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Hannover - blond, kühl, einsam?: Singlehauptstadt ohne Singles

Jeder dritte Einwohner Hannovers lebt allein. Die Stadt kämpft gegen das Image, Hort der Einsamen zu sein. Das Motto lautet: Tausende Einzelhaushalte bedeuten nicht gleich viele Singles.

Von Sophie Albers

Morgens halb elf in Hannover. 15 Grad im Juli, Regen, ein Himmel voll grauer Schlieren. Kalter Wind kriecht immer wieder unter den viel zu dünnen Mantel. Das Wetter passt zur jüngsten Studie des Statistischen Bundesamtes, laut der in dieser Stadt jeder dritte Mensch allein lebt. 33 Prozent der Hannoveraner wohnen in einem Einpersonenhaushalt. Mehr als in Berlin (31 Prozent), mehr als in München (29 Prozent), mehr als in Hamburg (28 Prozent). "In Hannover lebt man allein", schreibt das Lokalblatt "Neue Presse" und macht die Stadt an der Leine gleich noch zur Vorreiterin in einem nationalen Trend der Vereinsamung: Schließlich wohnt schon fast jeder Fünfte in Deutschland allein. Andere erhöhen den Stresslevel, indem sie eine weitere Zahl dazustellen: Jede dritte Ehe wird geschieden. In dem Wort Einsamkeit stecken eine Menge Angst, Altersarmut und Alkohol. Grund genug, sich Hannover genauer anzuschauen.

Das Wetter hat sich soeben umentschieden. Die Wolken sind aufgerissen, und man kommt fast trockenen Fußes ins Mezzo. Das beliebte Frühstückscafé liegt ein gutes Stück hinter dem Bahnhof am Anfang der Einkaufsstraße Lister Meile, wo der Krieg ein paar schöne Altbauten stehengelassen hat. "Also, ich bin liiert", sagt Madlin, 20, und stellt einen Tee auf den Tisch. Die hübsche blonde Kellnerin ist der erste Versuch, den Hannoverschen Single zu finden, den "neuen Einsamen" dingfest zu machen. Irgendwo müsse das ja herkommen, sagt Madlin dann, aber auch in ihrem Freundeskreis seien gerade alle vergeben. Vielleicht ist sie einfach zu jung.

Einen Tisch weiter unterhalten sich Julia, 39, und Silke (Name geändert), 36. Auch beide in festen Händen, und bei der Frage, ob es in Hannover schwierig sei, jemanden zu finden, fängt Silke lauthals an zu lachen. Draußen macht Kerstin, 48, unter dem Vordach einer Bibliothek gerade Zigarettenpause. Auch sie lebt nicht allein. "Natürlich gibt es Singles", sagt sie und schenkt denen gleich noch einen Beziehungstipp: "Je mehr man auf der Suche ist, desto weniger klappt das."

Auf der Suche

Auf dem Weg in die Innenstadt ändert sich das Bild nicht. Statt herzzerreißender Tristesse-Paare: Mütter mit Kindern, ein freundlicher junger Vater mit Kindersitz auf dem Fahrrad. Offene Gesichter, viel Lächeln und eine entspannte Geschäftigkeit trotz diverser Baustellen im Weg, die davon künden, dass hier gerade einiges passiert. Die betonharten Grenzen des Raschplatzes, ehemals düsteres Junkie-Loch am Anfang der unterirdischen Einkaufspassage Passerelle, wurden aufgebrochen. Große Freitreppen lassen Licht und ein besseres Gefühl herein. Der Kröpcke, seit Jahrzehnten traditioneller Dating-Treffpunkt an einer großen Uhr inmitten der Fußgängerzone umgeben von 70er-Jahre-Hässlichkeit, wird neu gestaltet. "Ich kenne kaum jemanden, der nicht liiert ist", sagt Boutiqueverkäuferin Franziska, 36, vergeben. Diese Stadt habe kein Beziehungsproblem, findet Psychotherapeut Selcuk, 28, ebenfalls kein Single. Rund 100 rote Rosen verkaufe sie am Tag, sagt eine Blumenverkäuferin in der Passarelle. Und in den Blumengeschäften im Bahnhof seien es noch mehr.

Dann endlich, bei der Markthalle, dem "Bauch von Hannover", wo man sich trifft und an einem der zig Stände zu Mittag isst oder einen Kaffee trinkt, lehnt ein Anzugträger mit Großstadt-Drohgebärde jedes Statement ab. Doch sogleich klärt sein freundlicher Kollege auf: "Der ist nicht von hier. Ich bin Hannoveraner. Wie kann ich Ihnen helfen?" Liiert seien sie übrigens beide. Und als sei das nicht langsam genug, regnet es ein paar hundert Meter weiter auf der anderen Straßenseite vor der Marktkirche gerade Konfetti, während die Braut über Champagner im Plastikbecher lacht.

In einer Beziehung

"Wir haben nicht 33 Prozent Singles in der Stadt. Diese Auslegung der Statistik ist völliger Mumpitz", sagt Barbara Zibell, Professorin für Stadt- und Regionalplanung an der Universität Hannover. "Ein Einpersonenhaushalt ist eine Wohnform, ein Singlehaushalt ist eine Lebensform. Das ist eine völlig andere Debatte." Bei genauerem Hinsehen scheint die Frage nach Vereinsamung niemand gestellt zu haben - außer Panikmacher. "Wir leben in einer aufgeklärten, toleranteren und offeneren Gesellschaft. Verschiedene Lebensformen sind möglich. Da muss man kein Drama draus machen", sagt Zibell. Von deren Büro im zweiten Stock hat man einen offenen Blick auf das beeindruckende Grün der Herrenhäuser Gärten, einem der drei "Grünkeile", die bis in die Innenstadt reichen - neben dem Stadtwald Eilenriede und dem Park am Maschsee. "Das ist phänomenal. Das hat keine andere Großstadt", sagt Zibell.

Die Stadtplanerin will die Zunahme von Alleinhaushalten auch positiv sehen: "Seit der Industrialisierung sind die Haushalte immer kleiner geworden, und jetzt sind sie langsam bei eins angekommen. Das liegt zum einen am Wohlstand, zum anderen an der Veränderung der Familie, an der Emanzipation, am Leben in der Stadt, am Gesundheitswesen", so die Professorin. "Aber vereinsamen wir jetzt alle? Nein! Wir können uns frei bewegen im Raum, sofern wir die Mittel dazu haben. Und wir bewegen uns nicht nur innerhalb der Stadt, sondern auch zwischen Städten. Wer es sich leisten kann, realisiert für sich den maximalen Grad an Freiheit." Und der sei in Hannover gut machbar, weil die Mieten günstig sind.

Auch der Berliner Soziologe Wolfgang Kaschuba begrüßt die neue Bewegungsfreiheit: "Wir haben mehr Möglichkeiten, zusammen zu sein und Abstand zu halten. Und die nehmen sich vor allem Jüngere und Mittelalte, die eben nicht mehr eine lebenslange CDU- oder Schützenvereinmitgliedschaft anstreben." Es gebe eine neue Form von Unverbindlichkeit in Beziehungen. "Wir können zusammen sein, müssen aber nicht", sagt Kaschuba.

Es ist kompliziert

In diesem Sinne komme Hannover tatsächlich eine Art Vorreiterrolle zu: "Selbstbewusste Menschen, die nicht in Symbiose leben müssen", nennt es Carl-Hans Hauptmeyer, Regionalhistoriker an der Universität Hannover. Er wehrt sich gegen die vor allem "von den Medien ewig wiederholten Stereotypen, die weder der Wahrheit entsprechen, noch die Welt zu einem besseren Ort machen". Und tatsächlich: So wenig wie die Stadt Hannover auf den zweiten Blick grau und hässlich ist, scheinen ihre Einwohner schwer zugänglich oder verstockt. Norddeutsche seien historisch bedingt etwas zurückhaltender, so der Professor. "Immer etwas zurück - aber zukunftsfähig", wenn es denn ein Schlagwort sein müsse, sagt Hauptmeyer und prophezeit der Stadt, "die sich erst einmal anguckt, was die anderen machen und dann entscheidet, was sie davon für sich nutzen kann", ein stabiles Wachstum. Eine Stadt für "Liebe auf den dritten Blick", wie es der Hannoversche Kabarettist Matthias Brodowy besingt.

Stefan Nikolaus hat noch eine ganz andere Theorie über Hannovers Singles: Der 41-Jährige betreibt mit "Hannover-Singles.de" die größte Datingbörse der Stadt. 120.000 Kunden, davon 25.000 derzeit aktiv. Laut Studie gibt es rund 165.000 Bedürftige. 1999 hätten sie als Community-Plattform angefangen und seien vom massiven Interesse überrannt worden. "Hannover gilt als graue Maus. Aber wenn man die Stadt erst einmal kennt, ist brutal viel los. Ganz viele Ausgehmöglichkeiten auf kleinem Raum", sagt Nikolaus. "Vielleicht verliebt man sich hier schneller neu. Für lange Beziehungen und gemeinsame Wohnungen ist das eher schlecht."

Vielleicht hat der Rest Deutschlands Hannover tatsächlich ein bisschen unterschätzt.

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