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Grimme-Preis-Gewinner: Aufstand im GuttenPlag-Land

Die Plagiatsjäger brachten Guttenberg zu Fall und haben jetzt den Grimme-Preis gewonnen. Doch hinter den Kulissen von GuttenPlag tobt ein bizarrer Streit um Mobbing und Eitelkeiten.

Von Niels Kruse

Er war der junge Held des politischen Betriebs in Deutschland: Redegewandt, forsch, mutig, weltmännisch. Ein Adliger, den das Volk liebte. Sie waren die anonymen Technikfreaks, die eine kleine Seite ins Netz stellten, auf der sie sich mit dem großen Helden anlegten. Und ihn erlegten: GuttenPlag Wiki ist maßgeblich dafür mitverantwortlich, dass Karl Theodor zu Guttenbergs hoffnungsvolle Karriere jäh endete. Ein Webprojekt, an dem jeder mitwirken konnte, der Plagiate in der Doktorarbeit zu Guttenbergs fand. Betrieben von einem Häuflein Enthusiasten, das die Aufklärung mit den Mitteln des Internets betreibt. Vergleichbar mit Wikileaks, was die Investigation angeht, wenn auch ein paar Nummern kleiner. Vergleichbar mit Wikipedia, was das Wissen der Vielen angeht. Und nun auch ausgezeichnet mit dem angesehenen Grimme Online Award für die "faire und unvoreingenommene Arbeitsweise der Administratoren des Wikis".





"Knüppelhart werden Nicht-Entscheidungen durchgesetzt"

Doch es gibt, bislang unbemerkt von der Öffentlichkeit, eine weitere Parallele zu den anderen Wikis: Der Erfolg produziert Neid, Missgunst, Ärger. Zwei Pioniere von GuttenPlag Wiki haben die Plattform verlassen. Sie wollen noch immer anonym bleiben und nennen sich "Mr. Nice" und "Ärgerlich". Doch sie reden und schreiben. Und was sie so reden und schreiben, erinnert an die Konflikte bei Wikileaks, wo etwa der deutsche Aktivist Daniel Domscheit-Berg dem selbsternannten Chef Julian Assange irgendwann vorwarf, sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen und sich intern herrisch aufzuführen.


Ähnlich attackiert "Mr. Nice" nun seine ehemaligen Mitstreiter. Zum Abschied schrieb er eine bittere Abrechnung in 8645 Anschlägen</linksextern>: "Knüppelhart werden Nicht-Entscheidungen durchgesetzt", er schreibt von einem "selbsternannten Rat der Maßgeblichen" und von Versuchen, "missliebige Aktive aus dem Projekt zu vergraulen".

"Ärgerlich" sieht es genauso. "Es sind fünf bis zehn Leute, die sich hier nach Gutsherrenart aufführen", sagt sie. Aktive würden beschimpft und diejenigen, die "unliebsame Kritik" geäußert hätten, würden von den Administratoren gelöscht. Wie etwa ein Beitrag, den "Ärgerlich" als Reaktion auf eine Geschichte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über zwei GuttenPlag-Macher verfasst hatte. Sie fragte darin, ob sich "manche noch um die Redlichkeit in der Wissenschaft bemühen oder doch nur um die Jagd auf Prominente, mit der man sich profilieren kann?" Ihr Statement wurde gelöscht, ihr Nutzerprofil gesperrt.

"Mr. Nice" und "Ärgerlich" berufen sich in ihrer Kritik auf die Grundsätze eines Wikis , das Kungeleien, Intransparenz und Chefgehabe eigentlich ausschließen soll. Hinter dem Wiki-Prinzip verbirgt sich grob gesagt ein Kollektiv von Freiwilligen, das Wissen sammelt und auf einer Webseite veröffentlicht. Jeder darf mitmachen, Einstiegshürden gibt es nicht, und sämtliche Vorgaben, etwa für die Qualität von Beiträgen, liegen offen und sind jedermann zugänglich. Auch Entscheidungen sollten möglichst im Konsens getroffen werden - jeder ist gleichzeitig Chef, Mitarbeiter, Qualitätsprüfer und Handlanger.

Mit dem Erfolg kamen sie alle wieder

Besonders übel stoßen den Abtrünningen die vielen Pressetermine auf, die vor allem die beiden GuttenPlag-Administratoren "KayH" und "MarcusB" absolvieren. Außer der "FAZ" hatten sie etwa auch mit der "Welt" gesprochen. "Ärgerlich"beschwerte sich. Prompt habe kurz danach "auf meinen Seiten eine regelrechte Löschorgie eingesetzt", sagt sie. "Und gelöscht wurden sie ausgerechnet von Leuten, die einige Zeit von der Bildfläche verschwunden waren und dann wieder auftauchen, als das GuttenPlag Wiki für den Grimme-Preis nominiert wurde", sagt ein Mitarbeiter, der nicht mal unter seinem Pseudonym genannt werden will.

Maulereien oder Selbstzerfleischung?

Sind das nun Maulereien Beleidigter oder tritt auch bei GuttenPlag der scheinbar unvermeidliche Selbstzerfleischungsprozess ein, der bei so vielen selbstverwalteten Projekten dieser Art irgendwann kommt? Debora Weber-Wulff, Dekanin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft, ist seit Jahren in der Wiki-Szene aktiv. Sie kennt solche Reibereien und sagt: "Auseinandersetzungen wie diese sind völlig normal und im Vergleich zu Projekten wie Wikipedia harmlos." Der Umstand, dass man sich bei der Online-Kommunikation nicht sehen könne, führe zu Missverständnissen und arte nicht selten in gegenseitigen Beschimpfungen und Beleidigungen aus. Ein Mitarbeiter von VroniPlag, einem Schwesterprojekt von GuttenPlag, über das etwa die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin fiel, sieht die Spannungen sogar positiv. "Es läuft eben ab, wie es in einem Wiki abläuft", sagt er und kann den Keilereien auch etwas Positives abgewinnen: "Zorn hält zum Beispiel die Demokratie am Leben. Und außerdem ist Zorn die Urkraft der Kreativität."

Und wie sehen es die noch aktiven Betreiber von GuttenPlag Wiki? Sie sagen es nicht, niemand wollte sich zu dem Zoff äußern.