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Zum Tode des Historikers Hans-Ulrich Wehler "Eine Hornhaut haben die Besitzenden"


Hans-Ulrich Wehler, einer der wichtigsten Historiker Deutschlands, ist tot. Er starb am Samstag mit 82 Jahren in Bielefeld. Kurz zuvor hatte Wehler dem stern noch ein Interview gegeben.

Am Dienstag vor seinem Tod empfing Wehler den stern-Autor Arno Luik für ein Interview. Wehler freute sich auf das Gespräch, er war gut gelaunt, es sei wichtig, jetzt über "die soziale Frage" zu diskutieren: "Es gibt eine Hornhaut bei den Besitzenden, eine große Bereitschaft, Dinge, die unangenehm sind, zu ignorieren." Er war kämpferisch, voller Elan - so wie immer.

Er sei nicht traurig, "dass ich jetzt 82 bin. Ich denke überhaupt nicht daran, was mit mir passieren könnte, Schlaganfall oder so. Wenn es so weit ist, ist es so weit". Er habe "das optimistische Naturell meiner Mutter geerbt. Ich habe in meinem Leben unheimliches Glück gehabt, ich kann lesen, schreiben, Vorträge halten, immer noch Autofahren. Ich bin mit meinem Dasein sehr zufrieden."

Eingemischt - ein Leben lang

Wehler hat sich immer eingemischt, sein Leben lang, und im Herbst, sagt er in dem stern-Gespräch, wolle er sich wieder einmischen - mit Vorträgen, Aufsätzen, Auftritten. Er könne es kaum erwarten, dass Thomas Picketys umstrittener Besteller "Capital" auf Deutsch erscheint. Da entfache man dann eine Debatte.

Das sagte er Dienstag vergangener Woche. Am nächsten Tag empfing er entspannt den stern-Fotografen. Drei Tage später war er tot.

Das am Donnerstag erscheinende Stern-Gespräch ist in gewisser Weise nun das Vermächtnis eines großen Intellektuellen.

Einer der Väter der "Historischen Sozialwissenschaft"

Der in Freudenberg bei Siegen geborene Wehler gilt als einer der Väter der "Historischen Sozialwissenschaft". Außerhalb der Fachwelt wurde er in Westdeutschland einem breiteren Publikum mit dem "Historiker-Streit" von 1986 bekannt. Auch zu aktuellen Themen äußerte er sich, verlangte etwa mehr Integration von Einwanderern, kritisierte große Einkommensunterschiede in Deutschland und forderte einen Mindestlohn.

Wehler lehrte von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1996 in Bielefeld. Dort baute er in den frühen 70ern die Geschichtsfakultät an der neugegründeten Universität mit auf. Wehler hatte außerdem Gastprofessuren an den US-Universitäten Harvard, Princeton und Stanford inne.

Arno Luik

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