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Private Flüchtlingshilfe: Hamburger Ärztefamilie schenkt syrischem Flüchtling ein neues Leben

Rund drei Monate sind vergangen seitdem der Hamburger Arzt Thomas Dreyer den Geflüchteten Bashar M. mit einer Bürgschaft nach Deutschland holte. In seiner Heimat wurde der Syrer verfolgt und gefoltert, hier ist er in Sicherheit. Was hat ihm das neue Leben bisher gebracht?

Von Kathrin Mansfeld

Wiedersehen in Sicherheit: Bashar M. und seine Familie aus Hamburg fallen sich stürmisch in die Arme.

Wiedersehen in Sicherheit: Bashar M. und seine Familie aus Hamburg fallen sich stürmisch in die Arme. 

Seit Monaten geistern die immer gleichen Bilder durch die Medien: Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer oder landen, ausgemergelt und erschöpft von der langen Flucht, an den europäischen Küsten. Oftmals schwer traumatisiert, schleppen sich die Überlebenden mit letzten Kräften ans Festland - dankbar, die gefährliche Reise überlebt zu haben, und voller Hoffnung auf ein neues Leben in Sicherheit. Thomas Dreyer, seine Frau und seine Eltern haben einem Syrer diese Strapazen erspart und wurden dabei vom NDR begleitet. Durch ihre gemeinschaftliche Bürgschaft konnte Bashar M. aus Damaskus sicher in einem Flugzeug in die Bundesrepublik einreisen. Doch wie kam es zu diesem Kontakt?

Überfüllte Flüchlingsboote, angespülte Schwimmwesten und hoffnungslose Gesichter: Es waren eben diese Bilder, die auch den Hamburger Arzt Thomas Dreyer erschütterten. Er wollte handeln. Einfach etwas tun, um den Flüchtlingen zu helfen. Der Besuch des Papstes auf Lampedusa im Juli war schließlich sein persönliches Schlüsselerlebnis. Nach dem Untergang eines großen Schlepperbootes ertranken hunderte Menschen auf hoher See – das Kirchenoberhaupt wies in seiner Ansprache auf die Verantwortung Europas hin.

Berge von Schwimmwesten säumen die Küste der Insel Lesbos.

Berge von Schwimmwesten säumen die Küste der Insel Lesbos. Bilder, die auch dem Hamburger Arzt Thomas Dreyer nicht mehr aus dem Kopf gingen.


„Mir wurde alles schlagartig klar“

"In diesem Moment wurde mir schlagartig klar, dass es einfach eine Schande für Europa ist. Und ich fragte mich, was ich dagegen tun kann," sagt Dreyer. Auch Günther Jauch stellte diese Frage wenige Tage später seinen Talkshow-Gästen. Dort antwortete eine Syrerin "Ganz einfach. Man kann eine Verpflichtungserklärung unterschreiben." Thomas Dreyer sah diese Sendung und wurde hellhörig. Er begann sich zu informieren und in den folgenden Wochen entstand der erste Kontakt zu einem Teil von Bashars Familie in Hamburg.

Was sind Verpflichtungserklärungen?

Im Rahmen der deutschen Aufnahmeprogramme hat sich die Bundesregierung bereit erklärt, eine begrenzte Zahl an Kontingentflüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit als Privatperson eine Verpflichtungserklärung zu übernehmen. Wer diese Erklärung für einen Flüchtling unterschreibt, bürgt für seine finanzielle Versorgung und ermöglicht ihm so eine legale Einreise nach Deutschland ohne Schlepper oder gefährliche Route. Für den Pathologen aus Hamburg war es die Lösung, nach der er gesucht hatte. 

Im Sommer 2015 übernimmt er die Bürgschaft für den Syrer Bashar M. -  ohne ihn vorher jemals persönlich getroffen zu haben. Ein finanzielles Risiko für einen völlig fremden Menschen - und das auf unbestimmte Zeit. „Offiziell habe ich die Bürgschaft für Bashar M. bis sich sein Status ändert. Allerdings sieht das Land in der Anerkennung zum Asylbewerber keine Statusänderung“, erklärt der 57-Jährige.  Eine gewisse Nähe zu Bashar und seiner Geschichte hatte Dreyer aber auch ohne ihn vorher jemals gesehen zu haben. Fotos der Kinder oder Telefonate in die Türkei gemeinsam mit Bashars Familie aus Hamburg, haben Dreyer mehr und mehr selbst zum Teil der Geschichte gemacht. 

Bashar vermisst seine Frau und die Kinder

Im August war es dann endlich soweit. Bashar M. landet mit einem Flugzeug auf deutschem Boden und wird stürmisch von seiner Familie in Hamburg begrüßt. Er hat eine gefährliche Zeit hinter sich. Islamisten der Al-Nusra-Front hatten ihn entführt und gefoltert. Frei kam er nur durch ein Lösegeld. Jetzt ist der Syrer in Deutschland. In Sicherheit. Allerdings ohne seine Frau und die Kinder. Richtig glücklich sieht er deshalb nicht aus.

In Deutschland angekommen, ergeben sich schon nach wenigen Wochen die ersten Probleme. Bashar bekommt keine Krankenversicherung, weil sein Asylantrag noch nicht bearbeitet ist. Seine hochschwangere Frau sitzt mit seinen fünf Kindern immer noch in Istanbul fest. Eine Gruppe von Spendern hat dort eine Ferienwohnung für die Familie angemietet. "Es ist sehr schwierig, als kurdische Familie eine Wohnung in der Türkei zu bekommen", erklärt der Hamburger. Für Bashar ist die Zeit des Wartens gekommen. Warten auf den Familiennachzug, warten auf seinen Asylantrag, Warten auf die Zukunft. Seine Familie aus Hamburg versucht ihm den Rücken zu stärken - und auch Thomas Dreyer hat immer ein offenes Ohr. "Für Bashar ist die aktuelle Lage sehr ambivalent. Einerseits ist er froh in Sicherheit zu sein, andererseits vermisst er seine Frau und die Kinder. Für ihn ist es momentan sehr schwer, nicht bei seiner hochschwangeren Frau sein zu können, um sie zu unterstützen.“ 

Hohe Hürden für die Helfer

Den Helfern wird ihr Engagement nicht leicht gemacht. Der Verein Pro Asyl beklagt diese Zustände schon lange. Wer die ohnehin nicht einfache Entscheidung fällt, eine Bürgschaft für einen Flüchtling aus Syrien zu übernehmen, der muss viel Ausdauer mitbringen. Das hat auch Thomas Dreyer erlebt. "Man muss ständig einen sehr hohen Aufwand betreiben. Das bremst ohne Ende." Und trotzdem ist es für den gebürtigen Stuttgarter eine Selbstverständlichkeit. "Für meine Kinder würde ich jedes Lösegeld zahlen, warum sollte ich mein Geld dann nicht auch für andere Menschen ausgeben?" Bashars Familie in Hamburg hätte sich eine Bürgschaft nicht leisten können – es muss mindestens ein Nettoeinkommen von 2160 Euro nachgewiesen werden. Dieses Problem hatte das Hamburger Ehepaar nicht. "Meine Frau und ich sind beide Ärzte in beruflich stabilen Positionen und meine Eltern haben eine auskömmliche Rente.  Da können wir uns diese Hilfe leisten“, sagt Dreyer. Insgesamt laufen diese Aufnahmeprogramme für syrische Flüchtlinge in 15 der 16 deutschen Bundesländer. In Bayern gibt es gar keine gesetzliche Regelung für eine private Aufnahme und allmählich laufen die ersten Programme auch in anderen Bundesländern aus.

Verein vermittelt und sammelt Gelder

Um das finanzielle Risiko auf mehrere Schultern zu verteilen, gründete Dreyer mit weiteren Mitstreitern im Juli 2015 den Verein "Herberge für Menschen auf der Flucht".  Mittlerweile konnte der Verein bereits für fünf Syrer Bürgschaften vermitteln. Jetzt suchen sie auch nach passenden Unterstützern für Bashars Frau und seine Kinder, um eine Zusammenführung der Familie zu beschleunigen. Geeignet sind insbesondere Menschen mit einem guten Einkommen. "Ich würde niemandem raten sich in den Ruin zu stürzen. Wenn man allerdings gut verdient, lohnt es sich genau für solche Projekte Geld zu haben. Man bekommt enorm viel zurück", sagt Dreyer.  Viele Bundesländer haben diese privaten Hilfsprogramme bereits eingestellt. Die Frist in Hamburg läuft am 30. November aus – noch ist nicht klar, wie es danach in der Hansestadt weitergeht.

Bashar ist zumindest in Sicherheit. In Deutschland ankommen? Das kann er erst richtig, wenn auch seine Familie bei ihm ist.