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Henri Nannen im Nationalsozialismus: Verseuchte Vergangenheit

Er spielte in Leni Riefenstahls Olympia-Film, schrieb Propaganda für die Nazis. Erst spät gestand stern-Gründer Henri Nannen: "Ich war zu feige."

Von Hermann Schreiber

Henri Nannen im Winter 1942 in München. Er trägt die Binde, die ihn als Kriegsberichterstatter kennzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt war er aber nicht an der Front.

Henri Nannen im Winter 1942 in München. Er trägt die Binde, die ihn als Kriegsberichterstatter kennzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt war er aber nicht an der Front.

Gleich zu Beginn von Leni Riefenstahls Film über die Olympischen Spiele in Berlin 1936, "Fest der Völker", steht ein sehr ansehnlicher junger Mann in einem weißen Hemd vor einer vollen Zuschauertribüne und spricht in zwei Mikrofone, um die er die Hände gelegt hat, mit forscher Stimme diesen Satz: "Die Olympischen Spiele haben begonnen. Die Besten der Welt sind in Berlin angetreten, und 51 Nationen kämpfen um den Sieg." Der junge Mann ist Henri Nannen.

Aber Henri Nannen war 1936 gar nicht im Berliner Olympiastadion. Die Szene ist in einem Filmstudio entstanden, und außer der Person Nannen stimmt nichts daran. Die Tribüne mit den Zuschauern ist eine Projektion, die Mikrofone sind nicht echt, und auch das Hemd ist nicht weiß, sondern blau, damit es im Schwarz-Weiß-Film weiß aussieht. Die Regisseurin Riefenstahl war beim Dreh nicht dabei, weil sie noch mit dem Schnitt ihrer Olympia-Filme beschäftigt war.

Henri Nannen im Olympia-Film

Als ihr dabei auffiel, dass ihr noch eine Sprecherszene fehlte, erinnerte sie sich an den jungen Radioreporter, der ihr auf der Tribüne vor dem "Haus der Deutschen Kunst" aufgefallen war, von der aus er für den Reichssender München die Eröffnung der "Großen Deutschen Kunstausstellung 1937" durch Adolf Hitler zu beschreiben hatte, und sie gab Order, die fehlende Szene mit jenem jungen Mann nachzustellen.

So kam Henri Nannen in den Olympia-Film, was für viele Zeitgenossen später Anlass genug war, ihn schon deshalb für einen Nazi zu halten, wie Leni Riefenstahl in ihren Memoiren ebenso zutreffend wie verbittert angemerkt hat. "Ich wäre wahrscheinlich ein ganz guter Nazi geworden", hat Nannen noch 1985 in einer Radio-Talkshow gesagt. "Ich war einigermaßen gerade gewachsen, ich war jung, und ich eignete mich nicht unbedingt zum Beiseitestehen. Aber ich bin anders erzogen worden. Ich bin also ohne jedes eigene Verdienst kein Nazi geworden. Darauf kann ich mir nichts einbilden."

Bekenntnis zu "Nazi-Artikeln"

Doch es existieren auch die "Nazi-Artikel", die Nannen für die Zeitschrift "Kunst dem Volk" über jene "Große Deutsche Kunstausstellung" in München geschrieben hat und in denen solche Sätze vorkommen: "Und wie der Führer aus unserer innersten Mitte gleichsam als Verdichtung unseres ganzen Volkes wunderhaft heraufgestiegen ist, so hat er unser Volk wieder fest gegründet auf den unerschütterlichen Grund der Herkunft und des Blutes..."

Das liest sich heute wie eine Parodie, war aber nicht so gemeint. Er habe das geschrieben, hat Nannen 1976 gesagt, "um meinen Vater zu entlasten, der als Beamter von den Nazis ohne Pension entlassen wurde, und um ein gegen mich verhängtes Studier- und Arbeitsverbot aus der Welt zu schaffen". Geglaubt hat man ihm das allerdings nicht, auch nicht beim Oberlandesgericht Hamburg, das 1964 geurteilt hat, der fragliche Artikel stehe "in keinem zeitlichen Zusammenhang zu den angeblichen Verfolgungsmaßnahmen aus dem Jahr 1934".

Henri Nannen hat sich stets zu diesen "Nazi-Artikeln" bekannt, "beschämt, aber unumwunden", hat sogar hinzugefügt, er habe das alles wirklich selbst geschrieben, es sei ihm nicht hineinredigiert worden. Und solche Bekenntnisse sind charakteristisch für Nannens Umgang mit der Nazi-Vergangenheit - weit mehr als seine Abstürze in die "nationalsozialistische Terminologie", die er als Kriegsberichterstatter und dann als Chef einer Propagandaeinheit der Luftwaffe ohnehin "draufhaben" musste - und auch hatte.

"Ja, ich war zu feige"

Immer wieder hat er sich mit der Frage herumgeschlagen, warum seine Generation Hitler nachgelaufen ist, warum sie dessen Verbrechen nicht erkannt und verhindert hat. "Es ist die Frage, die auch unsere Kinder immer wieder aufwerfen: Wie konntet ihr darauf hereinfallen? Auf dieses Regime, auf diesen dahergelaufenen Anstreicher, auf diesen Teppichbeißer?" Eine Antwort gibt er erst viele Jahre später, im Pensionärsalter: "Ja, ich war zu feige". So überschreibt er im Februar 1979 einen Brief an den "lieben stern-Leser": "Ich habe gewusst, dass damals im Namen Deutschlands wehrlose Menschen vernichtet wurden, wie man Ungeziefer vernichtet. Und ohne Scham habe ich die Uniform eines Offiziers der deutschen Luftwaffe getragen. Ja, ich wusste es, und ich war zu feige, mich dagegen aufzulehnen."

Warum das späte Bekenntnis? "Erst wenn wir nicht mehr zu feige sein werden, unserer eigenen Schuld ins Gesicht zu sehen, und erst, wenn wir bereit sind, ohne Feigheit aufzustehen gegen die ersten Anzeichen jeglicher Intoleranz - erst dann mögen wir zumindest für unsere Kinder die Gnade des Vergessens in Anspruch nehmen." Wir, "die wir verseucht sind von unserer unbewältigten Vergangenheit".

Keine "Stunde Null" in der Nachkriegspresse

Da ist es heraus. Henri Nannen, nun 65 Jahre alt, sucht keine Entschuldigungen mehr für seine Generation. "Wir haben zu oft mit den Wölfen geheult und mit den Geprügelten geschwiegen." Er ahnt nun wohl, dass er die Seuche nicht mehr loswerden würde. Die Ahnung hat ihn nicht getrogen. Immer wieder ist er mit der Seuche konfrontiert worden, mal als verleumderische Behauptung, mal als unbewiesene Unterstellung. Oder als notdürftig maskierter Vorwurf der Kumpanei mit den "Ehemaligen".

Nun war die Elite der deutschen Presse nach 1945 durchaus nicht frei von Journalisten, die diesen Beruf schon zu Nazi-Zeiten hatten. Paul Sethe, Peter von Zahn, Walter Henkels, Josef Müller-Marein zum Beispiel gehören auf die lange Liste der Männer aus den sogenannten Propaganda-Kompanien, und sie haben nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reichs" die deutsche Presse repräsentiert. Auch Verleger und Herausgeber sind unter den PK-Leuten: Ernst Rowohlt zum Beispiel und Diedrich Kenneweg, der Begründer der Illustrierten "Quick". PK-Männer waren Rudolf Hagelstange, Ernst Glaeser, nicht zu vergessen der Krimiserienautor und "Derrick"-Erfinder Herbert Reinecker.

Dass es beim Wiederaufbau nicht ohne "Ehemalige" abging, das gilt nicht nur für die Presse. Doch Zeitungen und Zeitschriften ausschließlich mithilfe von Leuten wieder erscheinen zu lassen, die das Journalistenhandwerk weder erlernt noch ausgeübt hatten, war illusorisch. Auch deshalb hat die berühmte "Stunde null" in der deutschen Nachkriegspresse nicht wirklich stattgefunden. Doch dass man einige aus der langen Liste der "Ehemaligen" ihm anlasten würde, weil er sie im stern beschäftigte - das hätte Henri Nannen gewiss jener Seuche zugeschrieben.

Verhältnis zu SS-Sturmführer Hans Weidemann

Ohne die politischen Grabenkriege der 60er und 70er Jahre, vor allem die erbitterten Kontroversen um Willy Brandts Ostpolitik, in denen Nannen und der stern eindeutig Partei ergriffen, wären rechtskonservative Zeitungen und das "ZDF-Magazin" des Gerhard Löwenthal vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, waghalsige Vergleiche zwischen der Mischung von Sex und Politik im stern und der psychologischen Kriegführung der Nazis anzustellen.

Oder sich für die Vergangenheit von, zum Beispiel, Hans Weidemann und dessen Verhältnis zu Henri Nannen zu interessieren. Ab Mitte der 60er Jahre war Weidemann Bundeswettbewerbsleiter der stern-Aktionen "Jugend forscht" und "Jugend trainiert für Olympia". Er war Rundfunkreporter wie Nannen gewesen - aber ein überzeugter junger Nationalsozialist. Und er war als SS-Sturmführer auch Vordenker einer Reorganisation an der Propagandafront: An die Stelle der Kriegsberichterstattung trat die psychologische Kriegführung, von den Nazis Aktivpropaganda genannt. Diese Reorganisation war Sache der Waffen-SS. Es mag sein, dass diese Entwicklung dem an der Ostfront eingesetzten Kriegsberichter Nannen nicht oder nur vage bewusst war.

Nannen für Aktivpropaganda eingesetzt

Belegen lässt sich, dass der Kriegsoffiziersanwärter Nannen nach einem Offizierslehrgang in Berlin im Bereich der Aktivpropaganda eingesetzt worden ist. Laut "Generalreferat Prop. Truppen" ist er am 25. Juni 1943 zu einem "Lw Prop. Zug" versetzt worden. Als Zugführer erhielt er im Januar 1944 ein neues Kommando an der Italienfront, wo die Waffen-SS bereits die Zuständigkeit für die Aktivpropaganda hatte und auch Nannens "Lw Prop Zug" in diese Zuständigkeit übernahm.

Der gemeinsame Auftrag: die Moral des Gegners zu untergraben, dessen Angriffslust zu schwächen und möglichst viele Feindsoldaten zum Überlaufen zu bewegen. Bewirken sollten das Flugblätter, die hinter die gegnerischen Linien geschossen wurden und deren - durchaus perfide - Formulierung zu Henri Nannens Auftrag gehörte. Und so traf er im Februar 1944 den SS-Obersturmführer Hans Weidemann, der gerade das Aktivpropagandaunternehmen "Südstern" aufzubauen hatte, stationiert zunächst in Florenz und dann in Bevilacqua bei Verona.

"Sir Henri war der Boss"

Die beiden Männer waren einander offenbar freundschaftlich verbunden, nicht nur, weil beide bildende Kunst liebten, sondern gewiss auch, weil sie anfällig für das waren, was man später "Dolce Vita" genannt hat. Nannen jedenfalls war es gelungen, seine spätere Ehefrau Martha Kimm in sein Frontkommando aufzunehmen. Überhaupt scheint "Südstern" ein sonderbar zusammengewürfelter Haufen gewesen zu sein. Laut Stabsschreiber Helmut Schlechtendahl waren "auch interessante Zivilisten dabei, die im letzten Moment noch eingezogen worden waren: nach meiner Erinnerung der Schriftsteller Rudolf Hagelstange und der Humorist Werner Finck".

Weidemann, so Schlechtendahl, hatte zwar das Kommando, "aber Sir Henri - so hieß er damals schon - war der Boss". Als stern-Chef hat sich Nannen später stets zu Event-Manager Weidemann bekannt; der habe ihn damals immer geschützt, auch vor dem Zugriff der Militärgerichtsbarkeit - wobei es aber nicht um Kriegsverbrechen ging, eher um die bei "Südstern" gebräuchliche Beschaffungsartistik.

Spurensucher des stern schwärmten aus

Als sich dann in den 60er Jahren die Erkenntnis des Einmaligen, Unfassbaren der Nazi-Untaten bei den Jüngeren ausbreitete und sie auf die Suche gehen ließ nach den Spuren der Wegbereiter und Mitmacher, hat Nannen sie nicht daran gehindert - so wenig wie die Spurensucher des stern, die weltweit ausschwärmten. Schon bei der Bemühung, deutsche Zeitungen von den Alliierten lizenziert zu bekommen, war ihm aufgefallen, dass er es dabei "mit den Kollegen von der anderen Seite" zu tun hatte - mit deutschen und österreichischen Emigranten nämlich, die für die Alliierten psychologische Kriegführung betrieben hatten.

Einer dieser Männer war Hans Habe, der beim Aufbau der deutschen Lizenzpresse noch eine kontroverse Rolle spielen sollte. Nannen und Habe sind Rivalen geblieben, um den Ruf des Stars unter den Illustriertenmachern - und um die Gunst der jungen Hildegard Knef, die schon ein Star war.

"Ganz normale deutsche Geschichte"

Die Seuche losgeworden ist er nicht. Als 1995 die "Tageszeitung" enthüllte, dass der 1963 zum stern gekommene Reporter und engagierte Dritte-Welt-Reisende Peter Grubbe in Wahrheit Klaus Peter Volkmann hieß und 1941/42 als junger Jurist Kreishauptmann im ostgalizischen Kolomea gewesen war, da fehlte in dem Artikel auch nicht die Behauptung: "Nur einer kannte die wahre Identität des stern-Reporters: der Chef persönlich. Henry (sic) Nannen aber - selbst als Kriegsberichterstatter an der Front - schwieg." Es wird für diese Behauptung nicht einmal der Schatten eines Beweises angeboten. Für die "Taz" stand einer, der als Kriegsberichter an der Front gewesen war, offenbar unter dem Generalverdacht der Kumpanei mit denen, "die verseucht sind von unserer unbewältigten Vergangenheit".

Volkmann alias Grubbe war 81 Jahre alt, als sein Doppelleben enthüllt wurde. Er hat allen, die ihn dann befragt haben, auch ehemaligen stern-Kollegen, die Nannen ihm ins Haus schickte, gesagt, er habe sich gegen die galizischen Juden nichts zuschulden kommen lassen, habe ihnen sogar zu helfen versucht; er sei mit sich im Reinen. Allenfalls "gescheitert" zu sein, gab er zu. In Afrika und Asien habe er versucht, durch seine Reportagen Menschen zu helfen, vergebens: "gescheitert wie in Kolomea".

Im Übrigen handle es sich bei seiner Geschichte doch um "eine ganz normale deutsche Geschichte". Nannen hat auch dazu nichts gesagt. Leni Riefenstahl, mit deren Olympia-Film Nannens vermeintliche "Nazi- Karriere" begann, hat übrigens nicht verstanden, dass und warum die Seuche ihre erst spät erblühte Freundschaft mit dem stern-Chef zerstört hat. Als 1987 ihre Memoiren erschienen, fragte ihr Verleger bei Nannen wegen einer Festrede an. Der lehnte unter Hinweis auf Lenis "Verdrängungskünste" ab. Riefenstahl reagierte gekränkt. "Was soll ich denn verdrängen?", schrieb sie Nannen. "Ich habe den Mut gehabt zu schreiben, dass ich an Hitler geglaubt habe, weil ich nicht zu denen gehören möchte, die sich um 180 Grad gedreht haben." Sie sagt nicht, ob sie Henri Nannen zu diesen Leuten zähle, sondern schließt "trotz allem mit herzlichem Gruß Deine Leni".

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