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Meinung

Trotz Artengipfel-Ergebnissen: Helikoptereinsatz mit Insektengift gegen Raupe geplant – nicht dein Ernst, Brandenburg?!

In Brandenburg haben Raupen der Schmetterlingsart Nonne riesige Kiefernwälder befallen. Ein Helikopter-Einsatz mit flüssigem Insektengift soll gegen sie eingesetzt werden. Am Montag konnte das gerade noch verhindert werden. Aber wie geht's weiter?

Bäume in einem reinen Kiefernwald

Brandenburger Kiefernwälder wurden von Nonnenraupen heimgesucht, Helikopter sollen nun auf einer Fläche von 8000 Hektar flüssiges Insektengift versprühen

Getty Images

Manchmal fragt man sich, was eigentlich noch alles passieren muss, bis die Zeichen der Zeit auch in der Politik vor Ort ankommen. Am Montagmorgen war es mal wieder so weit. Das Landesamt für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurerneuerung (LELF) in Brandenburg hatte einen Einsatz genehmigt, über den Naturschützer nur den Kopf schütteln können: Weil die Nonnenraupe Brandenburger Kiefernwälder befallen hat, sollten Helikopter auf einer Fläche von rund 8000 Hektar zwischen Luckenwalde und Lehnin das flüssige Insektengift Karate Forst versprühen. Das Insektizid würde nicht nur die Nonnenraupe töten, sondern auch alle anderen Gliederfüßler des Waldes. Wem sonst noch Gefahr drohen könnte, verrät ein Blick auf das Sicherheitsdatenblatt des Herstellers: "H400: Sehr giftig für Wasserorganismen.", "H410: Sehr giftig für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung", "H334: Kann bei Einatmen Allergie, asthmaartige Symptome oder Atembeschwerden verursachen." Wem das die Nahrungsbeschaffung erschweren würde, sind die derzeit brütenden Vögel auf der Waldfläche.

Raupe der Schmetterlingsart Nonne

Raupe der Schmetterlingsart Nonne

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Um 9 Uhr am Montagmorgen sollten die Helikopter abheben und mit dem Sprühen beginnen – doch der Einsatz konnte in letzter Sekunde verhindert werden. "Der BUND hat einen Rechtsanwalt beauftragt, dagegen einzuschreiten", erklärt Axel Heinzel-Berndt vom BUND Brandenburg dem stern. "Dem Landesforstbetrieb wurde so die Rechtsgrundlage für den Einsatz entzogen." Doch würde sich das LELF danach richten? "Anwohner haben uns mitgeteilt, dass dennoch Hubschrauber in der Luft sind", berichtet die Nabu-Landesgeschäftsführerin Christiane Schröder, die am Montagmorgen vor Ort war, im Gespräch mit dem stern. "Doch dabei handelt es sich nur um eine Grenzbefliegung, es wird nicht gesprüht. Wir warten darauf, welche rechtlichen Tricks sich das LELF jetzt einfallen lässt, um den Einsatz trotzdem durchzuführen."

Artenschutz beginnt lokal – wann begreift ihr das nur?

Erst am 4. Mai 2019 wurde gefeiert, dass die Konferenz der Weltbiodiversität in Paris mit Unterschriften aller 132 Mitgliedsstaaten zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen ist. Gerade erschien der 1000 Seiten umfassende Bericht, für den 150 Experten aus 50 Ländern drei Jahre lang tausende Studien ausgewertet haben und darin die Erkenntnisse über den Zustand der Erde beschreiben. Ein Aspekt widmet sich dem Insektenschwund und seinen Auswirkungen – auf andere Arten sowie auch auf die Wirtschaft. "Der Verlust von Bestäuberinsekten bedroht Nahrungsmittelproduktion im Wert von 235 bis 577 Milliarden Dollar pro Jahr", heißt es darin. Konsequenzen wie vermehrtes Vogelsterben sind bereits heute auszumachen.

Doch die Dringlichkeit des Artenschutzes scheint auf Landesebene in Brandenburg nicht zu beeindrucken. Hier siegt der Erhalt monokultureller Kiefernwälder, die aufgrund fehlender anderer Pflanzenarten leicht Opfer von Bränden oder, wie aktuell, Insektenbefall sind. Eine langfristige Alternative zu Gift wäre eine Umforstung, die von Naturschützern schon seit Jahren gefordert wird. Doch das LELF, das auch das Wort Flurerneuerung in seinem langen Titel trägt, scheint die Idee nicht zu gefallen, sonst wäre wohl längst etwas unternommen worden.

Die Brandenburger wehren sich gegen den Einsatz des Insektengifts mit einer Petition und haben ein Bürgernetzwerk gegründet. Mehr als 75.000 Unterzeichnende sind schon zusammengekommen, die den Einsatz des hochgiftigen Karate Forst in Brandenburg verhindern wollen. Das nächste Ziel liegt bei 150.000 Unterschriften. Den Brandenburgern kann man nur wünschen, dass dieser Fall ähnliche Dimensionen wie der Hambacher Forst annimmt.

Quellen: Petition bei change.org, Nabu Brandenburg

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