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Hebräisch für Palästinenser Neues Interesse an der Feindessprache


Die Feindessprache kommt wieder in Mode. Nach 16 Jahre langer Unterbrechung lernen Schüler im Gazastreifen wieder Hebräisch - obwohl Israel der Erzfeind der Hamas ist. Was sorgt für den Sinneswandel?

Ausgerechnet die radikal-islamische Hamas führt den Hebräisch-Unterricht an den allgemeinen Schulen im Gazastreifen wieder ein. Nach den Sommerferien sollen palästinensische Schüler zunächst an 14 von etwa 400 Schulen wieder das Alef, Bet, Gimel, die ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, lernen und die Grammatik pauken. Dabei spricht die im Gazstreifen herrschende Hamas dem Staat Israel das Existenzrecht ab. Das führende Hamas-Mitglied Mahmud al Sahar würde die meisten Juden am liebsten nach Deutschland verschwinden sehen.

Nun hat aber eine Umfrage bei palästinensischen Schülern und Eltern ein unbequemes Ergebnis gebracht: Die große Mehrheit der Befragten habe den Wunsch geäußert, Hebräisch zu lernen, sagt Sijad Thabet, stellvertretender Vorsitzender der Bildungsbehörde im Gazastreifen. Die Hamas bringt das in Erklärungsnot. Thabet gibt sich dann auch große Mühe, die Wiedereinführung der 1996 von den Lehrplänen gestrichenen Feindessprache Hebräisch mit den erklärten Zielen seiner Bewegung in Einklang zu bringen.

"Hebräisch-Unterricht ist auf keinen Fall ein Zeichen von Frieden", warnt er. Während der beiden Volksaufstände gegen Israel (ab 1987 und ab 2000) hätten diejenigen palästinensischen Kämpfer eine größere Überlebenschance gehabt, die Hebräisch konnten und deshalb verstanden, was sich die israelischen Soldaten zuriefen, argumentiert der Bildungspolitiker in seinem klimatisierten Büro in Gaza-Stadt.

Bürgermeinung versus Politikermeinung

Außerdem gehe es den Schülern darum, die Mentalität des Feindes besser zu verstehen, sagt der Funktionär. Dabei sei die Sprache von grundlegender Bedeutung. Es gehe aber auch darum, die israelischen Lehrpläne besser überprüfen zu können, um ihren "rassistischen" Charakter entlarven zu können, sagt Thabet. Nicht zuletzt könnten die Palästinenser auch die "Lügen" der israelischen Politiker besser entlarven: "Uns erzählen sie etwas auf Arabisch, aber ihren eigenen Leuten sagen sie auf Hebräisch die Wahrheit."

Schließlich kämen auch viele Konsumartikel aus Israel, und jeder wolle ja wissen, was zum Beispiel auf einem Joghurtbecher geschrieben stehe, kommt der Hamas-Politiker zum praktischen Teil.

Eine Kooperation mit israelischen Bildungseinrichtungen, die Übernahme von Lehrmaterialien gar, weist der Funktionär der im Gazastreifen herrschenden Hamas dann auch weit von sich: "Wir haben noch genügend Lehrer aus der Zeit vor 1996 und arbeiten zurzeit die Lehrpläne aus." Der Hebräisch-Unterricht sei im übrigen nie ganz eingestellt worden, fügt Thabet hinzu. An zwei Instituten seien vor allem Beamte in Hamas-Behörden, Studenten und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen unterrichtet worden.

Wer ganz normale Palästinenser im Gazastreifen auf der Straße befragt, warum es gut wäre, Hebräisch zu können, bekommt keine polemischen, sondern praktische Antworten. "Vielleicht können wir ja wie früher doch mal wieder in Israel arbeiten", meint ein Mann mittleren Alters. "Ich will die Nachrichten und Filme verstehen", meint ein anderer. Und ein Zwölfjähriger, dessen Vater früher Israel arbeitete und oft von Tel Aviv erzählt, sagt hoffnungsvoll: "Wenn ich irgendwann mal nach Tel Aviv darf, und ich habe da einen Freund: Wie soll ich denn dann mit ihm reden, wenn ich kein Hebräisch kann?"

Jan-Uwe Ronneburger, DPA DPA

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