Hanau Streit um neues Atommüll-Lager


Atomenergie scheint wieder gesellschaftsfähig zu sein - allerdings nicht in Hanau. In der hessischen Stadt wird heftig um ein neues Zwischenlager für Atommüll gestritten. Den Bauantrag dafür stellte die ausführende Firma bereits 2006. Doch die Gemeinde kämpft mit allen Mitteln dagegen an.

Während in Deutschland die Debatte um die Zukunft der Atomenergie wieder aufgeflammt ist, wird im hessischen Hanau erbittert um den Umgang mit nuklearem Abfall gestritten. Auf dem ehemaligen Nukleargelände im Stadtteil Wolfgang, wo jahrzehntelang Brennelemente für Atommeiler hergestellt wurden, will die auf Atommüll spezialisierte Logistikfirma NCS (Nuclear Cargo + Service) ein neues Zwischenlager für radioaktive Abfälle einrichten. Die Stadt Hanau möchte das mit allen Mitteln verhindern.

Im "Atomdorf" von Hanau hatten sich seit den 1960er Jahren die Firma Nukem und einige ihrer Töchter angesiedelt. In Fabriken wurden rund um die Uhr Brennelemente für Atomkraftwerke aus Uran oder einem Gemisch aus Uran und Plutonium produziert, zuletzt von Siemens. Zeitweise waren dort mehr als 2500 Menschen beschäftigt. 1995 wurde der endgültige Ausstieg aus der Brennelemente-Produktion in Hanau beschlossen. Die Fabriken sind längst abgerissen.

Die bestehenden Hallen sind fast voll

Heute gibt es dort nur noch zwei Lagerhallen für Atommüll von NCS, in denen 6000 Tonnen schwach und mittelstark strahlender radioaktiver Abfall liegen. Der Abfall aus der Brennelementefertigung und von anderen deutschen Atomkraftwerken - etwa Reinigungsmaterialien, Werkzeuge und Baustoffe - ist in Stahlblech-Containern, Betonbehältern und Fässern verpackt.

NCS will in Hanau eine nicht in Betrieb genommene Fabrikhalle der Firma Nukem zu einem dritten Atommüll-Zwischenlager für 10.000 Tonnen umbauen. Die bestehenden Hallen sind fast voll. Ende April 2006 stellte die Firma deswegen einen Bauantrag - und das juristische Ringen begann. Nach vier Monaten lehnte die Stadt den Antrag ab. Dann entschied das Verwaltungsgericht Frankfurt, dass der Bau nicht verwehrt werden dürfe. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) und seine Mitstreiter wollten das nicht akzeptieren.

"Unser Geschäft ist vollkommen gefahrlos"

Vor wenigen Wochen ließ der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel das Berufungsverfahren zu. Zur Begründung schrieben die Richter, es handele sich um eine "in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht überdurchschnittlich schwierige Rechtssache". Kaminsky sieht darin einen Teilerfolg für die Stadt und ihr Ansinnen, weiter Technologiefirmen auf dem Industriegebiet anzusiedeln. "Das ist schließlich ein viel zu wertvolles Areal. Atommüll in der Nachbarschaft schreckt potenzielle Interessenten ab."

NCS kann die Aufregung nicht verstehen. "Unser Geschäft ist vollkommen gefahrlos", versichert Geschäftsführer Klaus Schymke. "Hier auf dem Gelände wird nicht mit radioaktivem Material hantiert. Wir transportieren und lagern nur." Die Debatte um das Lager werde vor allem ideologisch geführt. "Da wird einfach auf einem Standpunkt beharrt, und wir können sagen, was wir wollen." Tatsächlich hatte Hanaus OB bereits 2006 angekündigt: "Alles, was wir euch an Knüppeln zwischen die Beine werfen können, werden wir werfen."

Umweltschützer warfen NCS vor, das Firmengelände sei nicht ausreichend gesichert. Bei Schymke verursacht das nur Kopfschütteln, während er über das mit Zäunen und Stacheldraht geschützte und durch Kameras überwachte Firmengelände geht. Auch Vorwürfe, in Hanau werde Atommüll aus dem Ausland angenommen, weist NCS zurück: "Was die da gesehen haben wollen, waren lediglich in den USA hergestellte Transport-Behälter."

Jörn Perske/DPA DPA

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