ist"

Der Papst hat entschieden: Skandalbischof Walter Mixa muss gehen. Der Vertrauensverlust für die Kirche jedoch bleibt. Wie reagieren die Gläubigen in Mixas ehemaligem Bistum? Ein Ortstermin.

Von Malte Arnsperger, Augsburg

Ein Baugerüst klebt an der Außenfassade des altehrwürdigen Augsburger Doms. Doch heute, am Sonntag, ist niemand an der Baustelle zu sehen, erst am Montag geht die Verschönerung des mehr als tausend Jahre alten Bauwerks weiter. Viel wichtiger scheinen derzeit auch die Arbeiten am inneren Bild der Kirche. Vor allem im Bistum Augsburg, nachdem der Papst am Samstag das Rücktrittsgesuch des hiesigen Bischofs Walter Mixa angenommen hat, der wegen immer schwerer wiegenden Vorwürfen stark unter Druck geraten war. "Ich bin schon gespannt darauf, was zu Mixa und den Vorwürfen gesagt wird", sagt ein älterer Herr, während er über den Domvorplatz dem Gotteshaus entgegenstrebt. "Aber ich gehe nicht deshalb zum Gottesdienst. Schließlich glaube ich an Gott und nicht an die Kirche."

Dauerbaustelle Kirche

Im Gottesdienst am Tag nach Bekanntwerden der päpstlichen Entscheidung verschwendet Domkaplan Andreas Jall auch keine Zeit: "Liebe Mitbrüder, liebe Mitchristen. Die Kirche ist immer eine zu erneuernde", sagt er gleich zu Beginn seiner Predigt. "Umgangssprachlich gesagt: Die Kirche ist immer eine Baustelle. Dass es so ist, haben wir in den vergangenen Tagen gespürt."

Mixa, eine der Speerspitzen der konservativen Bischöfe in der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), war in den vergangenen Monaten mit schweren Vorwürfen konfrontiert worden: Nach anfänglichem Leugnen gab er zu, in seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen Kinder geschlagen zu haben. Während der Kirchenmann von Ohrfeigen oder "Watschn" sprach, werfen ihm ehemalige Heimkinder vor, er habe sie teilweise mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen. Fast gleichzeitig wurde er bezichtigt, Geld der Waisenhausstiftung Schrobenhausen veruntreut zu haben. Ende vergangener Woche kam dann noch der Vorwurf hinzu, der Bischof habe einen minderjährigen Jungen sexuell missbraucht. Das Bistum Augsburg zeigte ihn deshalb bei der Staatsanwaltschaft an. Mixa, der an einen geheimen Ort untergetaucht ist, ließ über seinen Anwalt die Vorwürfe zurückweisen.

"Ich habe Verständnis für Austritte"

Rund 100 Gläubige haben sich an diesem Sonntag zu dem Pfarrgottesdienst im Augsburger Dom eingefunden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger als an normalen Sonntagen. Und dennoch ist es ein besonderer Sonntag. Schließlich hat das Bistum vor nicht einmal 24 Stunden seinen Oberhirten verloren. "Ich bin nicht in der Kirche, weil ich einzelnen Menschen nachfolge", sagt eine 34-Jährige, die ihren Namen nicht genannt haben möchte, "sondern wegen Jesus Christus. Aber es sind erschütternde Dinge passiert. Das Verhalten und das Leugnen von Bischof Mixa war belastend für die ganze Diözese und hat das Vertrauen von vielen in die Kirche erschüttert. Deshalb habe ich Verständnis dafür, dass Leute austreten."

Tatsächlich haben im Bistum Augsburg seit Januar rund 5000 Menschen die Kirche verlassen. Das Vertrauen der Gläubigen zurückzugewinnen ist deshalb eines der Hauptziele der Kirchenverantwortlichen. Das ist auch in der Predigt von Domkaplan Jall zu spüren. "Wir stehen hoffentlich vor einem Neuanfang", sagt der Geistliche. "Denn die Kirche ist mehr als nur eine Baustelle."

"Bischof Mixa war mir schon immer zuwider"

Während des Gottesdienstes wird auch eine Stellungnahme von Weihbischof Josef Grünwald vorgelesen, der als Diözesanadministrator bis zur Neubesetzung des Bischofspostens die Geschäfte von Mixa übernommen hat. "Die Ereignisse um Bischof Dr. Mixa haben die Diözese Augsburg in den letzten Wochen und Tagen zutiefst belastet und gespalten", heißt es in dieser Stellungnahme. "Viele Gläubige sehen dadurch ihr Vertrauen in die Kirche von Augsburg erschüttert, nicht wenige haben dieses Vertrauen ganz verloren und nehmen die Verwerfungen zum Anlass, aus der Gemeinschaft der Glaubenden auszutreten." Es sei aber wichtig, so der Weihbischof, "dass wir alle gemeinsam mit dem heutigen Tag entschieden einen Weg der inneren Heilung und des Neuanfangs beginnen".

Dieser Neuanfang kann nach Meinung vieler Messebesucher ohne Mixa deutlich besser gelingen als mit ihm. "Bischof Mixa war mir schon immer zuwider", schimpft Edeltraud Beck, nachdem sie den Gottesdienst verlassen hat. "Der war einfach zu konservativ. Außerdem ist er über alle hergezogen und hat viele als unmoralisch beschimpft. Dabei ist er derjenige, der unmoralisch gehandelt hat. Gut, dass der jetzt weg ist." Die 69-Jährige ist schon seit vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten, lebt aber ihren Glauben aktiv und besucht regelmäßig das Gotteshaus in Augsburg. Sie ist sauer auf Mixa und dessen "selbstherrliches Verhalten". Aber auch von Papst Benedikt ist sie enttäuscht: "Ich hätte mir schon gewünscht, dass sich der Papst klarer zu den Missbrauchsvorwürfen äußert". Doch Edeltraud Beck will an ihrem Glauben festhalten. "Mein Glaube zu Gott ist nicht erschüttert. Nur mein Glaube an die Kirche", sagt sie - und läuft an dem Baugerüst vorbei.