HOME

Gutachten zu Stuttgart 21: Verstößt die Finanzierung gegen die Verfassung?

Scheitert Stuttgart 21 an schlecht geplanter Finanzierung? Dem Gutachten eines Verfassungsrechtlers zufolge verstößt die Verwendung von Landesmitteln bei dem Bahnhofsprojekt gegen das Grundgesetz. Baden-Württembergs Verkehrsministerin Tanja Gönner zeigt sich darüber "sehr verwundert".

Die Finanzierung des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart-Ulm durch das Land verstößt einem Gutachten der Grünen zufolge gegen die Verfassung. Sowohl der Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs als auch die ICE-Trasse nach Ulm sind demnach ausschließlich Bundesaufgaben. Baden-Württemberg habe gar nicht das Recht, das Projekt mitzufinanzieren, betonte der Verfassungsrechtler Professor Hans Meyer von der Berliner Humboldt-Universität am Montag in Stuttgart.

Die Grünen sehen sich in ihrer Auffassung bestätigt. Baden- Württembergs Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) zeigte sich dagegen "sehr verwundert". Das Bundesverkehrsministerium räumte unterdessen ein, sich über die Bewertung des Bundesrechnungshofs zur Finanzierung von Stuttgart 21 missverständlich geäußert zu haben.

Co-Finanzierung aus Landesmitteln verboten

Nach Angaben von Meyer hat das Grundgesetz die Co-Finanzierung von Bahn- oder Autobahnprojekten durch das Land verboten, damit sich reiche Bundesländer keine Bundesinvestitionen kaufen können. Land, Stadt, Region und Flughafen finanzieren das laut Bahn insgesamt sieben Milliarden Euro teure Vorhaben Stuttgart 21 gemeinsam. Für die ICE-Trasse Wendlingen-Ulm etwa gibt das Land rund 950 Millionen Euro. Der Tiefbahnhof und das Stuttgarter Tunnelsystem werde das Land laut Bahn-Schätzung 824 Millionen Euro kosten. Da die Verträge nichtig seien, könne das Land sein Geld zurückfordern oder gar nicht erst weiter zahlen, betonte Meyer.

Dagegen erläuterte Gönner, eine Anwaltskanzlei habe bereits 2007 der Landesregierung bestätigt, dass der Landeszuschuss rechtlich zulässig sei. Zwar sei der Ausbau des Schienennetzes Aufgabe des Bundes. "Es liegt aber auch im Interesse und im Aufgabenbereich des Landes, wenn über das Bahnprojekt der Regionalverkehr deutlich gestärkt und Impulse für regionale Wirtschaft gegeben werden."

Grünen wollen Geld zurückfordern

Nach den Worten von Grünen-Landesfraktionschef Winfried Kretschmann zeigt das Gutachten aus Berlin einmal mehr, wie unseriös das Bahnprojekt geplant sei. Sollten die Grünen nach der Landtagswahl im März 2011 das Sagen haben, werde man das Geld nicht zahlen beziehungsweise zurückfordern.

Die SPD-Fraktion im Landtag warf den Grünen vor, mit diesem Einwand der Rheintalstrecke und den Menschen dort zu schaden. Dort finanziert das Land ebenfalls mit, auch um einen besseren Lärmschutz zu erreichen. "Gerade im Rheintal zeigt sich doch, dass das Land nur dann eine bessere und menschenwürdigere Planung der Schienenwege erreichen kann, wenn es sich an den Kosten der Bahn beteiligt", sagte Fraktionsvize Nils Schmid.

Ramsauer räumt Missverständnisse ein

Ein Sprecher von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) räumte unterdessen Missverständnisse bezüglich einer Rechnungshofkritik ein. Der Bundesrechnungshof hatte in einem Schreiben betont, anders als von der Regierung behauptet, habe er nie sein Einvernehmen zu den Finanzierungsverträgen für den Umbau des Stuttgarter Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation und die ICE-Neubaustrecke nach Ulm erklärt.

Der Ministeriumssprecher sagte in Berlin, bei den Finanzierungsverträgen an sich bedürfe es gar keines Einvernehmens mit dem Rechnungshof, "da er da keine Zuständigkeit hat". Ihr Okay habe die Kontrollbehörde hingegen - unter Auflagen - für sogenannte Antrags- und Verwendungsprüfungen bei dem Projekt gegeben. Zu den Auflagen gehören eine ordnungsgemäße Vergabe von Aufträgen und aktualisierte Kostenschätzungen.

Von Roland Böhm/DPA / DPA