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Ein Lagebericht: Deutschlands Hauptbahnhöfe - Der harte Kampf gegen Dealer und Diebe

Ein einladendes Entree in die Großstadt sind viele Hauptbahnhöfe nicht gerade. Den ersten Eindruck prägen vielmehr Uringestank, Rauschgiftdealer und soziales Elend. Eine Lagebeschreibung aus Frankfurt, Hamburg, München und Berlin.

Die Polizei an Hauptbahnhöfen: Dauereinsatz gegen Verwahrlosung und Drogen

Die Polizei an Hauptbahnhöfen: Dauereinsatz gegen Verwahrlosung und Drogen

Drogen und Diebe, Bettler und Bordells, Trinker und Trickbetrüger: Die Bahnhofsviertel deutscher Großstädte sind berüchtigt. In am Main, Hamburg und München hat sich die Lage in den letzten Jahren zugespitzt. Mehr als eine Million Reisende, Pendler und Anwohner bekommen das täglich zu spüren. Im Kampf gegen Kriminalität und Verwahrlosung setzen die Städte auf verschiedene Strategien.

In Frankfurt schockieren vor allem aggressive Drogendealer im Bahnhofsviertel und der unterirdischen Bahnhofspassage Händler und Passanten. Die einzige größere Crack-Szene in findet sich nach Einschätzung von Fachleuten in dem Quartier. Das wird aber gleichzeitig auch schicker und hipper, Dealer und auch Suchtkranke fallen daher trotz zahlreicher Hilfeeinrichtungen mehr auf. Die Zahl der Crack-Dealer sei innerhalb eines Jahres um 20 bis 40 auf 40 bis 80 gestiegen, hatte Polizeipräsident Gerhard Bereswill Ende 2016 festgestellt. Zugleich sei eine neue Szene entstanden: 50 bis 70 junge Männer verkauften Haschisch und Marihuana in kleinen Mengen und verhielten sich gegenüber den Beamten zunehmend respektlos.  

Deutschlands Hauptbahnhöfe: Die Probleme

Die geht daher seit rund drei Monaten viel stärker gegen die Szene vor. Mehr als 100 Beamte von Landes-, Bundes- und Stadtpolizei sind jeden Tag zusätzlich im Einsatz. Rund 20.000 Menschen wurden kontrolliert, etwa jeder Zehnte bekam eine Anzeige. Drogen waren bei mehr als der Hälfte der Anzeigen der Grund, bei fast jeder vierten Anzeige ging es um Verstöße gegen das Ausländerrecht. Knapp 330 Verdächtige wurden festgenommen und rund 3,6 Kilogramm Rauschgift sichergestellt. 

"Es ist besser geworden", heißt es in fast allen Geschäften des unterirdischen Durchgangs zwischen Stadt und . Viele fürchten allerdings, dass sich die Lage gleich wieder verschlechtert, wenn weniger Polizisten unterwegs sind. Die Polizei geht aber davon aus, auch mit verdeckten Observationen mehr Täter fassen zu können und will ihre intensiven Kontrollen noch einige Monate fortsetzen. 

Polizei, Justiz, Stadt und Bahn haben zudem in regelmäßigen Gesprächen noch eine Reihe anderer Stellschrauben vereinbart, um gegen die Kriminalität und die Verrottung vorzugehen. Ein Koordinator fürs Viertel und ein Präventionsrat wurden eingesetzt. Dazu kommen Videoüberwachung und Putzaktionen. Der bis 2022 geplante umfassende Umbau des Hauptbahnhofs soll die Lage zusätzlich verbessern.

Drohende Verwahrlosung mitten in der Stadt? Hauptbahnhöfe in Deutschland

Drohende Verwahrlosung mitten in der Stadt? Hauptbahnhöfe in Deutschland

Die Lage in Hamburg

In Hamburg am Hauptbahnhof lagern Obdachlose, und Alkoholiker treffen sich zu Trinkgelagen. Zahlreiche Straftaten verunsichern viele der rund eine halbe Million Menschen, die jeden Tag den Hauptbahnhof auf dem Weg zum Zug, zur Arbeit, ins Theater oder zum Shoppen durchqueren. Die Bundespolizei meldete im Januar fast täglich Zwischenfälle: Alkoholiker fallen mit aggressivem Verhalten auf, Taschendiebe bestehlen Reisende. Die Zahl der Polizeieinsätze im Hauptbahnhof ist seit 2013 kontinuierlich gestiegen: von 271 auf 413 (2016). 

Gemeinsame Einsätze von Bundes- und Landespolizei zeigten Wirkung, sagt Bundespolizeisprecher Rüdiger Carstens. Zumindest die Zahl der Taschen- und Handgepäckdiebstähle auf allen Bahnhöfen der Hansestadt sei 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 17,6 Prozent auf 3565 zurückgegangen. Gleichzeitig hätten jedoch die Widerstandshandlungen gegen Polizisten um 33,5 Prozent auf 311 zugenommen. 

Der Fahrgastverband Pro Bahn fordert noch mehr Kontrollen. Der Ehrenvorsitzende fühlt sich selbst im Osten des Bahnhofs an der Kirchenallee so unsicher, dass er lieber zur vorderen Seite im Westen am Glockengießerwall geht, wenn er ein Taxi braucht. Naumann schlägt vor, auf freien Flächen am Bahnhof weitere Bäckereien und Schnellrestaurants anzusiedeln, und so ein Massenpublikum anzuziehen und die Flächen aufzuwerten. 

So sieht der Kampf gegen die Verwahrlosung aus

Mehr Sicherheitspersonal, Videoüberwachung und kostenlose Pissoirs - mit solchen Maßnahmen kämpfen das Bezirksamt Mitte und die Deutsche Bahn gegen die Verwahrlosung und dafür, dass alle die umliegenden Flächen "angstfrei und unbelästigt" nutzen können. Zum Lagern seien der Bahnhof und seine Umgebung ungeeignet, betont der Hamburger Senat. Wer Hilfe brauche, könne diese bei rund 20 Einrichtungen in der Nähe bekommen. Außer der Bahnhofsmission gibt es etwa eine Beratungsstelle für Prostituierte und das "Drob Inn", in dem Drogenabhängige legal spritzen können.

In München rund um den Hauptbahnhof beobachtet die Polizei seit etwa zwei Jahren mehr Kriminalität: "alkoholbedingte Störungen, Betäubungsmittelkriminalität und illegale Prostitution, aber auch Bettelei und Ansammlungen arbeitssuchender Migranten", heißt es auf Anfrage aus dem Polizeipräsidium. In Zahlen bedeutet das für die ersten zehn Monate 2016: 1658 Betäubungsmitteldelikte, 1035 allgemeine Ordnungswidrigkeiten (wie Belästigung oder Verschmutzung) und 45 Verstöße wegen verbotener Ausübung der Prostitution. Mehr als 3500 Platzverweise sprach die Polizei auch aus. 

"Die Polizei schaut inzwischen genauer hin", sagt Fritz Wickenhäuser, Vorsitzender des Stadtteilvereins Südliches Bahnhofsviertel. "Unsere drei Standardthemen: bandenmäßige Bettelei, verdeckte Prostitution und die Drogenszene. Wenn man da nicht aufpasst, dann wird das immer stärker." Ein Alkoholverbot soll die zunehmende Kriminalität auch eindämmen helfen: Zwischen 22.00 Uhr und 6.00 Uhr darf seit Ende Januar kein Alkohol im öffentlichen Raum rund um das Bahnhofsgebäude mehr mitgeführt oder getrunken werden. 

Berlin - kein Bahnhofsviertel, weniger Probleme

Und was ist mit der deutschen Hauptstadt Berlin, die jahrelang mit dem Drogen-Umschlagplatz Bahnhof Zoo Schlagzeilen machte? Berlin hat kein klassisches Bahnhofsviertel. Im 2006 eröffneten Hauptbahnhof nahe dem Kanzleramt sollten Reisende jedoch auf ihr Portemonnaie aufpassen. Als Brennpunkte mit Drogen-Problemen gilt in der größten deutschen Stadt nicht die Gegend um den Hauptbahnhof, sondern Teile des Bezirks Neukölln und das Kottbusser Tor in Kreuzberg. Am einst zentralen Bahnhof Zoo in der Nähe vom Kurfürstendamm in der City-West gibt es noch immer eine Anlaufstelle für Obdachlose.

Von Ira Schaible, Britta Schultejans und Bernhard Sprengel / DPA