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Heftige Kritik an Benedikt XVI.: "Papst ist Dogma wichtiger als Leben"

Was geht nur in Papst Benedikt vor? Erst die Querelen um den Holocaust-Leugner Williamson, nun die Ächtung des Gebrauchs von Kondomen. Und dies ausgerechnet anlässlich seiner Afrika-Reise, wo der schwarze Kontinent doch besonders stark unter Aids zu leiden hat. Die Kritik am Kirchenoberhaupt ist dementsprechend heftig - auch unter Katholiken.

Mit seiner Ablehnung von Kondomen im Kampf gegen Aids hat Papst Benedikt XVI. scharfe Kritik und Widerspruch in der Politik und auch in der katholischen Kirche hervorgerufen. Die Bundesministerinnen Ulla Schmidt und Heidemarie Wieczorek-Zeul erklärten am Mittwoch gemeinsam, dass Kondome zur Verhütung der Immunschwächekrankheit eine entscheidende Rolle spielten. Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke betonte, beim Thema Kondome dürfe es keine Tabus geben. Die Deutsche Aids-Hilfe nannte die Papst-Äußerung unverantwortlich und weltfremd.

Der Papst sollte besser die Verbreitung von Kondomen fördern und den Menschen ihre Verwendung beibringen, wenn er es ernst meine mit dem Kampf gegen Aids, sagte Rebecca Hodes von der südafrikanischen Organisation Treatment Action Campaign. Mit seiner Opposition gegen die Verhütung zeigte Benedikt, "dass ihm das religiöse Dogma wichtiger ist als das Leben von Afrikanern", sagte Hodes. Es sei richtig, dass Kondome nicht die einzige Lösung für die Aids-Probleme in Afrika seien. Sie seien aber eines von wenigen erprobten Mitteln, um HIV-Infektionen zu verhindern.

Papst Benedikt XVI. beharrt jedoch auf seiner umstrittenen Ablehnung von Kondomen. Am zweiten Tag seines Afrika-Besuchs in Kamerun erklärte sein Sprecher Federico Lombardi in Yaoundé, die Position des Vatikans sei unverändert, und das werde auch während der Reise des Papstes so bleiben. "Benedikt hat die Linie wiedergegeben, die schon Johannes Paul II. bestätigt hat", sagte Lombardi am Mittwoch. "Sich auf Kondome zu konzentrieren, das ist nicht der richtige Weg." Das Vertrauen auf Präservative im Kampf gegen die Aids-Verbreitung sei fragwürdig. Es sei nicht so, dass man die Epidemie mit Kondomen stoppen könne.

Der Papst hatte auf seiner ersten Afrika-Reise gesagt, die Immunschwächekrankheit Aids sei "nicht mit Kondomen zu überwinden, im Gegenteil, das verschlimmert nur das Problem". Aids sei nur mit "spiritueller und menschlicher Erneuerung" zu bewältigen.

"Kondome retten Leben, sowohl in Europa als auch auf anderen Kontinenten", schrieben hingegen die SPD-Politikerinnen Schmidt und Wieczorek-Zeul. Sie wiesen darauf hin, dass im Afrika südlich der Sahara 22 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert oder an Aids erkrankt seien. "Moderne Entwicklungszusammenarbeit muss den Ärmsten der Armen Zugang zu Mitteln der Familienplanung geben. Und dazu gehört insbesondere auch der Einsatz von Kondomen. Alles andere wäre unverantwortlich."

Widerspruch auch in der katholischen Kirche

Auch innerhalb der katholischen Kirche gab es Widerspruch. Weihbischof Jaschke schrieb in einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit": "Wer Aids hat und sexuell aktiv ist, wer wechselnde Partnerschaften sucht, muss andere und sich selber schützen." Beim Thema Kondome dürfe es keine Tabus geben, aber auch keine Mythen und Verharmlosungen. "Kondome können schützen, aber oft lehnen Männer sie ab", schrieb der Geistliche.

Der Grünen-Politiker Volker Beck erklärte, die Papst-Äußerungen machten ihn fassungslos. Die Sprecherin der Grünen Jugend, Kathrin Henneberger, forderte den Papst auf, "seine Äußerungen zurückzunehmen und sich mit seiner Ideologie des letzten Jahrhunderts aus der aktuellen Politik herauszuhalten".

Auch FDP-Parteichef Guido Westerwelle kritisierte die Äußerungen von Papst Benedikt XVI. scharf. Er respektiere, dass das Kirchenoberhaupt auch auf Treue und Enthaltsamkeit setze, sagte Westerwelle. "Aber das Verdammen von Kondomen ist in diesen Zeit absolut verantwortungslos."

Die Deutsche Aids-Hilfe erklärte, angesichts des millionenfachen Leids durch HIV und Aids auf dem afrikanischen Kontinent sei die kategorische Ablehnung des Kondoms "zynisch und menschenverachtend". Der Vatikan dürfe die Prävention nicht länger massiv behindern. "Er versündigt sich - um die Sprache der katholischen Kirche zu benutzen - dadurch nicht nur an den Gläubigen, sondern an der gesamten Menschheit."

Von menschenverachtenden Äußerungen sprach auch der Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit. Man erwarte "nun auch hierzu einige kritische Worte der Bundeskanzlerin".

In Afrika leben 67 Prozent der HIV-infizierten Menschen der Welt, 17 Millionen Menschen sind auf dem Kontinent schon an Aids gestorben.

DPA/AP / AP / DPA