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Hamburgs Reeperbahn: Die gläserne Gefahr

Auf der Hamburger Reeperbahn werden Glasflaschen bei Einbruch der Dunkelheit oft zu Waffen. Geschäftsleute des Viertels empfehlen deshalb ein Glasflaschen-Verkaufsverbot nach 20 Uhr. Das hat jedoch nicht nur positive Auswirkungen.

Von Tonio Postel

Auf weiß bezogenen Korbsesseln lümmeln gut gelaunte Menschen und schlürfen Cocktails, Moorcheeba-Melodien perlen aus den Lautsprechern über den Köpfen der Passanten: Der Spielbudenplatz auf der Reeperbahn ist zur Chill-out-Zone ausgerufen. Eingerahmt wird das Ganze von zwei haushohen, überdachten Bühnen links und rechts, die sich bunt blinkend über die Szenerie erheben. Die Club- und Tanzlokal-Betreiber entlang der östlichen Reeperbahn haben Stände aufgestellt, wo sie Caipirinha und Astra verkaufen.

Doch die entspannte Atmosphäre ist trügerisch; in der Nacht kann sich die Stimmung rund um Hamburgs Touristen-Magnet Nummer eins schlagartig ändern. Dann fliegen schon mal Frotzeleien, Fäuste und auch Flaschen über die Straße – oft genug werden so Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen.

Aus diesem Grund hat sich eine Allianz aus Einzelhändlern, Gastronomen, Lieferanten und Gewerbetreibenden zusammengetan, die seit Mitte März ein Verkaufsverbot von Glasflaschen rund um die Reeperbahn nach 20 Uhr empfiehlt. Denn diese befördern die Gewalt und Unfallgefahr auf dem Kiez, da sie oft als Waffen eingesetzt werden.

Plakate und Aufkleber in Gaststätten und Sexshops

"Wir tolerieren keine Gewalttätigkeiten, Vandalismus und Vermüllung, sondern unterstützen konsequente Sanktionen und Ordnungsmaßnahmen wie Platzverweise, Aufenthaltsverbote, Sicherstellung etc. bei Rechtsverstößen", heißt es in ihrem "Verhaltenskodex St. Pauli". Deshalb wurden knallrote Plakate und Aufkleber mit der Aufschrift "Dein Herz für St. Pauli. Ich bin dabei! Kein Bier in Glasflaschen ab 20 Uhr im Ausser-Haus-Verkauf" und "Für ein tolerantes, sauberes, gewaltfreies, gastfreundliches, weltoffenes St. Pauli" gedruckt, die sie seit Mitte März in Gaststätten wie Sexshops platzieren.

"Bei Spannungen wollen die jungen Leute einander gleich zur Strecke bringen", sagt Lars Schütze von der IG-St. Pauli, einer der Initiatoren des Kodex und Tankstellenbetreiber der Esso Reeperbahn – dem Treffpunkt für junge Kiezgänger. "Da werden Flaschen gleich geschmissen oder auf den Kopf geschlagen." Schütze habe seit Ende der 90er Jahre einen "Wertewandel" beobachtet: "Die Leute haben hier früher auch getrunken, waren selten nüchtern", sagt der Mann mit der hünenhaften Erscheinung und dem weichen Lächeln. Die Grundeinstellung auf dem Kiez sei jedoch aggressiver geworden, der Respekt vor der gesundheitlichen Unversehrtheit des anderen geschwunden.

"Das ist doch asozial"

Das hat auch Karla Fejzagic vom Friseur- und Nagelstudio "Studio 54" in einer Seitenstraße der Reeperbahn beobachtet. Sie wurde hier geboren, betreibt den Laden seit 36 Jahren; jetzt sitzt sie auf einem Plastikstuhl vor ihrem Laden und erzählt: Früher habe man sich geschlagen und danach die Hand gereicht. "Heute treten die solange nach, bis die Zähne draußen sind", sagt die zierliche Frau, die ihre nasalen Sätze gerne in die Länge zieht und jeden zweiten Passanten mit Namen grüßt. Getrunken wurde damals nicht auf der Straße, sondern in Kneipen, erinnert sich die ehemalige "Rocker-Braut": "Das ist doch asozial."

Karla, die von der Nachbarschaft im Viertel, den neu gepflasterten Wegen und den gepflanzten Bäumen schwärmt, sieht das Gewaltproblem in der "schlechten Erziehung" begründet: "Die jungen Leute wissen nicht mehr, was fair ist und was nicht." Ob die Glasflaschen-Einschränkung positive Effekte habe? Sie runzelt die Stirn, schiebt ihre Sonnenbrille nach hinten: "Die laufen immer noch mit Flaschen rum, das läuft ins Leere." Und es gibt andere Probleme: "Vor Kurzem war hier wieder eine Messerstecherei am Hafen-Geburtstag."

Um auch dies zu verhindern, gilt seit Dezember vergangenen Jahres ein Waffenverbot auf dem Kiez, mit Geldstrafen bis zu 10 000 Euro. Viele Orte werden mit Kameras überwacht. Auch dies seien Schritte, um die Reeperbahn wieder für alle zugänglich zu machen, erläutert Ulrike Sweden, Sprecherin der Innenbehörde am Telefon. "Es soll wie früher werden, als alle ohne Angst herumgelaufen sind." Bei dem Verbot gehe es nicht um scharfe Waffen, sondern um Schlagringe oder Baseballschläger. "Vorher wurden sie eingesammelt, man konnte sie sich abholen, heute werden die Waffen vernichtet."

"Erheblich geringeres Glasflaschen-Aufkommen"

Bierkauf in einem Kiosk in der Davidstraße: Am Kühlregal prangt der Solidaritätsaufkleber, doch Glasflaschen dominieren die Auslagen. Auch nach 20 Uhr bekommt man hier sein kühles Beck's – aber nur in der Tüte und mit der Empfehlung, das Bier ja zu Hause zu trinken. Vor dem Laden lungern lachende Männer herum, sie alle trinken aus Glasflaschen. Und auch rund um die Reeperbahn werden Flaschen, vor allem Wodka-, Kleiner Feigling-, Mixgetränke aber auch Bier, mitgeschleppt – und klirren immer wieder auf dem Asphalt.

Lars Schütze von der IG-St. Pauli aber bilanziert: "Es sieht gut aus." Und auch der Leiter der berühmten Davidwache, Wolfgang Weidemann, ist zufrieden und spricht von einem "erheblich geringeren Glasflaschen-Aufkommen". Zum Beispiel hätten die Streifenwagen vor der Auflage erheblichen Schaden durch Plattfüße genommen. Seit März habe es kaum noch Platten gegeben. Und auch die Gewalt sei zurückgegangen: Wurden vor der Verkaufseinschränkung noch wöchentlich etwa 10 bis 15 Fälle auf der Reeperbahn gezählt, seien es inzwischen nur noch ein bis zwei.

Kurz nach Mitternacht: Ein junger Polizist am Hans-Albers-Platz taxiert die Menge, junge Prostituierte stehen dahinter aufgereiht, säuseln Standardsprüche in Endlosschleife. Noch sei alles in Ordnung, sagt der Beamte, "aber fragen Sie in drei Stunden noch mal". Er hielt den freiwilligen Verkaufsstopp schon für gescheitert: "Hier ist es so wie vorher, überall Scherben und genug Schlägereien." 60 Beamte schwärmen an den Wochenenden aus, um sicherzustellen, dass aus Ausgelassenheit keine Ausnahmesituation wird. 50 000 Gäste tummeln sich an einem Wochenende zwischen Sex-Shops und Hafen auf St. Pauli, allein die Reeperbahn zieht im Jahr, laut Eigenwerbung, 25 Millionen Besucher an.

Tankstellenbetreiber Schütze hat beobachtet, dass das Glasflaschen-Problem mit der Einführung des Dosenpfands vor fünf Jahren begann: "Da hatten plötzlich alle Flaschen in der Hand, die kosteten weniger Pfand." Bei ihm werde Bier überwiegend in PET-Flaschen verkauft: "Ab 20 Uhr wird eine große Plane über die Bierflaschen gezogen."

Umsatzrückgang durch Glas-Verbot

In der Hein-Hoyer Straße, einer Seitenstraße der Reeperbahn, lehnt Bigi Mahmud unter einem Sonnenschirm vor seinem Kiosk und guckt wie ein leidender Hund. An der Tür glänzt der rote Aufkleber, doch zufrieden ist er nicht. "Viele trinken kein Bier aus Bechern oder Dosen." Seitdem er abends kein Bier mehr im Glas verkauft, sei der Umsatz zurückgegangen. Denn Bier gehe am besten, sagt Bigi. "Wenn es so weiterläuft, muss ich zwei Leute rauswerfen."

Ein paar Straßen weiter sitzt Luisa Salewski an ihrem Souterrain-Schreibtisch im "Cafée mit Herz", einer sozialen Einrichtung, die täglich um die 300 Gäste mit Speisen, Getränken und Kleidung versorgt. Die Gewalt auf dem Kiez betreffe vor allem die Jüngeren, sagt die Sozialpädagogin. "Die zeigen keinen Respekt mehr den Älteren gegenüber." Viele Einrichtungen in der Nähe berichteten zudem von sogenannten "Obdachlosen-Touristen", oft aus Polen, die sich in einen günstigen Bus setzten und dann auf der Reeperbahn Gratis-Essen suchten. "Die sind meist höchst alkoholisiert, wir müssen oft die Polizei rufen." Salewski berichtet auch von "blinder Zerstörungswut": Von Migranten-Gruppen, die Obdachlosen "aus Spaß" Bier oder Einkaufswagen klauten, Schlafsäcke auf die Straße zerrten, Bier hineingössen oder anzündeten.

Sollte die freiwillige Verkaufseinschränkung fruchten, müsse auch kein neues Gesetz her, das bereits "schubladenfertig" sei, sagt Tankstellenbetreiber Schütze. Die SPD will dann einen Glasflaschen-Verkaufsstopp nach 20 Uhr durchsetzen, die CDU ist für ein öffentliches Konsumverbot rund um die Reeperbahn.

Ende des Sommers will man Bilanz ziehen, was die roten Aufkleber bewirkt haben.

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