VG-Wort Pixel
Teaser Gemeinsam gegen Corona

Häusliche Gewalt "Sie sagte mit letzter Kraft: Johann, du bist ein Frauenschläger"

Männer, die in ihren Beziehungen gewaltätig geworden sind

© Bettina Flitner
Drei Männer bekennen, dass sie ihren Partnerinnen Gewalt angetan haben. Und sagen, was sie heute darüber denken. 
Von Matthias Bolsinger und Bettina Flitner (Fotos und Protokolle)

Man kann sie hören, als dumpfen Schrei aus der Nachbarwohnung. Man kann sie sehen, wenn sie Kratzer und Hämatome an den Körpern der Opfer hinterlässt. Meist aber bleibt häusliche Gewalt im Verborgenen. Anonym. Wie die Täter.

Jede Stunde wird in Deutschland im Schnitt mehr als eine Frau in der Partnerschaft gefährlich verletzt. Die Fotografin Bettina Flitner wollte wissen, wer so etwas tut und warum. Dafür hat sie mehrere Beratungsstellen besucht. Drei Männer erklärten sich bereit, im stern zu erzählen, wie sie zu Tätern wurden: Sascha, Johann, Sabri.

Flitner suchte auch in der Detmolder Straße 21 in Paderborn. Dort, bei der Männerberatung des Vereins „KIM“, spricht Sozialarbeiter Jochen Hunold-Berle mit Männern, die Frauen demütigen, schlagen, treten. Und die endlich damit aufhören wollen.

Manche Männer melden sich freiwillig, weil sie ihre Beziehung retten wollen. Weil die Kinder Panik vor ihrem zornigen Vater haben. „Diese Männer kommen zu uns und sagen: Ich will doch gar nicht so sein“, sagt Hunold-Berle. Andere werden von Jugendamt und Gericht geschickt. Zum Beispiel weil ihre Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde – unter der Bedingung, dass sie an einem Täterprogramm teilnehmen.

In Täterprogrammen sollen Männer ihre Gefühle besser verstehen lernen. Sollen etwa begreifen, dass Eifersucht nicht mit der Partnerin zu tun hat, sondern mit der eigenen Unsicherheit. Vor allem aber sollen sie trainieren, in Konflikten nicht mehr zu brüllen, zu randalieren. Und nicht mehr zuzuschlagen.

Gewalt, so der Leitgedanke der Programme, ist nicht angeboren. Man hat damit irgendwann angefangen. Also kann man auch aufhören.

Mehr als 140.000 Fälle partnerschaftlicher Gewalt registrierte das Bundeskriminalamt im Jahr 2018. Zu diesen Delikten zählen unter anderem Bedrohung, Körperverletzung, Vergewaltigung, Totschlag und Mord. Tendenz seit Beginn der Erhebung vor sechs Jahren: steigend. In vier von fünf Fällen war das Opfer eine Frau, der Tatverdächtige ein Mann. In jedem zweiten Fall lebte die Frau mit dem Mann unter einem Dach.

Zwei große Fragen stellen sich in der Arbeit mit Tätern: Warum misshandeln diese Männer ihre Frauen? Und wie macht man aus Schlägern gute Partner und Väter? Die Antworten zu finden ist die Aufgabe von Menschen wie Hunold-Berle. Das Täterprogramm, das er leitet, ist eines von bundesweit 76, die sich unter einem Dachverband zusammengeschlossen haben. Mit dem Gruppentraining hat er vor etwa sieben Jahren begonnen. Seitdem sind jedes Jahr mehr Männer zu ihm gekommen, vergangenes Jahr waren es rund hundert.

Sie treffen sich einmal pro Woche zu zehnt. Mit Hunold-Berle rekonstruieren sie ihre Taten, legen sie unters emotionale Mikroskop. Wie genau hat sich der Konflikt entwickelt? Wie haben sich die Männer dabei gefühlt? Was verletzt sie? Der Sozialarbeiter konfrontiert die Männer, wenn sie leugnen. Er spricht mit ihnen über ihre Vorstellungen vom Mann- und Vatersein. Darüber, was die Gewalt bei ihren Frauen und Kindern anrichtet. Und er erarbeitet mit ihnen individuelle „Sicherheits-“ oder „Notfallpläne“: Alkohol meiden zum Beispiel, Abstand halten, keine Gegenstände in die Hand nehmen, den Streit für eine Auszeit abbrechen, um wieder runterzukommen.

Die, die da kommen, sind zwischen 20 und 50, mit und ohne Migrationshintergrund und aus allen Berufsgruppen: Handwerker, Kommissar, Schulleiter. Hunold-Berle erzählt von einer der ersten Sitzungen. Da habe sich ein Häftling im Stuhlkreis neben einen Ingenieur gesetzt. Der verdutzte Ingenieur habe gemeint: Ich glaube, ich bin falsch in der Gruppe. Der Häftling habe geantwortet: Uns unterscheidet nur, dass ich angezeigt wurde – und du nicht.

Häusliche Gewalt kennt keine sozialen Grenzen. Die Hälfte der Fälle schwerer sexueller und körperlicher Gewalt in Partnerschaften wird laut einer Studie des Familienministeriums von Männern mit einem niedrigen bis mittleren Bildungsgrad verübt. 37 Prozent der Täter aber haben Abitur oder Hochschulabschluss.

Erste Studien verweisen auf langfristige positive Effekte der Täterarbeit. Wie wirksam die Programme im Einzelfall sind, sei aber oft schwer zu sagen, sagt Hunold-Berle. Rückmeldungen erhalte er manchmal von Jugendämtern, Eheberatern, Partnerinnen – und von den Männern selbst. „Meine Erfahrung ist: Bei denen, die das Programm durchziehen, zeigt es Wirkung.“

Johann, Student

"Ich habe mir eingeredet, dass ich so etwas nie tun würde"

„Es hat angefangen am Vortag, abends. Ich war beim Friseur, hatte mir die Haare schneiden lassen, bei Karin*. Ich fand’s gut, meine Freundin fand’s katastrophal. Sie sagte: ,Du warst nicht bei Karin.‘ Ich: ;Doch, ich war bei ihr.‘ Und sie immer wieder: ,Du warst nicht bei Karin.‘ Und ich: ,Doch, ich war bei ihr.‘ Und das gefühlte tausend Mal. Irgendwann bin ich ins Bad gegangen und hab die Haarschneidemaschine genommen, Aufsatz 18 mm, und habe alles komplett weggeschnitten. Ich guckte in den Spiegel und sah scheiße aus. Sie kam an, ist mir durch die Haare gegangen und hat gesagt: ,Jetzt sieht es toll aus.‘ Ich war einfach nur pissed, genervt von der ganzen Situation und auch von der Frisur.

Johann
Er schlug seine Freundin - und ging noch am selben Tag in eine Männerberatung
© Bettina Flitner

Am nächsten Tag wollte ich ein bisschen was fürs Studium tun. Sie kam wieder an, und mit irgendwas hat sie mich wieder genervt. Da hatte sich halt schon so einiges gesammelt. Und jetzt ging das wieder los. Monitor ausgemacht, ich wieder angemacht. Maus weggenommen. So ging das hin und her. Sie hat gesagt: ,Ich habe heute meinen freien Tag. Und anstatt was mit mir zu machen, sitzt du da und zockst.‘

Es hat sich immer höher geschaukelt

Ich bin dann irgendwann in die Küche und habe mir ein Bier aufgemacht. Morgens. Da hielt sie mir wieder einen Vortrag. Wieder vor mich gesetzt. Hier bin ich, schenk mir Beachtung. Es war einfach alles anstrengend. Irgendwann hat sie mir das Bier weggenommen. Ich habe sie dann vom Tisch auf den Stuhl geschubst, mit unschönen Worten, vermutlich so was wie ,Verpiss dich‘. Ich habe was gesagt, sie hat was gesagt. Das hat sich immer höher geschaukelt. Keiner von uns beiden hat aufgehört. Und es wurde auch immer verletzender. Von ihr und von mir. Wir waren seit Monaten zusammen, da kennt man die wunden Punkte. Dinge, von denen man weiß: Die tun weh.

Mein Leben vorher lief eigentlich. Ich konnte im Prinzip machen, was ich wollte. Mit Freunden essen gehen oder am Wochenende feiern, war alles drin. Das wurde mit ihr immer weniger. Ich hatte schon lange das Gefühl, dass ich die Kontrolle über mein Leben verloren hatte. Sie hat gesagt, sie liebt mich, und hat eigentlich nur versucht, mich zu ändern. Sie fand die Musik nicht gut, die ich hörte, meine Freunde mochte sie nicht. Eigentlich hat sie alles kritisiert, was mich ausmacht. Der Käfig wurde jeden Tag ein Stück enger.

An diesem Morgen konnte ich den Frust, die Wut, die in mir drin war, nicht mehr mit Worten ausdrücken. Sie sollte einfach auf­hören. Theoretisch hätte ja auch ich aufhören können ...

Ich habe dann das Physikbuch genommen und es ihr über den Kopf gezogen. Daraufhin hat sie mir das Buch aus der Hand genommen und Seiten rausgerissen.

Ich weiß nicht mehr, ob da ein Pullover lag, oder ob sie den um die Schultern hatte. Ich habe auf jeden Fall die Ärmel genommen und dann ein Mal kurz und fest zugezogen. Sie hat geröchelt. Ich glaube, da kamen auch schon die Tränen.

Im Angriffsmodus

Ich habe sie an den Schultern gepackt und in die Ecke geschmissen. Ich habe auch gar nicht gemerkt, wann sie angefangen hat zu weinen. Erst als sie da zusammengekauert saß, habe ich es gesehen. Und eigentlich war mir da schon klar, was ich für eine Scheiße gemacht habe. Ich war aber trotzdem noch im Angriffsmodus.

Irgendwann bin ich dann runter zu ihr, um sie in den Arm zu nehmen. Was eine ganz dumme Idee war. Man will ja nicht un­bedingt von der Person getröstet werden, die einen gerade körperlich und seelisch verletzt hat. Sie hat mich weggeschubst und mir eine Backpfeife gegeben. Daraufhin habe ich ihr in den Magen gehauen. Ein kleines bisschen Restkontrolle hatte ich noch. Obwohl ich außer mir war, habe ich ihr bewusst nicht ins Gesicht geschlagen. Dann wäre ich an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr zurückgekonnt hätte. Dann hätte ich die Kontrolle komplett verloren.

Sie hat am ganzen Körper gezittert. Und dann irgendwann mit bebender Unterlippe gesagt: ,Ich hole jetzt die Polizei.‘ Ich habe gesagt: ,Nee, das machst du nicht.‘ Und ihr das Telefon weggenommen. Da habe ich erst wirklich gemerkt, dass sie wahrscheinlich Todesangst hatte. Sie hat mich angeguckt und mit letzter Kraft und wahrscheinlich letztem Mut gesagt: ‚Johann, du bist ein Frauenschläger!‘

Patz. Das war, als wenn einen plötzlich ein Laster überrollt. Mein Körper ist komplett zusammengesackt. Die ganze Wut und Aggression war mit einem Schlag weg. Frauenschläger. Ich dachte: schöne Scheiße, die du da fabriziert hast. Fuck. Wir saßen beide auf dem Boden, ich weiß nicht, wie lange. Ich war völlig geschockt von mir selber. Im Endeffekt wusste ich, dass sie recht hatte. Nach dieser Tat war ich es. Ein Frauenschläger. Irgendwann saßen wir im Wohnzimmer und haben angefangen zu reden. Ich habe mich Millionen Mal entschuldigt.

Ich kann das nicht ungeschehen machen

Aber da wusste ich schon, dass wir uns trennen müssen. Da gab es kein Zurück mehr. Sie hatte Sachen in mir ausgelöst, die schrecklich waren. Und ich wusste, ich kann das nie wieder ungeschehen machen. Es wird immer da sein.

,Mann schlägt seine Frau und seine Kinder.‘ Wenn ich das früher von anderen Leuten gehört oder im Fernsehen gesehen habe, habe ich es immer verabscheut. Ich habe mir eingeredet, dass ich so etwas nie tun würde. Da war ich mir so was von sicher. Ich kannte das auch von meiner Familie überhaupt nicht. Und plötzlich passiert es. Auf einen Schlag war mein Selbstbild zerstört. Und dann kommen die Selbstzweifel. Du stellst plötzlich ganz viel infrage.

Am gleichen Tag, an dem es morgens passiert war, bin ich zur Männerberatung. Ich hatte auch ehrlich gesagt im Hinterkopf, dass sie mich vielleicht anzeigt. Ich wollte die Anzeige abwenden.

Es hat zwei Monate gedauert, bis ich in die Gruppe konnte. Da hatten wir uns schon getrennt. Was man bekommt, ist Hilfe, aber ganz anders, als ich dachte. Am Schluss kommt die Tatrekonstruktion. Das ist heftig. Man sitzt in der Gruppe und muss alles ganz genau schildern. Es ist paradox: Man versucht, die Tat zu vergessen, aber man muss sich gleichzeitig erinnern. Im Vergleich zu den anderen zehn war meine Geschichte ehrlich gesagt ziemlich krass. Top 3, würde ich sagen. Puh.

In der Therapie ist die Schuldfrage wichtig. Es wird einem klargemacht, dass man selber für sein Handeln verantwortlich ist. Aber es ging auch um grundlegende Dinge: Was sind meine Ziele? Was ist mir eigentlich wichtig im Leben? Ich habe Reflektieren gelernt. Das habe ich eigentlich die ganzen Jahre nicht wirklich gemacht. Gefühle auch im Körper erkennen. Bin ich jetzt wütend, oder bin ich jetzt enttäuscht? Der Puls rast, die Halsschlagader pulsiert, die Faust zieht sich zusammen. Wenn man das spürt, kann man noch eine Entscheidung treffen.

Meiner jetzigen Beziehung habe ich es erzählt. Ich habe viel darüber nachgegrübelt, mir Vorwürfe gemacht. Ich bereue, dass ich das getan habe. Aber ich lebe damit. Das ist jetzt ein Teil von mir.“

*Name von der Redaktion geändert

Sabri, Fahrer

"Sie hat angefangen, Widerworte zu geben. Das kannte ich nicht"

„Meine Freundin und ich, wir haben uns kennengelernt, da waren wir beide noch sehr jung. In den ersten drei Jahren, da ist man noch verliebt, aber mit dem ersten Kind gingen die Schwierigkeiten los. Da war plötzlich Verantwortung, Stress. Irgendwann ist die Liebe weggegangen und auch der Respekt.

Sabri, 31, Fahrer
„Irgendwann ist die Liebe weggegangen und auch der Respekt“
© Bettina Flitner

Wir hatten oft Streit. Ich habe dann alle möglichen Gegenstände in der Wohnung kaputt gemacht: Spiegel, Glastür, Tisch. Worum es ging? Ich habe ihr zum Beispiel gesagt, was sie anziehen soll. So wie ich das von meiner Familie kannte. Ich wollte nicht, dass sie mit einem kurzen Rock oder einem durchsichtigen Oberteil auf die Straße geht. Weil ich ja weiß, wie die Jungs reden. ‚Guck mal, die hat einen Tanga drunter‘ und so was. Ich wollte einfach nicht, dass die bei meiner Freundin, meiner Frau, solche Hintergedanken haben.

Früher, da hat sie gemacht, was ich gesagt habe. Vielleicht aus Angst. Aber irgendwann hat sie angefangen, Widerworte zu geben. Das kannte ich nicht. Meine Geschwister durften mir nie Widerworte geben. Da hieß es: ‚Rede mit deinem großen Bruder vernünftig.‘ Dann habe ich mich stolz gefühlt. So bin ich erzogen worden. Das ist bei uns Tradition: die Achtung vor dem Vater und vor dem ältesten Bruder, dem Abi. Ich habe gedacht: Warum verändert die sich plötzlich? Wer sagt ihr so was? Hat sie einen anderen Freund? Ich habe angefangen, sie zu kontrollieren, ihr Handy zu überwachen. Es war ihre beste Freundin. Die hatte schon eine Trennung hinter sich und kannte die Gesetze.

Da hat sie alle Achtung vor mir verloren

Eines Tages, es war Karneval, hatte sie so enge und kurze Sachen an. Ich habe gesagt: Das ziehst du nicht an! Sie ist trotzdem gegangen. Am Abend gab es dann Streiterei. Da habe ich ihr eine Ohrfeige gegeben und ihr auf den Rücken geschlagen. Sie hat stark geblutet, an Nase und Lippe. Ich bin raus und habe erst mal eine Zigarette geraucht und dachte: Jetzt hast du Scheiße gebaut. Ich habe mich entschuldigt, aber es war schon zu spät. Ich glaube, da hatte sie alle Achtung vor mir verloren.

Am nächsten Tag hat sie abgewartet, bis ich zur Arbeit gegangen bin. Und dann hat sie alles durchgezogen: Sie hat ihre Sachen gepackt, die Kinder genommen und ist gegangen. Zu ihrer Mutter. Ich bin sofort dahin. Und da hat sie so richtig Klartext geredet. Ihre ganzen Gedanken, die sich über Jahre in ihrem Kopf gesammelt hatten. Sie hat mir gesagt, dass sie sich von mir trennt, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben will, dass sie eine eigene Wohnung sucht. Und dass sie mich wegen Körperverletzung angezeigt hat.

In den darauffolgenden Monaten habe ich sie regelrecht verfolgt. Ich wollte wissen, ob sie mit jemandem zusammen war. Überall habe ich sie geortet, per GPS im Auto und auf dem Handy. Ich war Dutzende Male vor ihrer Haustür. Ich war hartnäckig, stur und aggressiv. Sie war sehr selbstbewusst geworden und hat mich mehrfach angezeigt.Jedes Mal musste ich 500 Euro zahlen. Ich habe gezahlt, das war mir egal. Ich hatte nur eins im Kopf: Ich kann niemals ohne sie leben.

Ich hatte Angst vor mir selber

Eines Tages hat sie mir gesagt, dass sie einen neuen Freund hat. Aus. Ich bin total abgestürzt. Ich habe angefangen zu trinken, Drogen zu nehmen. Ich wollte Selbstmord machen. Und da hatte ich großes Glück. Genau in diesem Moment ruft mein bester Freund an. Er sagte, ich brauche dich, komm her. Das hat mich gerettet. Ich bin aufgewacht. Ich habe alle Drogen weggeworfen, den Alkohol auch. Ich war am Leben. Aber ich hatte Angst vor mir selber.

Ich bin der Älteste von acht Kindern. Wenn früher jemand meine Familie beleidigt hatte, ein Bruder Probleme draußen hatte, dann habe ich das geregelt. In allen türkischen und arabischen Familien ist das so. Es geht immer um Stolz, um Ehre, um Stärke. Bei uns sagt man: Aslan olum. Kämpfen wie ein Löwe. Man wird mit solchen Sprüchen groß. Man darf nie deinem Gesicht ansehen, dass du Stress hast. Das ist gegen die Ehre. Diese Erziehung finde ich heute falsch.

Die Väter stehen in unseren Familien an der Spitze. Aber ich will meine eigenen Erfahrungen machen. Ich kann mir gerne einen Rat anhören, aber wenn ich es anders machen will, mache ich es anders. Wenn mein Vater sich heute einmischt, wenn er findet, dass meine heutige Frau nicht richtig angezogen ist, dann sage ich: „Hör zu, Papa: Ich bin jetzt alt genug, um selbst zu entscheiden.“

Früher hat mein Vater gesagt: ,Achte darauf und achte hierauf, mein Sohn.‘ Und hat sich sehr in mein Leben eingemischt. Heute frage ich bei Problemen: ,Leute, hört mal, wer kennt sich damit aus?‘ Das muss ja nicht immer die Familie sein. Früher habe ich meine Meinung immer für mich behalten. Heute sage ich, was ich denke. Ich bleibe respektvoll, aber bestimmt. Das hätte ich mir vorher niemals vorstellen können.

Damals hatte ich vom Richter die Auflage bekommen, eine Gewaltberatung zu machen. 18 Stunden, über acht Monate verteilt. Als ich in der ersten Stunde der Beraterin gegenübergesessen habe, dachte ich: ,Wo bin ich hier gelandet? Was soll das hier?‘ Ich sollte einen Fragebogen ausfüllen. ,Welche Art von Gewalt haben Sie ausgeübt?‘ Da habe ich reingeschrieben: ,Ich habe keine Gewalt ausgeübt.‘ So habe ich da noch gedacht.

Geh da hin! Die können dir helfen!

Aber so langsam habe ich gemerkt, die will mir gar nicht böse. Es war wieder mein bester Freund, der mich bestärkt hat. ,Geh dahin. Das sind gute Leute. Du kannst mit ihnen über alles reden. Die können dir helfen.‘ Er hatte selber gute Erfahrungen mit denen gemacht. Nach der vierten oder fünften Stunde war ich offen. Die Beraterin konnte als Frau auch meine Frau verstehen. Sie hat mir neue Wege gezeigt. Miteinander reden. Bewusst nicht schreien. Wenn mal was ist, rausgehen, frische Luft schnappen.

Ich hatte alles verloren, meine Frau, meine Kinder, mein Haus, mein Auto. Ich habe meine neue Frau geheiratet, wir haben gerade eine Tochter bekommen. Ich kann sagen, dass sich mein Leben um 360 Grad gedreht hat. Es ist sehr anstrengend, seinen Charakter zu ändern, und das geht nicht von heute auf morgen. Ich bin seit drei Jahren dran. Schritt für Schritt. Manchmal schaue ich auf mich und denke: Das hätte ich niemals von mir gedacht.

Meine heutige Frau findet das auch gut, dass ich das hier gemacht habe, sie merkt ja auch meine Veränderung. Früher habe ich gedacht: Die Frau ist mein Eigentum. Heute braucht mir niemand mehr mit Eigentum zu kommen. Wenn dir jemand fremdgehen will, dann geht der fremd. Früher habe ich andere Männer böse angeguckt, wenn sie meine Frau angeschaut haben. Wenn heute jemand meiner Frau Komplimente macht – warum denn nicht? Auch meinen Kindern gegenüber habe ich ein anderes Verhalten. Erst jetzt habe ich verstanden, dass die Kinder früher Angst vor mir hatten.

Früher habe ich den Sohn immer an die erste Stelle gesetzt. Der war mein Stolz, der wird meinen Namen weitertragen. Mein Sohn durfte alles, zu der Tochter war ich streng. Auf einmal habe ich mich gefragt: Warum? Wieso? Nur weil der einen Pipimann hat? Heute behandele ich meine Tochter und meinen Sohn gleich.“

Sascha, Frührentner 

"Ich sehe sie da noch liegen, reglos"

„Wie es dazu gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Es müsste 2008 gewesen sein. Europameis­terschaft. Deutschland im Endspiel. Gegen Spanien. Und Deutschland verliert. Ich hatte Alkohol getrunken. Ich muss schon ein bisschen randaliert haben. Warum mir die Hand gegen meine Frau ausgerutscht ist, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht hat sie so was gesagt wie: ,Ist doch nicht so schlimm, ist doch nur Fußball.‘ Ich habe sie von jetzt auf gleich aus dem Sitzen heraus so auf den Rücken geschlagen, dass sie zu Boden ging.

Sascha, 38, ehemaliger Maurer, Frührentner
„Mein Problem ist eigentlich nicht die physische, sondern eher die psychische Gewalt“
© Bettina Flitner

Ich sehe sie da noch liegen, reglos. Mein erster Gedanke war, ich hätte sie umgebracht. Ich glaube, ich habe dann den Kranken­wagen gerufen. Sie hat den Sanitätern gesagt, sie sei gestürzt. Zwei Tage später war sie wieder zu Hause. Das war das erste Mal, dass ich gewalttätig gegen meine Frau geworden bin. Ungefähr drei Jahre später ist es noch mal passiert. Aber daran habe ich keine Erinnerung mehr. Nullkommanull, völlig weg. Als ob es nie geschehen ware.

Ich habe meine Frau mundtot gemacht

Mein Problem ist eigentlich nicht die physische, sondern eher die psychische Gewalt. Ich komme von null auf 180 in einer Sekunde. Auch auf der Straße bei fremden Menschen. Wenn ich mich provoziert fühle, ist verbal kein Ende in Sicht. Da ist es egal, ob Mann oder Frau, ob alt, ob jung. Die pure Wut. Das war auch das Problem mit meiner Frau. Wenn wir gestritten haben, habe ich schlimme Dinge gesagt: ,Du behindertes Kind.‘ ,Du Fotze.‘ ,Du Hure.‘ Nie auf Augenhöhe. Immer von oben nach unten. Ich habe meine Frau mundtot gemacht. Bis sie fertig war. Heulend auf dem Sofa, kein Wort mehr gesprochen. Danach fühlte ich Genug­tuung: Ich hatte gewonnen. Ich hatte das letzte Wort. Ich hatte gezeigt, dass ich der Chef bin.

Ich war wirklich richtig böse. Früher fand ich das normal. Ich habe gar nicht gemerkt, was ich damit anrichte. Dass ich böse werde bei jeder Scheiße. Mein Vater war noch schlimmer. Viel schlimmer. Er hat richtig geschlagen. Und sein Vater war wohl auch schon so. Meine Mutter und auch meine Stiefmutter hat er grün und blau geschlagen. Alle wussten das, aber keiner hatte den Mut, sich gegen ihn zu stellen. Wir Kinder sowieso nicht. Meine Mama hat sich deshalb von ihm getrennt. Heute hat er Alzheimer und denkt, er sei ein guter Mensch gewesen ... Wenn ich meiner Mama früher erzählt habe, dass es bei uns wieder Streit gab, hat sie bitterlich geweint und gesagt: ,Du bist wie dein Vater.‘

Die Wut muss raus

Ich bin auch der schlechteste Verlierer, den ich kenne. Meine Frau sagt, sie spielt aus Spaß. Und ich spiele, um zu gewinnen. Mit der Playstation spiele ich viel Fußball. Aber da muss nur ein Gegentor fallen und schon knalle ich das Ding an die Wand. Da wurde schon mal der Controller in den Fernseher geworfen. Zwei, drei Fernseher sind auf diese Weise kaputtgegangen. Die Wut muss raus. Als ob man ferngesteuert ist, als ob das nicht ich bin.

Und dann ist alles so, als ob nie was gewesen wäre. Zumindest für mich. Meine Frau hatte Angst.

Meine Frau hat das früher alles immer weggesteckt. Auch für die war es danach alles wieder normal. Vorgespielt oder nicht. Früher gab es immer nur meine Meinung. Wenn ich gesagt habe: Wir machen das! Dann haben wir das gemacht. Dass es so eine ein­seitige Sache war, ist mir noch nicht mal aufgefallen ist. Es lief ja.

Die letzten zwei Jahre war es plötzlich anders. Sie konnte einfach nicht mehr damit umgehen. Sie hat viel geweint. Oder sie hatte eine ganz steinerne Miene. Einmal hat sie sogar gesagt, dass sie lieber auf der Arbeit ist als zu Hause. Sie wollte schon lange zur Eheberatung. Ich habe immer gesagt: Komm, wir kriegen das schon hin. Dann wurde es aber ein-, zweimal so schlimm, dass sie gesagt hat: Jetzt gehe ich. Und dann habe ich gewusst, wenn wir das jetzt nicht machen, dann ist es vorbei. Ich war es, der den Termin gemacht hat. Und der Beraterin war ganz schnell klar, dass ich ein Problem habe. Und die hat mir dann empfohlen, zur Männerberatung zugehen. Ich habe immer von mir gedacht: Ich bin ein schlechter Mensch. Ich habe gedacht, man kann sich nicht ändern, man ist einfach so, wie man ist. Ich hatte mir schon oft etwas vorgenommen. Ab morgen machst du Diät, ab morgen suchst du dir eine Arbeit. Ich habe nie etwas davon gemacht.

Jetzt versuche ich zum ersten Mal, etwas in meinem Leben zu ändern. Seit ich meine Frau kenne, mache ich zum ersten Mal wirklich das, was ich versprochen habe. Einmal die Woche Männerberatung. Obwohl ich fast jeden Dienstag gedacht habe: Ich habe gar keinen Bock. Aber wenn du dann da bist, bist du froh. Und wenn man so die anderen Geschichten hört, denkt man: ,Ich bin ja nicht der Einzige mit dem Problem.‘ Das bestärkt einen, weiterzumachen. Ich bin ein Jahr lang dahin gegangen, länger als jeder andere.

Als ich meine Frau kennengelernt habe, saß ich schon zwei Jahre im Rollstuhl. Ein Arbeitsunfall auf der Baustelle, eine 600 Kilo schwere Holzplatte ist auf mich gestürzt. Seitdem arbeite ich nicht mehr. Sollte ich aber eigentlich wieder. Früher haben wir immer alles zu zweit gemacht. Wir waren immer nur in unserer Blase. Neulich bin ich, nach neun Jahren, zum ersten Mal zu einem guten Freund alleine gefahren. Das hat auch mit der Beratung zu tun.

Unsere Ehe hat sich verändert, seit ich zur Männerberatung gegangen bin. Wenn wir uns jetzt streiten, achte ich darauf, dass ich nicht mehr unter die Gürtellinie gehe. Ich überlege vorher, was ich sage. Ich warte fünf Minuten, und dann ist es meistens schon weg. Meine Frau hat natürlich trotzdem noch Angst bei jedem Streit. Aber von zehn Mal schaffe ich mittlerweile neun.

Ich hatte früher nie Respekt vor ihrer Arbeit, sie ist Haus­wirtschafterin, ich dachte, das kann doch jeder. Inzwischen interessiere ich mich dafür, was sie da erlebt. Es kommt sogar jetzt häufiger vor, dass sie das letzte Wort hat. Sie ist selbstbewusster geworden. Sie fragt nicht mehr, können wir das oder das machen, sondern sie sagt jetzt öfter: Wir machen das. Ich hätte nie gedacht, dass das funktioniert. Verlieren kann ich immer noch schlecht, aber inzwischen haue ich dann nur mit der Hand auf den Tisch, und dann ist schon Schluss.“

#sicherheim ist eine Aktion der UFA, der Agentur „Die Botschaft“ sowie der ­Bertelsmann Content Alliance, zu der neben der UFA auch die Mediengruppe RTL, RTL Radio Deutschland, die ­Verlagsgruppe Random House, die BMG und der Verlag Gruner + Jahr gehören, in dem der stern erscheint. Mehr unter sicherheim.org.

Erschienen in stern 04/2020

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker