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Guttenbergs Auftritt in Halifax: Comeback des Besserwissers

Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurück: Im kanadischen Halifax erschien der Ex-Politstar im neuen Look und sparte nicht mit Kritik an seinen ehemaligen Kollegen.

Von Guiseppe di Grazia, Halifax

Wann ist es soweit, dass man sich als gefallener Held wieder blicken lassen kann? Sind acht Monate genug Zeit der Reue und Zurückhaltung für einen, der sich früher nie zurückhalten konnte und nur so strotzte vor Selbstvertrauen und Selbstgerechtigkeit? Und wo macht man das? Große Bühne, kleine Bühne? Zu Hause oder im Ausland? Und als was macht man das? Als Baron oder Ökonom? Als Denker oder Lenker?

Jede Antwort auf diese Frage sagt natürlich etwas aus über sein Comeback, das wusste Karl-Theodor zu Guttenberg, ehemaliger Verteidigungsminister der Deutschen, ehemaliger Superstar der Regierung Merkel und immer noch bekanntester Schummler der Republik.

Karl-Theodor zu Guttenberg wählte Halifax, im Osten Kanadas, aus, ein hochkarätig besetztes Forum zu Sicherheitsfragen, und er kam als Baron und Ökonom, als Denker und Lenker zurück. Oder in den Worten der Veranstalter gesagt: als "distinguished statesman", als angesehener Staatsmann. So wurde er hier vorgestellt, so wurde er in der Kurz-Biografie der Forum-Broschüre angepriesen. So sieht sich Guttenberg vermutlich ja immer noch selbst.

Guttenberg mit neuem Look

In Halifax trägt er einen eleganten, dunklen Anzug, blaue Krawatte dazu, so weit der Alte, aber er trägt keine Brille mehr, er hat kein Gel mehr im Haar, eine neue Frisur, aber dafür hat er einiges an Gewicht zugelegt, dickere Backen hat er, so sieht es zumindest aus der Entfernung aus, weil die Pressefrau vom Halifax Forum nicht erlaubt, näher an ihn heran zu treten. Guttenberg sieht nun so aus wie Lothar Matthäus, nur spricht er viel besser Englisch.

Guttenberg sitzt in einem weißen Sessel. Neben ihm zwei andere Männer auf der Bühne, Alan Mendoza von der Henry Jackson Society, einer Denkfrabrik in London, und der Menschenrechtler James Hoge, Vorsitzender von Human Rights. Sie sollen über die politischen Risiken durch die wirtschaftlichen Turbulenzen in der Welt diskutieren. Guttenberg wirkt ernst und ein wenig angespannt, bevor seine Diskussionsrunde losgeht. Er wird sich schnell entspannen und einen souveränen Auftritt hinlegen. Das ist man ja von ihm gewohnt. Aber nicht, dass er seine ehemaligen Kollegen so kritisiert. Guttenberg gibt in Halifax bei seinem Comeback nämlich den Vordenker und Kritiker und nicht nur den Politiker. Er fordert immer wieder von seinen ehemaligen Kollegen Visionen für die Europäische Union ein und keine kurzfristigen Lösungen.

Guttenberg spricht in Halifax wie einer, der sich vom Handeln der Politiker distanziert und diese bewertet - und nicht mehr als einer, der noch mittendrin ist und sich zurückhalten muss. So kann man sich profilieren, als Kritiker sowieso, aber auch als geignete Alternative zu den Ministern im Amt, egal, für welches Fach. Wirtschaft, Verteidigung, Außenpolitik. Oder auch als der, der die ganz große Übersicht hat: Kanzler. Hauptsache, man denkt immer zuerst an den Bürger.

"Die Krise ist den Deutschen nicht erklärt worden"

Über die Euro-Krise sagt Guttenberg: "Es ist nicht nur eine Eurokrise oder eine Schuldenkrise, sondern auch eine Krise des Verständnis. Die Deutschen wissen gar nicht, was für eine EU-Krise wir gerade haben, sie zucken mit den Schultern, wenn man sie danach fragt. Die Krise ist der deutschen Öffentlichkeit nicht erklärt worden." Er fordert von seinen Kollegen nicht mehr von einer Ad-hoc-Lösung zur nächsten zu stolpern, sondern langfristige Lösungen anzugehen und Entscheidungen nicht mehr "panisch" zu treffen.

Über die Zukunft der Europäischen Union sagt er: "Die EU wird überleben, aber es fehlt an Leidenschaft. Die Politiker erreichen die Menschen nicht, sie müssen ihnen aber Europa erklären, damit die Menschen verstehen, was Europa ist und sein kann. Was ist die Idee von Europa? Wie könnte die EU in 20 bis 25 Jahren aussehen?"

Guttenberg kritisiert Europas Politiker auch dafür, dass sie die Zeichen der Zeit nicht richtig erkennen: „Die Verschiebung der Macht ist offensichtlich, aber die Europäer haben es nicht auf dem Schirm.“ Europa habe lange geschlafen und müsse jetzt aufwachen. Die USA orientiere sich mittlerweile mehr an den Ländern im pazifischen Raum und nicht mehr so wie früher an denen im Atlantik. Guttenberg mahnt seine Kollegen: "Wenn wir in Europa wenigstens eine Position gegenüber den asiatischen Staaten hätten. Ich sehe da im Moment nicht viel und es ist höchste Zeit damit anzufangen."

Alles wie gehabt: Guttenberg weiß sich zu verkaufen

Er spricht auch kurz über die von ihm eingeleitete Bundeswehrreform, preist sie als Modell für andere Staaten an. Guttenberg weiß noch immer, sich und seine umstrittenen Leistungen zu verkaufen.

75 Minuten dauert die Veranstaltung, die Moderatorin Pamela Wallin, eine kanadische Politikerin, erteilt Guttenberg auffällig oft als erstem das Wort: "Karl-Theodor... bitte." Bei all seinen Antworten behält Guttenberg seinen ernsten, ja manchmal fast grimmigen Ausdruck im Gesicht. Nur einmal lächelt er. Als die Moderatorin von ihm wissen möchte, wie es sei für ihn, nun von Amerika aus auf Europa zu schauen, sagt er über den Perspektivwechsel: "Es ist reizvoll von hier aus nach Europa zu blicken, es ist sehr interessant."

Vor ein paar Tagen, verrät er später, sei er an der Wall Street gewesen, um sich vor Ort ein Bild von den Demonstranten zu machen, noch bevor das Camp von der Polizei geräumt wurde. Guttenberg sagt, Bewegungen wie Occupy-Wall-Street seien ein Warnsignal. "Wir sollten vorsichtig sein, wir sollten sie ernst nehmen, wir wissen nicht, was da noch kommen kann in den nächsten Wochen und Monaten."

Kein Wort zur Plagiatsaffäre

Im Saal Commonwealth A des Westin Hotels sitzen etwa 300 Teilnehmer, in den ersten Reihen Hochkaräter der internationalen Politik, John McCain etwa, der 2008 gegen Obama um die amerikanische Präsidentschaft kämpfte. Viele wichtige Verteidigungsminister sind da, der Amerikaner Leon Panetta, der Israeli Ehud Barka, auch der Kanadas und der aus Frankreich, aber nicht Thomas de Maizière, der aktuelle deutsche Verteidigunsminister, aber dafür eben Guttenberg, sein Vorgänger. Alles "decision maker", alles Leute, die wichtige Entscheidungen treffen Tag für Tag. Leute, die sich als Elite sehen. Guttenberg war immer schon Teil von ihnen, schon bevor er Minister war. Er fühlt sich unter ihnen wohl und sie sind ihm wohlgesonnen. Peter van Praagh, der Direktor des Halifax Forums, hat ihn eingeladen, weil "wir von seiner Erfahrung profitieren wollen". Auf die Plagiatsaffäre wird er ihn bestimmt nicht ansprechen und auch keiner der anderen Teilnehmer hier.

Halifax ist so der perfekte Ort für ein Comeback, wie es sich Guttenberg vorstellt. Er steht im Mittelpunkt, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Er weiß, dass über ihn berichtet wird, er braucht dazu nicht mal etwas zu sagen.

In Halifax kam er erst am Freitagabend an, mit der letzten Maschine aus New York, er nahm nicht am Gala Dinner teil. Er hält sich sehr zurück, wenn andere auf der Bühne sprechen, sitzt Guttenberg in den hinteren Reihen. Mit den deutschen Journalisten macht er ein Versteckspiel. Seine Diskussionsrunde ist eine der wenigen, bei der die Reporter komplett ausgeschlossen sind. Auch stellt er sich nach seiner Runde nicht der Presse wie andere Teilnehmer bei diesem Forum das tun. Er möchte nicht sprechen, sagt einer der Medienbetreuer in Halifax. Die Organisatoren sind eh irritiert, was für eine Aufregung ihr Gast aus Deutschland auslöst, er lenkt vom eigentlichen Grund ihres Forums ab, einer der Veranstalter sagt: "Das war uns vorher nicht bewusst."

Auf leisen Sohlen zum Deutschland-Comeback?

So kann man Guttenberg nicht fragen, ob es stimmt, dass er an einer neuen Doktorarbeit schreibt, wie die Mitteldeutsche Zeitung berichtet, um so die Familienehre wieder herzustellen, wie es sein Vater von ihm gefordert haben soll.

So kann man ihn nicht fragen, wie er sich nun nach seinem Umzug von Kulmbach nach Connecticut fühlt, nicht fragen, was er bisher für die Denkschmiede "Center for Strategic and International Studies" in Washington an Ideen entwickelt hat.

So kann man ihn nicht fragen, ob und wann er wieder in Deutschland auftreten wird. Und auch nicht, wann das Verfahren gegen ihn wegen einer möglichen Verletzung des Urheberrechts abgeschlossen ist.

Wenn man Guttenberg in Halifax erlebt hat, dann ahnt man, wie er sich seine Rückkehr zuerst in die Öffentlichkeit und später auch in den Politikbetrieb vorstellt: in kleinen, leisen Schritten, die trotzdem jeder mitbekommen soll. Zwei Jahre lang soll das so gehen, hat mal einer aus dem CSU-Umfeld gesagt.

Aber kann so einer wie Karl-Theodor zu Guttenberg, ein geborener Sprinter, dieses gemächtliche Tempo wirklich einhalten?