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Griechenland Deutsch als Ausweg


Das Goethe-Institut in Athen erlebt einen Ansturm von Deutschschülern. Junge Griechen wollen Deutsch lernen, weil sie auf bessere Zeiten in Deutschland hoffen.
Von Wolf-Hendrik Müllenberg

Das hat Rüdiger Bolz noch nicht erlebt: Vor dem Goethe-Institut in Athen stehen Hunderte junger Menschen Schlange, die Telefone stehen seit Tagen nicht still. Bolz schaut aus seinem Bürofenster und kann es kaum glauben: So viele Griechen, die Deutsch lernen wollen. Der 58-Jährige leitet seit mehr als zwei Jahrzehnten das Goethe-Institut. Jetzt muss sich Bolz überlegen, wo er zusätzliche Lehrräume auftreibt, und neue Deutschlehrer muss er wahrscheinlich auch einstellen.

Vor einem Jahr war das Interesse an Deutschkursen beim Goethe-Institut in Athen noch überschaubar. Doch das war vor der Rezession in Griechenland, vor den umfassenden Sparmaßnahmen und den anschließenden Massenprotesten.

Mittlerweile hat die griechische Krise besonders die Situation der Jugend verschärft: 40 Prozent der Jugendlichen haben keinen Job. Und die, die das Privileg einer festen Anstellung haben, verdienen zu wenig bei den steigenden Lebenshaltungskosten. Manche gehen deswegen auf die Straße und protestieren, andere wollen einfach nur weg. "Viele planen nach Deutschland zu gehen, weil der Arbeitsmarkt dort attraktiver ist", sagt Rüdiger Bolz. Deswegen lernen die Jugendlichen jetzt Deutsch. Früher hätten sie andere Sprachen bevorzugt. "Es war ganz schick spanisch und italienisch zu sprechen", sagt Bolz. Doch die Griechen seien jetzt pragmatisch: Warum die Sprache eines Landes sprechen, das ähnlich krisengebeutelt ist wie das eigene?

Junge Griechen, die „ungenutzte Ressource“

Das Goethe-Institut in Athen hat 73 Prozent mehr Sprachkursteilnehmer als noch vor einem Jahr. Normalerweise ist das Institut schon bei 300 Deutschschülern völlig ausgelastet. Jetzt lernen 550 junge Menschen in den nächsten drei Monaten so komplizierte Dinge wie das Konjugieren von deutschen Verben. Die meisten Deutschschüler sind gut ausgebildet: Studenten und Akademiker, die in Griechenland keine Zukunft mehr sehen - Griechenlands "ungenutzte Ressource", wie die Friedrich-Ebert-Stiftung sie in ihrer aktuellen Studie bezeichnet.

Demnach leben in Griechenland 1,5 Millionen junge Menschen im Alter zwischen 25 und 34. Sechs von zehn Jugendlichen sind gewillt, in einem anderen europäischen Land zu arbeiten. Und das Goethe-Institut in Athen leistet ihnen dabei Starthilfe. "Allerdings", betont Rüdiger Bolz, "bilden wir die jungen Menschen hier ja nicht aus, damit sie Griechenland verlassen." Für Bolz sind die Jugendlichen noch keine verlorene Generation. Er ist sich sicher: "Die werden schon irgendwann zurückkommen."

So wie der 22-jährige Dimitri Mechos. Er steht kurz vor dem Absprung nach Deutschland, sieht seine Zukunft aber trotzdem in Griechenland. Warum? "Weil", und er sagt den Satz als wäre er in Stein gemeißelt, "die Bindung an meine Heimat so stark ist, dass ich wieder zurück muss." Dimitri könnte mit diesen Deutschkenntnissen eigentlich schon längst in Deutschland arbeiten. Trotzdem will er am Goethe-Institut jetzt erstmal den Kurs für Fortgeschrittene besuchen.

Träumen von einem besseren Griechenland

In Athen hat Dimitri Philologie studiert, in Deutschland will er ein Aufbaustudium machen. Zurück nach Griechenland geht es dann, wenn die Situation in Griechenland wieder besser ist. Wann wird das sein? "Wenn es keine Politiker mehr gibt, die uns Alles nehmen!" Jetzt merkt man, dass Dimitri sich schon auf Deutsch aufregen kann: "Ich will einfach nicht, dass die Politik uns für ihre Fehler bestraft!" Deswegen geht Dimitri auch zu den Demonstrationen, die fast täglich in Athen stattfinden. Vor ein paar Tagen gehörte er zu den 16.000 Demonstranten, die gegen die Pläne Griechenlands zum Schuldenabbau protestierten.

Goethe-Institut-Leiter Rüdiger Bolz beobachtete diese Demonstration von seinem Bürofenster. Er geht nicht auf die Straße, um etwas zu verändern. Bolz zieht es vor, beim Goethe-Institut Veranstaltungen mit solchen Titeln zu organisieren: "Griechenland 2020". Bolz lädt Leute ein, die Ideen für ein besseres Griechenland mitbringen. "Griechische Unternehmer und Kreative, die gute Einfälle haben." Auch Deutschschüler Dimitri Mechos glaubt, dass er seinen Beitrag für ein anderes Griechenland leisten kann. Spätestens, wenn er wieder aus Deutschland zurückkehren wird. "Hier in Griechenland will ich meine Träume realisieren."

Wolf-Hendrik Müllenberg

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