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Handlungsempfehlungen für die Politik: Steigende Lebenserwartung - Chancen für die Kommune

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts haben wir rund 15 zusätzliche Jahre gewonnen – eine Chance, für den Einzelnen wie für das Gemeinwesen. Wie der demografische Wandel zum Gewinn werden kann.

Von Karin Haist, Körber-Stiftung

Unsere Gesellschaft altert und schrumpft. Durchschnittlich ist die Lebenserwartung seit Mitte des letzten Jahrhunderts in Deutschland um 15 Jahre gestiegen. Wir können den demografischen Wandel als Chance begreifen. Damit er es wird, brauchen wir allerdings:

1. Ältere, die Verantwortung übernehmen und sich nicht nur ins Private zurückziehen.

2. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die dazu beitragen, dass die Erfahrungen und Kompetenzen der Älteren auch abgeholt werden.

Politik kann einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung der richtigen Rahmenbedingungen leisten. Aus der Arbeit der Körber-Stiftung zum Thema Alter – unserem BegegnungsCentrum Haus im Park, unseren Veranstaltungen und Symposien zu den Potenzialen des Alters, unseren Büchern, Studien und Kampagnen – speist sich diese Liste an Erkenntnissen und Empfehlungen für den kommunalen Raum zu drei Themen.

Thema 1: Alternde Stadt

Unsere Kommunen schrumpfen und altern, selbst diejenigen, die im Vergleich zu anderen Städten und Regionen in der Republik als "jung" gelten. Beispiel Hamburg: Heute liegt die Zahl der über 60-Jährigen in der Hansestadt bei etwa 24 %, für 2030 soll er auf 30 % steigen – bundesweit werden diese 30 % aber bereits für 2020 erwartet. Wie kann sich eine Stadt der Zukunft gut auf diesen hohen Anteil Älterer vorbereiten?

  • Alter muss als Thema der Politik und Öffentlichkeit Raum bekommen. Das ist auch ganz wörtlich gemeint: Alter muss im öffentlichen Raum stattfinden können und nicht in das Privatleben und die individuelle Verantwortung verbannt werden, wie das etwa mit den Themen Demenz oder Langzeitpflege oft geschieht.
  • Ältere Menschen brauchen Zugänge, möglichst wohnortnah: zu Ärzten, Verkehrsmitteln, öffentlicher Infrastruktur, Einkaufsmöglichkeiten, aber darüber hinaus auch mediale Zugänge wie etwa zum Internet.
  • Städtische Infrastruktur zukunftsfähig zu gestalten, heißt dabei aber auch angesichts einer älter werdenden Bevölkerung nicht notwendigerweise altenfreundlich im Sinne totaler Barrierefreiheit zu sein. Experten wie Betroffene raten dazu, gesunden Menschen nicht jede Anstrengung zu ersparen, vielmehr wird für eine Mischung aus "Stufen und Rampen in der Stadt" plädiert, so das Ergebnis einer Zukunftswerkstatt in der Körber-Stiftung 2008 ("Visioning Council. Ideen für die alternde Stadt").
  • Und es gilt auch insgesamt: Eine Kommune sollte sich nicht allein vom Siegel "Altersgerechtigkeit" leiten lassen und sie braucht auch keine isolierten Maßnah- men nur für Alte. Das Leitkonzept der Stadt- und Zukunftsplanung muss das einer generationengerechten Stadt sein.
  • Wir brauchen deshalb institutionalisierte Anlässe und Orte, an denen sich die Generationen begegnen können. Mehrgenerationenhäuser sind vorbildliche Einrichtungen, es geht aber auch eine Nummer kleiner: Vorhandene Infrastruktur und Räume in Wohnanlagen, Stadtteilzentren o. ä. können neue generationsübergreifende Angebote machen.
  • In die Planung der generationengerechten Stadt sollten Behörden und Parlamente auch nicht nur Alte, sondern möglichst viele Partner einbeziehen: kommunale Einrichtungen, Künstler, Kirchen, Migrantenorganisationen, Einzelhandel, Wohnungswirtschaft, Nahverkehr, Polizei, Kammern, Gewerkschaften, Bürgerprojekte.

Thema 2: Engagement & Partizipation

Aus einer forsa-Umfrage von Körber-Stiftung und stern vom Mai 2012 wissen wir, dass 79 % der Befragten über 65 Jahren der Forderung zustimmen, das ältere Menschen sich prinzipiell ehrenamtlich engagieren sollten, doch nur 46 % tun es tatsächlich. Auf einer Wunschliste für die Zeit ab 65 rangiert der Wunsch nach Engagement im Mittelfeld: Viel wichtiger sind den Deutschen Hobbys, Reisen oder Entspannen. Eine staatliche Verpflichtung zum Engagement lehnen sogar 91 % ab.

Was heißt das? Eindeutig, dass es bei den Älteren noch Reserven für Engagement gibt. Auch wenn sie sich nichts diktieren lassen: Viele Ältere wollen sich nach dem Ende ihrer Berufstätigkeit beteiligen und engagieren. Sie als verantwortlich handelnde Bürger und Bürgerinnen anzusprechen und in die Mitgestaltung der Gesellschaft einzubeziehen, ist deshalb gesellschaftlich sinnvoll – und es ist übrigens nachgewiesenermaßen auch ein Beitrag zur Aufrechterhaltung individueller Lebensqualität im Alter.

Denn freiwillige Arbeit, Ehrenämter, bürgerschaftliches Engagement und die Einbindung in Gestaltungsprozesse bedeuten für Ältere Sinnstiftung, Anerkennung, soziale Kontakte und auch ein Mittel zur Bewahrung und Entwicklung von Kompetenzen. Der Gerontologe Andreas Kruse spitzt das noch zu: "Wenn der ältere Mensch den politischen Raum nicht mitgestalten und sich nicht mehr als Teil des öffentlichen Raums erlebt, geht eine zentrale Komponente des Lebens verloren."

Welche Rahmenbedingungen sind also förderlich für das Engagement und die Partizipation älterer Menschen?

  • Es braucht mehr als Appelle, es braucht vielmehr konkrete, niedrigschwellige Angebote und Orte, an denen verantwortungsbereite ältere Menschen andocken können, zusammengefasst: eine funktionierende Infrastruktur für Engagement. Dazu zählen Vereine und Verbände, Begegnungs- und Mehrgenerationenhäuser, Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros, Bürgerstiftungen uvm. Einrichtungen also, die Ältere in ihrem Engagement begleiten, motivieren, vermitteln, qualifizieren, anerkennen.
  • Solche Infrastruktur für bürgerschaftliches Engagement braucht nicht neu erfunden werden, aber sie kostet Geld, sie braucht professionelle Kerne, sie braucht Vernetzung und den Rücken-, nicht Gegenwind der Politik. Engagementpolitik braucht langfristige Konzepte und nicht Etatkürzungen.
  • Wichtige Anreize für Engagement können Kommunen und Engagementträger auch selbst bieten: durch Aufwandsentschädigungen für Ehrenamt, durch die freie Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Anerkennungsfeiern, Fortbildungsangebote etc.
  • Eine bedeutsame Rolle haben auch Unternehmen im demografischen Wandel. Sie müssen den Ausstieg aus der betrieblichen Arbeit flexibler gestalten und können für die Arbeitnehmer wichtige Weichensteller sein für die Wahrnehmung neuer gesellschaftlicher Verantwortung im Ruhestand, etwa durch Ruhestandsseminare. In der Verantwortung stehen dabei auch Handelskammern, Innungen, Unternehmensverbände, Berufsgenossenschaften, Behörden, Großbetriebe.
  • Der Zwillingsbruder des bürgerschaftlichen Engagements ist Bürgerbeteiligung. Wer Engagement von Älteren wünscht, muss auch bereit sein, sie an Entscheidungen zu beteiligen. Die Mitsprache von älteren Bürgerinnen und Bürgern sollte von Verwaltungen nicht als "lästige Pflicht", sondern als Chance gesehen werden. Es braucht konkrete Angebote zur Beteiligung Älterer; und die Politik muss gewählten Seniorenvertretungen echte Handlungsspielräume ermöglichen.
  • Die Kommune und das Quartier sind die zentralen Handlungsräume für die Partizipation Älterer. Ältere können dort am wirksamsten eingreifen, wo sie sich aus- kennen und direkt betroffen sind. Ältere sind Expertinnen und Experten für ihre eigenen Angelegenheiten, sie entwickeln innovative Lösungen und denken dabei durchaus auch "enkelgerecht". Man muss es ihnen nur zutrauen. Vorbildlich ist beispielsweise die Stadt Edinburgh: Im Selbstverständnis einer "City for All Ages" bringen dort so genannte Advisory Groups älterer Menschen die Perspektive der Alten in alle Belange der Stadtplanung ein – haben aber in der Praxis tatsächlich die Interessen aller Generationen im Blick.
  • Beteiligungsmöglichkeiten sollten insbesondere auch für ältere Migrantinnen und Migranten geschaffen werden. Ihre Lebensleistung für die deutsche Gesellschaft muss anerkannt werden, sie sind Brückenbauer und interkulturelle Schlüsselpersonen, die auch ohne deutsche Staatsbürgerschaft oder selbst bei mangelnden Sprachkenntnissen in den Seniorenvertretungen ihren Platz haben sollten.

Thema 3: Arbeit

Waren noch 2000 nur 38% der 55- bis 64-Jährigen in Deutschland erwerbstätig, waren es 2010 knapp 58%. Bei den 60- bis 64-Jährigen hat sich zwischen 2000 und 2010 die Erwerbstätigenquote mehr als verdoppelt. Das hat, so schlussfolgert der Altersforscher An- dreas Kruse, nicht nur mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen zu tun, nämlich mit der Reduzierung der Frühverrentung, sondern auch dem höheren Bildungsniveau der Arbeitnehmer. Faustregel: Je höher der Bildungsstand, umso höher die Erwerbsbeteiligung.

Wir werden zukünftig noch länger arbeiten – nicht nur, weil wir es durch ein erhöhtes Renteneintrittsalter oder aus ökonomischen Gründen müssen oder weil die Wirtschaft angesichts des Fachkräftemangels verstärkt auf die Älteren setzt, sondern auch, weil viele es wollen und können. Das Hamburger Trendbüro sieht uns in einer "Multioptionsgesellschaft", die geprägt ist von lebenslangem Lernen und einem permanenten Sich-Selbst-Neu-Erfinden.

Margaret Heckel, Autorin der edition Körber-Stiftung, hat den Begriff der "Midlife-Boomer" geprägt für Menschen in einer Lebensphase, die es in der klassischen Einteilung des Lebens – in Jugend, Karriere, Alter – so gar nicht gab. Die neue zu beschreibende Lebensphase ist demnach die aktive Zeit nach dem Ende der Elternphase und geprägt von Wachstum, Aktivität und Mobilität der Persönlichkeit, von beruflicher Flexibilität bis hin zu persönlichen Neuanfängen. Sie endet eben nicht mit einem fixen Renteneintrittsalter, sondern erst in der Phase gebrechlicher Hochaltrigkeit – und die verschiebt sich statistisch immer mehr auf das neunte Lebensjahrzehnt.

Wenn das alles stimmt, dann brauchen wir sowohl stimmige Rahmenbedingungen für eine längere Beschäftigung als auch einen neuen Blick auf beruflich aktive Ältere. Warum sollten Unternehmen nicht ihre motivierten, kompetenten Mitarbeiter aus dem Ruhestand zurückholen, wie das gerade bei Otto geschieht?

Für politisch Verantwortliche heißt das insbesondere:

  • Weil eine Erhöhung des Renteneintrittsalters aus demografischen Gründen un- umgänglich ist, muss die Politik Sorge tragen für Rahmenbedingungen, in denen die Arbeitsfähigkeit und Motivation älterer Beschäftigter in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst erhalten bleiben. Dazu müssen Arbeitgeber laut dem Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg insbesondere mehrere Maßnahmen ergreifen: Etwa die Anpassung des Kompetenzprofils an Ältere, Gesundheitspräventionsangebote durch den Arbeitgeber, Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Betriebliche und außerbetriebliche Fortbildung.
  • Neben die Solidarität mit denjenigen Arbeitnehmern, deren Arbeitsbelastungen und Beeinträchtigungen ihnen eine längere Lebensarbeitszeit nicht erlauben, muss auch in der Politik ein Altersbild treten, das Ältere am Arbeitsplatz – wo sie denn länger arbeiten können und wollen – wertschätzt: Ältere Mitarbeiter haben wichtige Erfahrung, ihre Produktivität lässt so wenig nach wie ihre kognitiven Fähigkeiten. Sie sind zwar, wenn sie krank sind, länger krank als jüngere Kollegen, aber dafür weniger oft. Durch die Interviews, die die Autorin Margaret Heckel für ihre Buchrecherchen geführt hat, zieht sich wie ein roter Faden diese Erkenntnis: Nicht ältere Mitarbeiter sind ein Problem für die Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen, sondern die negativen Altersbilder der Führungskräfte. Von diesen Stereotypen muss sich auch die Politik verabschieden.
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